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Schallkanonen sollen Rehkitze retten

Mähen Schallkanonen sollen Rehkitze retten

Ein Rehkitz oder anderes Tier bei der Arbeit zu töten, ist für Landwirte ein schreckliches Erlebnis. Welche Möglichkeiten es heute gibt, dies zu verhindern, war Thema einer Informationsveranstaltung.

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Ein kleines Rehkitz steht im Gras – für Landwirte bei der Mäharbeit kaum zu sehen. Andreas Mohr (links), Vorsitzender des Jagdvereins Hubertus Altkreis Büdingen, stellte eine Schallkanone zum Schutz der Jungtiere vor. Fotos: Archiv, Manfred Schubert

Quelle: Patrick Seeger

Wittelsberg. Laut Deutscher Wildtierstiftung finden jährlich mehr als 500000 Wildtiere,­ darunter mehr als 100000 Rehkitze, die zumeist Mitte Mai bis Ende Juni geboren werden, den Tod durch Mähmaschinen. Mehrere der 30 Landwirte, die in der Gaststätte Nau vom Kreisverein zur Fortbildung in der Landwirtschaft Marburg in Zusammenarbeit mit dem Kreisbauernverband Marburg-Kirchhain-Biedenkopf organisierten Veranstaltung teilnahmen, berichteten von eigenen traumatisierenden Erlebnissen mit toten oder verletzten Jungtieren. „Ich habe eine Wiese gemäht und dann ein Kitz erblickt. Erst dachte ich, ihm sei nichts passiert, dann habe ich gesehen, dass die Vorderläufe abgetrennt waren. Es hat geschrieen, die Mutter hat auch geschrieen, das ging mir nicht mehr aus dem Kopf“, erzählte Kreislandwirt Frank Staubitz.

Nicht nur, weil kein Landwirt Tiere verletzen oder töten will, sondern auch, um sich den staatsanwaltlichen Vorwurf des Vorsatzes oder der groben Fahrlässigkeit zu ersparen, sind geeignete Maßnahmen zum Vermeiden solcher Unfälle zu ergreifen. Ein Gerichtsurteil gab es zu einem der schlimmsten vorstellbaren Fälle, weil ein Landwirt einen Rentner gemäht hatte, der im Gras schlief, sagte Andreas Mohr zu Beginn seines Vortrags mit dem Titel „Technische und organisatorische Maßnahmen zur Jungwildrettung beim Maschineneinsatz in der Landwirtschaft”.

„Ich werde alle Möglichkeiten vorstellen, habe aber keine ­Patentlösung“, betonte der Vorsitzende vom Jagdverein Hubertus Altkreis Büdingen, der im vergangenen Jahr mit dem Umweltschutzpreis des Wetter­aukreises für seine Bemühungen um den Schutz der Rebhühner ausgezeichnet wurde. Grundsätzlich seien drei Ansätze, um Wild vor Landmaschinen zu schützen, zu unterscheiden: Methoden zur Vergrämung und zum Verscheuchen der Tiere, Methoden zum Aufsuchen und Sichern der Tiere direkt vor der Mahd oder der Maschine, und organisatorische Maßnahmen. Zu letzteren gehören Dinge wie Schnitthöhe und -zeitpunkt, das Belassen von Randstreifen, Mosaikmahd, Mahdhäufigkeit, Mähtechnik und Mahdrichtung.

Nicht verlassen könne man sich auf die Aufmerksamkeit des Fahrers. Unter Idealbedingungen entdecke er ein Rehkitz, wenn es noch sieben Meter entfernt sei, der Anhalteweg einer schweren Mähmaschine betrage mindestens 15 Meter.

Die Erfolgsaussichten für ein langfristiges Vergrämen der Tiere seien relativ dünn, weil sie sich an ständige Störungen schnell gewöhnen. Am Tage vor der Mahd könne man mit Tüten, Fahnen, Windrädchen, Duftstoffen, Blinklampen oder Ähnlichem Rehe gut, Junghasen oder Hennen auf Eiern dagegen kaum verscheuchen.

"Der Köter ist unschlagbar"

Bei der Wildsuche habe man auch Methoden mit Drohnen mit 35000 Euro teuren Wärmebildkameras ausprobiert, die sich als noch nicht praxistauglich erwiesen hätten, ebenso wie andere technische Suchgeräte. Der Einzige, der zu 100 Prozent alle finde, Kitze, Junghasen und Bodenbrütergelege, sei der Jagdhund mit seiner feinen Nase. „Der Köter ist unschlagbar“, sagte Mohr, schränkte aber ein, wenn das Gras blühe, setzten sich die Pollen in die Nase und nach 20 Minuten rieche er nichts mehr und brauche über eine Stunde Pause. Für kleinere Flächen könne der Einsatz eines Hundes hilfreich sein, aber für 50 Hektar bräuchte man 25 Hunde, rechnete Mohr vor.

Schließlich habe man mit „Schallkanonen“ experimentiert, die man vorne auf der Feldmaschine montieren könne. Diese „schießen“ intensive­ Töne im hohen Frequenzbereich mit 95 bis 110 Dezibel Schalldruck, welche Wildtiere­ als störend empfinden und zur Flucht führen. Größere Tiere­ verlassen den Gefahrenbereich, kleinere erkennt der Maschinenführer aufgrund ihrer Bewegung und kann anhalten. Bei der Vorführung des Geräts in dem Saal waren auch die menschlichen Zuhörer geneigt, sich die Ohren zuzuhalten oder zu flüchten.

„Wir haben 200 Geräte in der Wetterau im Einsatz, die meisten haben Jagdgenossenschaften bezahlt. Die Mehrzahl der Landwirte sagte am Saisonende, es funktioniere gut, aber einige beklagten totgemähtes Wild“, berichtete Mohr. Verbesserungsvorschläge sollen umgesetzt werden und es sollen weitere Töne ausprobiert werden, um festzustellen, bei welchen die Tiere am sichersten davonlaufen. Leider gebe es keine wissenschaftliche Arbeit zur Schmerzschwelle beim Tierohr. „Es hilft, aber nicht allein, sondern in Kombination. Einen Teil der Tiere retten sie und ersparen sich staatsanwaltliche Vorwürfe“, meinte Mohr.

Karin Lölkes, Vorsitzende des Kreisbauernverbandes Marburg-Kirchhain-Biedenkopf, resümierte: „Wir haben erkannt, es gibt nicht das Allheilmittel. Aber die 139 Euro ist mir so ein Gerät wert, wenn es nur ein Kitz rettet.“ Sie und weitere Landwirte erstanden sofort den kleinen Vorrat, den Mohr mitgebracht hatte. Eine Sammelbestellung sollte über den Kreisbauernverband erfolgen. Der Tonprozessor ist einstellbar, wenn noch wirksamere Töne gefunden werden sollten, können diese auf die gekauften Geräte aufgespielt werden, versprach Mohr.

Zu Beginn hatte Karin Lölkes über Whatsapp-Gruppen in Hessen berichtet, die man kontaktieren könne, wenn gemäht werden soll. Dann kämen Freiwillige mit ihren Hunden, um die Wiese vorher abzusuchen. Solche könnten sich auch in unsrem Landkreis bilden, regte­ sie an. Staubitz ergänzte, man solle auch die Ortsbeiräte einbeziehen.

von Manfred Schubert

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