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„Er ist unser Papa im Glauben“

Protest gegen Stellenkürzung „Er ist unser Papa im Glauben“

Aufruhr in der Kirchengemeinde Ebsdorf: Pfarrer Sven Kepper soll versetzt, die dann freie halbe Stelle auf eine viertel Stelle heruntergekürzt werden. Die Mitglieder der Kirchengemeinde kämpfen für den Hachborner Pfarrer.

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Gut gefüllt war die Kirche in Hachborn am Montagabend: Mehr als 300 Kinder, Jugendliche und ­Erwachsene kamen, um Dekan Burkhard zur Nieden (kleines Foto) deutlich zu machen, dass sie ­gegen die Kürzung der Pfarrstelle in Hachborn, Ebsdorf und Leidenhofen sind.

Quelle: Patricia Grähling

Hachborn. Vor 14 Tagen haben sie erfahren, dass Pfarrer Sven Kepper gehen soll, erklärt Konrad Bender, der Vorsitzende des Kirchenvorstands von Ebsdorf, Leidenhofen und Hachborn. Die Kirchengemeinde hat derzeit eineinhalb Pfarrstellen: ­Eine volle Stelle hat Eric Weidner; Sven Kepper ist seit knapp vier Jahren mit einer halben Stelle­ da, bringt sich überwiegend in Hachborn ein. Nun soll laut Bender gekürzt werden: Die Kirchengemeinde soll nur noch 1,25 Stellen zur Verfügung haben. Kepper solle gehen, dafür solle eine Pfarrerin aus Winnen von einer halben auf eine dreiviertel Stelle aufgestockt werden - und die zusätzliche Zeit für Hachborn einbringen.

Die Kirchengemeinde wehrt sich dagegen, hat bereits mehr als 1200 Unterschriften gesammelt und am Montagabend in der Kirche vor mehr als 300 Gemeindemitgliedern ihre Bedenken gegenüber Dekan Burkhard zur Nieden hervorgebracht.

„Wir werden weitergehen in unserem Protest“

Viele Menschen aus den drei Dörfern ergriffen Partei für „ihren“ Pfarrer Kepper. Sie lobten seine Arbeit, seine gewachsene­ Verbindung zur Dorfgemeinschaft, hoben seine Fähigkeit hervor, kindgerecht zu predigen und schon die Jüngsten für den Glauben zu begeistern. Er verstehe die Ängste der Menschen, mache den Sonntag mit seiner Predigt zu einem besseren Tag.

Holger Adler, der den Protest mit organisierte, sprach von Wut und Vertrauensverlust gegenüber der Kirche. Doris Naumann, Leiterin der evangelischen Kita in Hachborn, zeigte­ sich traurig und verbittert. „Aber wir bekennen uns klar zu den eineinhalb Pfarrstellen in unserer Kirchengemeinde und zu Pfarrer Kepper“, betonte sie. „Und wir werden weitergehen in unserem Protest bis zum Bischof, untermalt von weiteren Aktionen, die nicht still und leise ablaufen werden.“ Schon Luther habe vor 500 Jahren erklärt, dass auch die kleinen Menschen eine Stimme haben. „Es gibt keine Entscheidung, die nicht revidiert werden kann“, rief sie ­unter dem Applaus von 300 ­Besuchern aller Altersklassen.

Hachborns Ärztin Dr. Michaela­ Kern sprach von Keppers (Foto: Patricia Grähling) außergewöhnlichem Talent, Menschen anzusprechen. In den vergangenen Tagen habe sie viele Gespräche geführt - und sehe massive Kirchenaustritte,­ wenn Kepper versetzt werde. Ihr Mann, Professor Horst Kern, erklärte, dass er als Dekan an der Uni auch oft mit Einsparungen beschäftigt gewesen sei. „Aber bei allen Entscheidungen haben wir nicht nur quantitative, sondern vor allem qualitative Gesichtspunkte berücksichtigt.“

In der Kirche würden Gläubige­ und der Nachwuchs an Pfarrern fehlen - Einsparungen seien nicht das Heilmittel. Hans-Heinrich Emmerich vom Kirchenvorstand befürchtete mindestens zehn Wochenstunden Mehrarbeit für Pfarrer Weidner. „Wie das gehen soll, fragen wir mal seine Frau und seine drei kleinen Kinder“, riet er. Eine Viertel-Stelle sei ja gut gemeint, aber kein adäquater Ersatz. „Seelsorge und Konfirmandenfahrten bleiben doch auf der Strecke, wenn Pfarrer Weidner sie nicht zusätzlich macht.“

Hachborner kündigen Kirchenaustritte an

Ein paar Zahlen hatte der Kirchenvorstand auch dabei: So habe es in diesem Jahr bislang 32 Gottesdienste in Hachborn gegeben mit 1458 Besuchern. Bei denen von Kepper seien im Schnitt 74 Besucher dabei gewesen, bei anderen nur 26.

Dekan zur Nieden erklärte, dass die Kirche derzeit zwei Prozent Mitglieder pro Jahr verliere, der Glaube zurückgehe. Im Kirchenkreis Marburg mit Ebsdorfergrund, Weimar, Fronhausen und Lohra gebe es nur noch etwa 45 Prozent Protestanten. 2008 gab es 33,5 Pfarrstellen - innerhalb von zehn Jahren sollten 4,75 ­gekürzt werden. „Wir müssen noch 1,25 bis Ende des Jahres kürzen“, sagte zur Nieden.

Er selbst habe dafür Vorschläge gemacht: eine Stelle in Lohra, eine an der Elisabethkirche und 0,25 in Hachborn. „Es ist jedes Mal bitter“, erklärte er. Er selbst habe eine Pfarrstelle­ durch eine Kürzung verloren. Bislang sind laut zur Nieden 23 von 31 Kirchengemeinden von Kürzungen betroffen. „Aus Gerechtigkeitsgründen muss auch hier gekürzt werden.“

Die Energie und die Botschaft aus Hachborn habe er gespürt, betonte der Dekan. Die Argumente werde er an den Bischof weitergeben. Doch er forderte die Gemeindemitglieder auch auf, selbst tätig zu werden und ihre Argumente und Unterschriften gesammelt dem ­Bischof zu schicken.

Größtenteils war es ein ruhiger Abend: Die Menschen hörten dem Dekan zu. Dieser wiederum lauschte den Argumenten der Menschen, die sich für Kepper einsetzten, und machte viele Notizen dazu. Unmut gab es zum Abschluss dennoch, denn zur Nieden ließ sich nicht auf das Versprechen ein, sich dafür einzusetzen, dass Kepper in Hachborn bleiben kann. „Ich verspreche, dass ich mich dafür einsetze, dass es für den Ort gut weitergeht und ich verspreche, ich gebe mir Mühe, dass es für Sven Kepper gut weitergeht“, betonte er. „Ich kann nicht versprechen, dass beides zusammenhängen wird.“

Eine Besucherin fand Abschlussworte, die in stehenden Ovationen für Kepper endeten: „Wenn wir Brüder und Schwestern im Glauben sind, dann ist Pfarrer Kepper unser Papa - und man darf die Familie nicht trennen.“

von Patricia Grähling

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