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Ein Acker-Superheld so stark wie 38 Pferde

OP-Serie: Mein Oldtimer-Traktor Ein Acker-Superheld so stark wie 38 Pferde

Wenn Oldtimer erzählen könnten … – Ach was: Geht nicht gibt es nicht. Also lassen wir einfach mal einen erzählen. Den von Helmut Keil. Der weiß noch genau, wie das alles so war, damals in den 70er Jahren, als er noch jung war.

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Für sein Alter hat der MF 133 ziemlich wenige Betriebsstunden auf dem Buckel, nämlich nur 1 400. Doch war er zur Stelle, wenn er gebraucht wurde – ein echter Freund eben.

Quelle: Thorsten Richter

Bellnhausen. „Mann, Mann, Mann, ich kann euch was erzählen. Nachdem ich zusammen­gebaut das erste Mal meinen Motor in allen Teilen meines Seins spürte, war für mich klar, dass es nichts Schöneres geben konnte, als als stolzer Traktor, als ein Massey-Ferguson MF 133 Super, mit sensationellen 38 Pferdestärken ausgerüstet, auf dieser Welt meinen Dienst anzutreten. An meinen Herstellungsort habe ich keine Erinnerung mehr, aber ich weiß, dass wir 1972 zu viert in ein Dorf kamen. Fronhausen war es.

Wir waren jung und hatten es voll drauf. Ich weiß, wir waren ungestüm, und sicher auch etwas gemein, als wir die Platzhirsche Hanomag, Kramer und Cormick von der Feldarbeit verbannten. Aber jetzt mal echt, die hatten es einfach nicht so drauf wie wir vier. Oh, wenn ich nur an dieses Ackermoped denke, das ein Traktor sein wollte. Wie hieß es noch gleich? Ach ja, Hanomag C112, Baujahr 1959.

Maschinen wurden immer größer

Vergiss es, wir waren damals echte Kerle, wenn du versteht, was ich meine. Mit uns lief die Feldarbeit einfach klasse. Das gefiel den Menschen. Und uns gefiel es auch. Ich habe meine Kumpels noch oft bei der Arbeit getroffen oder wenigstens von der Ferne bei der Arbeit auf anderen Feldern gesehen. Doch wie es so ist, im Laufe der Zeit verloren wir uns einfach immer mehr aus den Augen, und ich weiß wirklich nicht, was aus meinen MF-Kumpels geworden ist – ob sie überhaupt noch irgendwo tuckern. Und verdammt, ja, irgendwann gehörten wir zum alten Eisen und wurden von Jüngeren verdrängt, genau so, wie wir es mit unseren Vorgängern gemacht hatten.

War keine schöne Zeit, zu sehen, richtig zu spüren, wie man einfach nicht mehr mithalten konnte mit den neumodischen Traktoren. Es ist ja unglaublich, was jetzt für Riesen unterwegs sind mit so hohen PS-Zahlen, dass mir schummrig wird, wenn die an mir vorbeisausen.

Früher der Held, dann belächelt, jetzt wieder „in“

Also ich für meinen Teil kann wenigstens sagen, dass ich sehr gut behandelt wurde. Die Tage, an denen ich mich mal richtig dreckig machen musste, sind schon lange vorbei. Und die Arbeit, die ich jetzt verrichten muss, mache ich immer noch verlässlich, gerne und auch zunehmend mit Stolz, denn ich merke schon, dass ich immer öfter eingehender und intensiver angeschaut werde, von den Menschen, die an mir vorbeilaufen. Vor allem die kleinen Menschen, also die, die Kinder gerufen werden, bleiben gerne mal vor mir stehen. Zum Glück haben wir hier in Bellnhausen einen Kindergarten. So komme ich immer mal wieder mit denen in Kontakt. Ach, tut das gut, bewundert zu werden. Und die modernen Schlepper, ja, die erweisen mir auch immer mehr Respekt. Dass mich die Menschen angeschaut haben, mit mir ein bisschen angegeben und gespielt haben, das kenne ich eigentlich nur aus meiner frühen Jugend, damals 1972, ’73 und ’74. Später hatten die Menschen nur noch Augen für größere, leistungsstärkere Artgenossen von mir.

Helmut Keil übernahm Traktor in den 80er-Jahren vom Vater

Diese Zeit, o Mann, wenn ich daran zurückdenke, die war für mich echt schlimm. Verschmäht, ich wusste nicht, warum. Ich habe doch immer meinen Dienst verrichtet. Und dann kam so langsam die Angst hoch, ich spürte sie förmlich in jeder einzelnen Schraube, weil ich einfach nicht wusste, was aus mir werden sollte und wie lange ich überhaupt noch existieren würde. Und dann kam auch der Tag, an dem ich Fronhausen verlassen sollte. Aber glücklicherweise nicht, um abgeschoben, verschrottet zu werden oder als Ersatzteillager zu dienen. Nein, ich hatte echt Glück, die jüngere Generation der Menschen nahm mich mit in ihr neues Zuhause mit richtig viel Platz – auch für mich. Und so stehe ich nun hier in Bellnhausen und freue mich an jedem neuen Tag. Jetzt sei nicht zurückhaltend, schau mich ruhig genauer an. Auch wenn ich in die Jahre gekommen sein sollte, mein Blechkleid ist ohne Rost, die rote Farbe ist noch der originale Zustand.

Na, was sagst du dazu? Nun, ich weiß: Dass dem so ist, habe ich absolut nur der Pflege meines jetzigen Halters zu verdanken. Der heißt übrigens Helmut Keil. Und das ist ein prima Typ. Er hat mich Mitte der 80er Jahre von seinem Vater übernommen. Ich habe seiner Familie über all die Jahre treu geholfen, wenn sie mich brauchten. Mein Halter, der Helmut Keil, der hat sowieso ein Händchen für so Typen wie mich. Auch ein Zweirad genießt hier sein Leben. Mit dem war er auch schon mal in der Zeitung, ganz so wie jetzt mit mir. Mann, ich bin stolz, ich kann mir nichts anderes vorstellen, als noch lange, ganz lange ein Massey-Ferguson MF 133 Super zu sein.“

von Götz Schaub

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