Volltextsuche über das Angebot:

18 ° / 8 ° Regenschauer

Navigation:
Mutter nimmt ihre Tochter in Schutz

Vorwurf der Tierquälerei Mutter nimmt ihre Tochter in Schutz

Die 54-jährige Beschuldigte aus Ebsdorfergrund muss sich wegen Verstößen gegen das Tierschutzgesetz verantworten. Am dritten Verhandlungstag sagte ihre 77-jährige Mutter vor dem Marburger Amtsgericht aus, um sie zu entlasten.

Voriger Artikel
Dreihäuser Förster wird zum Opfer
Nächster Artikel
Verein bietet mobiles Mini-Volksfest

Während diese Kühe in einem sauberen Stall mit reichlich Futter untergebracht sind, sollen die Tiere der Bäuerin aus Ebsdorfergrund unter widrigen Bedingungen gelebt haben.

Quelle: Archivfoto: Arne Dedert

Marburg. Die Aussagen der Rentnerin und Hausfrau erwiesen sich als problematisch: Sie verwechselte nicht nur zeitliche Abläufe, sondern machte auf Richterin Annika Woltmann vor dem Marburger Amtsgericht den Eindruck, als berichte sie nicht immer von konkreten Ereignissen, die sie in Erinnerung hat, sondern mehrmals von Hörensagen und davon, wie es sein sollte, nicht wie es war.

Es dauerte stets, bis die ­Vorsitzende sowie Staatsanwältin Sarah Otto bis zum Kern der ­Zeugenaussagen vorstießen. Unterm Strich blieb Folgendes: Laut der 77-Jährigen, die bis zur Schließung des Betriebes im Dezember 2014 rund 50 Jahre lang dort arbeitete, lief auf dem Hof im Ebsdorfergrund alles nach Vorschrift ab.

Zeugin leugnet Vernachlässigung der Tiere

Zwischen 8 und 20 Uhr sei für die Kühe insgesamt sechsmal das Futter angeschoben worden. Auch die Wassertröge seien laut der Zeugin nicht vernachlässigt worden. „Die Menge an Futter und Wasser war absolut ausreichend“, meinte sie, „ich war jeden Tag im Stall und habe die Kühe gemolken. Da war kein unterernährtes Tier“.

Auch der Vorwurf, dass die Wiederkäuer in einem verdreckten Stall leben mussten, wies die Frau empört von sich. Zweimal pro Tag sei Jauche geschoben worden. „Den Großteil der Arbeit hat mein Sohn gemacht“, erklärte sie, die im Gegensatz zu ihrer Tochter auf dem Hofgelände wohnte. Die Familie habe sich laut der 77-Jährigen nichts zu schulden kommen lassen.

Bereits beim zweiten Verhandlungstermin waren der zuständige Amtsveterinär sowie zwei Veterinäre der Ambulanz der Justus-von-Liebig-Universität in Gießen anwesend und gaben Auskunft über den Gesundheitszustand des bereits verkauften und teils eingeschläferten Viehbestandes. Der Amtsveterinär gab an, vom Frühjahr 2013 bis zur Schließung des Betriebs im Dezember 2014 sechsmal vor Ort gewesen zu sein. Bei jedem Besuch habe er Mängel festgestellt und teils mit Bußgeld geahndet.

Verschmutzer Stall, zu wenig Futter

Er war es auch, der die Auflösung des Bestandes beschlossen und durchgeführt hatte. Mehrere Tiere seien laut ihm verwahrlost gewesen aufgrund von Krankheiten und Unterernährung, die aus mangelnder Hygiene und anderen Verfehlungen seitens der Gutsbesitzerin hergerührt haben sollen. Auch Einschläferungen mussten die Tierärzte durchführen.

Zu den Mängeln gehörte, dass Milchkühe, Kälber und Bullen im selben Stall untergebracht waren, was keinem der Tiere­ gerecht wurde. Die Liegeflächen, zwar teilweise mit Stroh bedeckt, waren nass, Regenwasser, Urin und Kot der Tiere liefen durch den Stall. Den Kälbern, so sagte er, stand kein Wasser zur Verfügung, zwei von ihnen wurden in einem alten Kartoffelsilo, das Teil des Hofes ist, gehalten. Insgesamt waren 16 Kälber und Jungtiere auf engem, nassem und unhygienischem Boden untergebracht, denen weder Wasser noch Futter zur Verfügung stand. Eines der von ihm dort vorgefundenen Tiere war nicht mehr in der Lage, aufzustehen und konnte nur noch eingeschläfert werden.

Im Milchkuhstall waren 35 Kühe und Färsen untergebracht, auch dieser war mit Ausscheidungen der Tiere verschmutzt. Elf Tiere waren leicht abgemagert, acht hochgradig unterernährt. Ein verletztes Tier, dessen Wunde am Sprunggelenk sich aufgrund der schlechten hygienischen Verhältnisse entzündet hatte, musste ebenfalls eingeschläfert werden.

Amtsveterinär veranlasste die Betriebsschließung

Daraufhin veranlasste der Amtsveterinär den Entzug des Bestandes, brachte zwei Tiere in stationäre Behandlung und die gesunden Tiere wurden bei einer Viehversteigerung verkauft. Der Bestand und damit die ­Lebensgrundlage der beiden ­
Bauern war damit aufgelöst. Anschließend wurden die beiden Veterinäre der tiermedizinischen Ambulanz der Justus-von-Liebig-Universität Gießen befragt, zu deren Behandlungsgebiet der Hof gehört und sie zudem auch bei benötigter Hilfe auf Abruf zur Verfügung standen.

Auch sie gaben an, dass die hygienischen Zustände schlimm waren. „Die Tiere standen knöcheltief in der Gülle“ sagte einer von ihnen. Diese Zustände hätten bereits vor der Übernahme des Betriebs durch die Angeklagte von ihrem Bruder geherrscht und seien mehrfach angemahnt worden. Auf die Frage des Ernährungszustandes der Rinder gaben beide an, dass zwar auch dünne Tiere in der Herde gewesen wären, sie aber keinen Zustand von Unterernährung hätten erkennen können.

von Benjamin Kaiser und Michael Noll

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr