Volltextsuche über das Angebot:

4 ° / 0 ° Schneeschauer

Navigation:
„Heute drücken wir den Startknopf“

Windkraft „Heute drücken wir den Startknopf“

Bis zu 25 Windräder könnten auf dem Höhenzug zwischen Wermertshausen und Leidenhofen entstehen. Dagegen wollen die Bürger sich wehren und in zwei Wochen eine Bürgerinitiative gründen.

Voriger Artikel
Paradies hat jetzt noch mehr zu bieten
Nächster Artikel
Ebsdorfergrund verklagt Autoriesen Daimler

Gut gefüllt: Mehr als 130 Besucher informierten sich am Donnerstagabend im Bürgerhaus in Wermertshausen über Windkraftanlagen, die im Windvorranggebiet 3141 in ihrer Heimat aktuell geplant werden.

Quelle: Patricia Grähling

Wermertshausen. Der Regionalplan Windenergie Mittelhessen sorgt jetzt auch im Ebsdorfergrund für Verärgerung: Ein 367 Hektar großer Höhenzug von Wermertshausen bis zum Leidenhöfer Kopf ist darin als Windvorranggebiet 3141 ausgewiesen und beschlossen. Damit dürfen dort Windräder gebaut werden. Allerdings werden dort laut Bürgermeister Andreas Schulz derzeit bis zu 25 Windkraftanlagen (WKA) geplant – elf von der Firma Juwi in unmittelbarer Nähe zu Wermertshausen. Und die sollen laut erster Planungen, die Juwi ihm vorgestellt habe, 233 Meter Gesamthöhe haben – die weltweit höchsten zugelassenen WKA.

Die Wermertshäuser und auch die Nachbarn aus Roßberg, Dreihausen und der Rabenau (Landkreis Gießen) beunruhigt diese­ Aussicht. Mehr als 130 Bürger kamen am Donnerstagabend zu einer Infoveranstaltung, zu der der Wermertshäuser Ortsbeirat eingeladen hatte. Ortsvorsteher Friedhelm Maikranz und Bürgermeister Schulz informierten über den Sachstand, der der Gemeinde bekannt sei. Der Physiker Meinolf Schubert, ebenfalls Wermertshäuser, sprach zudem über Gesetze, gesundheitliche Probleme durch Windkraft und visualisierte die geplanten Anlagen, die für Erschrecken unter den ­Besuchern sorgten.

Gemeinde plant zwei eigene Windräder

Schulz erklärte, dass vor sechs Wochen ein Vertreter von Juwi bei ihm gewesen sei. Das Unternehmen habe von Hessen Forst bei einer Ausschreibung den Zuschlag für die Waldflächen bei Wermertshausen bekommen. Im „Idealfall“ für die Firma könnten dort elf Windräder gebaut werden. In der gleichen Windvorrangfläche planen zudem die Waldinteressenten Dreihausen laut Schulz acht WKA, auf Nordecker Gebiet seien vier weitere geplant. Die Gemeinde selbst plane bereits seit zwölf Jahren zwei eigene Windräder am Leidenhöfer Kopf – ebenfalls in der Fläche 3141.

„Eine Kommune kann sich von den Windrädern nicht ausnehmen“, betonte Schulz in der Versammlung. „Aber wir wollen so wenige wie möglich.“ Die beiden WKA, die die Gemeinde selbst bauen und betreiben will, reichen laut dem Bürgermeister aus, um den Ebsdorfer Grund bis 2020 energieautark zu machen – zusammen mit den bereits gebauten Biogas- und Photovoltaikanlagen. Er wies aber auch darauf hin, dass nicht unbedingt alle 25 geplanten WKA auch vom Regierungspräsidium Gießen genehmigt werden. Für jede einzelne Anlage werde ein komplettes Genehmigungsverfahren inklusive Gutachten rund um Schall, Schattenwurf und Naturschutz angestoßen.

Abwarten wollen Gemeinde und Bürger dies offensichtlich nicht, sondern mit einer Bürgerinitiative Ebsdorfergrund dagegen vorgehen. Die soll am 19. Oktober um 19 Uhr im Bürgerhaus Roßberg gegründet werden. Dazu sind alle Interessierten eingeladen, betont Ortsvorsteher Maikranz – auch aus den Nachbardörfern. „Wir drücken heute den Startknopf“, sagte er. Es werde viel Arbeit und Stress bedeuten. „Aber das sind wir unseren Kindern schuldig.“ Ziel sei, maximal fünf WKA auf dem Höhenzug zu haben – mit einem Abstand zur Wohnbebauung von drei Kilometern, statt der bisherigen 1000 Meter.

Aktuell könne eine BI noch etwas erreichen. Maikranz erklärte, dass Juwi in der Planungsphase ist, die Gutachten erstellt und Zahlen zusammengetragen würden. Ab dem zweiten Quartal 2018 soll dann die Genehmigungsphase beginnen und gemäß der vorliegenden Planungen von Juwi etwa ein Jahr dauern. Im zweiten Quartal 2020 sollten die WKA dann in Betrieb genommen werden.

Wermertshäuser wollen das Gespräch suchen

Erste Schätzungen von Juwi zeigen, dass Wermertshausen von 50 Stunden Schattenwurf im Jahr und 40 Dezibel Lautstärke betroffen sei, wie Maikranz ausführte. „Das stellt aber nicht die permanente Grundbelastung dar“, kritisierte er. Ein Video, das die Wirkung von Schattenwurf in einem Wohnzimmer zeigt, sorgte für empörte Ausrufe. „Angst um die Gesundheit ist berechtigt“, führte Schubert aus. Etwa 10 bis 30 Prozent der Menschen, die nur zwei bis drei Kilometer von einer WKA entfernt leben, würden einer Studie zufolge krank. Er nannte etwa Schlafstörungen, Kopfschmerzen, Tinnitus, unscharfes Sehen, Übelkeit und Angstzustände.

Schubert kritisierte auch, dass die WKA nachts kurzzeitig bis zu 60 Dezibel laut sein dürften. „Dann werden drei Viertel der Wermertshäuser wach. Zumal es bei uns sonst besonders leise ist.“ Die Schallemission werde zudem nach einer sehr alten DIN-Norm berechnet, die nur für eine Höhe bis 30 Metern gelte und für einen Punkt – nicht für eine Fläche, die ein Rotorblatt bilde. „Überhaupt nicht berechnet werden der tieffrequente Schall und der Infraschall.“

Schulz und Maikranz gaben als nächsten Schritt nach Gründung der BI aus, mit den Flächeneigentümern ins Gespräch kommen zu wollen. Hessen Forst, Juwi und die Waldinteressenten Dreihausen haben bereits die Teilnahme an einem Diskussionsabend zugesagt. Der findet statt am 1. November um 19 Uhr. Schulz schlug zudem vor, die Landtagsabgeordneten Angela Dorn (Grüne) und Dr. Thomas Schäfer (CDU) einzuladen. „Sie sind in der Regierung und unsere gewählten Volksvertreter“, begründete er. Wenn sie dazu bewegt werden könnten, weniger Hessen-Forst-Flächen an Juwi zu verpachten, seien weitere Schritte­ unnötig. „Auch bei den Waldinteressenten sollten wir dafür werben. Das ist unsere größtmögliche Chance.“

von Patricia Grähling

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr