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Falscher Alarm löst Feuerwehr-Einsatz aus

Missbrauch des Notrufs Falscher Alarm löst Feuerwehr-Einsatz aus

Wer grundlos den Notruf wählt und durch Lügen ­einen sinnlosen Einsatz provoziert, macht sich strafbar. Wer das Ganze auch noch aus Sensationsgier betreibt, dem ist wohl nicht mehr zu helfen.

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Ein Feuerwehreinsatz verursacht Kosten – und bindet Personal. Ohne Rücksicht darauf setzte ein  23-Jähriger im vergangenen Jahr einen Notruf ab. Den Unfall, über den er berichtete, hatte es nie ­gegeben.

Quelle: Jens Wolf, Archivfoto dpa

Marburg. Ein verunglücktes Fahrzeug liegt im Waldsee in Rauischholzhausen und droht zu versinken. Diese hanebüchene Geschichte soll ein 23-Jähriger aus dem Südkreis der Rettungsleitstelle erzählt haben. Er wurde wegen Missbrauchs von Notrufen zu einer Geldstrafe verurteilt.

Das Unglück am Waldsee gab es gar nicht. Leidtragende der Alarmierung waren die Feuerwehren aus Ebsdorfergrund, die im März vergangenen Jahres mit einem halben Dutzend Fahrzeugen anrückten, um mögliche Insassen aus dem Sumpf zu retten.

Fest steht, dass die Leitstelle an diesem Abend vom Handy des Angeklagten aus alarmiert wurde. Dass er die beiden Anrufe abgesetzt hatte, stritt der Angeklagte vor Gericht vehement ab: „Ich habe keinen angerufen, Punkt.“ Sein Telefon habe er kurz zuvor verloren. Tags darauf habe es in seinem Briefkasten gelegen. Weiter äußerte er sich nicht zu den Vorwürfen.

Audiomitschnitte der Anrufe bestätigen Verdacht

Das übernahmen drei Zeugen, teils Freunde des Beschuldigten, die anfangs Gedächtnislücken vorschoben, sich mit Schuldzuweisungen sichtlich schwer taten. „Auch das Vortäuschen von Erinnerungslücken ist eine Falschaussage“, drohte Oberamtsanwältin Tina Grün schließlich entnervt. Nach mehrfacher Ermahnung wurden die Männer konkreter. Gemeinsam mit weiteren Freunden saßen sie damals zum Fußballabend vor dem Fernseher zusammen. Der Angeklagte habe sich nur zeitweise bei der Gruppe aufgehalten, verließ mehrfach den Raum und hatte sein Handy wahrscheinlich dabei, vermutete einer der Zeugen. Was er im eigenen Zimmer so tat, das wusste keiner der Zeugen.

Ausschlaggebend in der Sache waren die Audiomitschnitte der Anrufe, die den Zeugen mehrfach vorgespielt wurden: „Da ist ein Auto im Sumpf im Wald“, ist deutlich auf dem Tonband zu hören. Das Fahrzeug drohe zu versinken, „die Motorhaube ist schon weg“, warnt der Anrufer, der einen anderen Namen als den des Angeklagten nennt. Ob jemand in dem Wagen sitzt, könne er nicht erkennen, erklärt er auf Nachfrage der Leitstelle. „Es wäre gut, wenn die Feuerwehr kommt“, schlägt er vor und verspricht an der Straße zu warten, die Einsatzkräfte zum Unfallort zu lotsen. Angetroffen wurde während des sinnlosen Einsatzes aber niemand.

Während der Hörprobe zeigte sich zunehmend Überraschung in den Gesichtern der Zeugen. Alle gaben schließlich an, dass sie die Stimme auf den Bändern erkannten. „Er war es, hundertprozentig. Es ist leider so“, sagte­ einer von ihnen frustriert und meinte seinen Freund auf der Anklagebank. „Es ist schwer zu sagen – in manchen Teilen würde ich sagen: ja“, teilte ein andere mit. Er vermutete, dass der Anrufer ein Tuch oder Ähnliches über das Handy gelegt habe, so dass die Stimme leicht verzerrt sei. „Ich bin mir sehr sicher“, erklärte eine frühere Arbeitgeberin des Beschuldigten, die seine charakteristische Stimme auf dem Band sofort erkannt haben wollte.

23-Jähriger muss Geldstrafe zahlen

In diese Richtung tendierte­ auch die Anklage, die den ­Beschuldigten als überführt ansah und den Missbrauch von Notrufeinrichtungen kritisierte. „Das ist kein Kavaliersdelikt – da sitzen Leute, die andere retten“, betonte Grün.
Die Geschichte über das ­gestohlene Handy, das am Tag später wie zufällig wieder aufgetaucht sei, wertete sie als „Schutzbehauptung“. Sie glaubte eher der Einschätzung der seit Jahren mit dem Beschuldigten bekannten Zeugen.
Deren Annahmen stellte die Verteidigung infrage. Weder seien die Zeugen ausgewiesene Sprachexperten, noch sei die Stimme zweifelsfrei dem Angeklagten zuzuordnen, befand Verteidiger Sascha Marks und erinnerte an frühere Strafprozesse zum Thema. „Ich kenne kein einziges Schrift- oder Stimmengutachten, das zu einem eindeutigen Ergebnis kommt“, betonte der Anwalt, der einen Freispruch beantragt hatte.

Strafrichterin Annika Woltmann verurteilte den Angeklagten zu 35 Tagessätzen zu je 15 Euro, also zu einer Gesamtstrafe von 525 Euro. Sie hob hervor, wie unsinnig der durch einen Fakealarm ausgelöste Einsatz war, der Kräfte gebunden hatte, die vielleicht andernorts dringend hätten gebraucht werden müssen. „Man muss die Konsequenzen eines solchen Anrufs berücksichtigen“, mahnte Woltmann.

Zu diesem Punkt keimte während der Verhandlung der Verdacht auf, dass der Angeklagte, der selber in einer freiwilligen Feuerwehr aktiv ist, den Alarm zu dem Zweck auslöste, als Retter in Aktion treten zu können. Der Anrufer habe explizit nach der Feuerwehr verlangt, für die Anklagevertreterin ein deutliches Anzeichen, dass reine Sensationslust mit im Spiel war. Ob sich der Mann damit einen tristen Abend mit einem Einsatz aufpeppen wollte, konnte nicht festgestellt werden.

von Ina Tannert

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