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„Die Ruhe und das Temperament“

Eiserne Hochzeit „Die Ruhe und das Temperament“

Dass Unterschiede sich durchaus anziehen und große Hürden überwinden können – das beweisen Elsa und Heinrich Schneider aus Ebsdorf seit mittlerweile 65 Jahren.

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Elsa und Heinrich Schneider aus Ebsdorf sind seit 65 Jahren verheiratet – auch wenn es manchmal nicht einfach war.

Quelle: Ina Tannert

Ebsdorf. Im eleganten Sonntagsdress sitzt das Paar eng beieinander. Sie in weißer Bluse, er im schwarzen Anzug mit Hemdkordel. Es fällt ihnen gar nicht auf, aber sie sitzen wie selbstverständlich Knie an Knie auf dem großen Sofa im Wohnzimmer des Familienhauses. Heute haben sie dafür jede Menge Zeit, doch das war nicht immer so.

Der 87-Jährige und seine zwei Jahre ältere Frau lernten sich im Jahr 1951 bei einem Arztbesuch in Kassel kennen. Der junge Wachsoldat der US-Armee kam zur Gesundheitskontrolle. Die „nette und wunderschöne“ Haushaltshilfe der Praxis fiel ihm dabei sofort auf, erzählt Heinrich Schneider mit einem Lächeln. Wie es der Zufall so wollte, traf man sich wenig später in der Straßenbahn wieder. „Dann habe ich sie eingeladen und wir haben uns verliebt“, erzählt er.

Junges Paar musste viele Hürden überwinden

Doch das junge Paar hatte es anfangs nicht leicht. Der Grund: Eigentlich plante der junge Soldat, in die Vereinigten Staaten auszuwandern, war bereits versetzt worden. „Dann sagte mir Elsa: ‚ich bekomme ein Baby‘“, erinnert er sich noch heute. Mit ihm in die USA zu emigrieren, kam für die junge Frau aber nicht infrage. Kurz zuvor musste die gebürtige Sudetendeutsche bereits aus ihrem Zuhause fliehen. „Ich hatte schon einmal meine Heimat verloren und wollte Deutschland nicht verlassen“, erzählt Elsa Schneider.

Kurz vor seinem Abzug und nur mit Glück gelang die schnelle Versetzung in eine deutsch-amerikanische Einheit. Somit blieb der werdende Vater im Lande und mit seiner großen Liebe zusammen.

Kaum war diese Hürde überstanden, kündigten sich weitere Probleme an: das Paar durfte nicht heiraten. Er ist evangelisch, sie war katholischen Glaubens, zudem war bereits ein Kind unterwegs. „Das war ein Problem damals, wir durften nicht in der Kirche heiraten“, erzählt die Seniorin. Ihr blieb nur eines: „ich musste umschulen.“ Sie trat dem evangelischen Glauben bei.

Nach der Hochzeit folgten fünf Töchter

Am sechsten April 1952 heiratete das Paar schließlich, zwar nicht in der Kirche und nicht im weißen Brautkleid, sondern standesamtlich und in der Stube des Pfarrers. Im selben Jahr kam ihre erste Tochter Elisabeth zur Welt, vier weitere Mädchen folgten. Lächelnd steht Heinrich Schneider auf, zeigt eine ganze Reihe gerahmter Bilder an der Wand, betrachtet stolz seine Kinder, samt acht Enkeln und mittlerweile drei Urenkeln – alle drei natürlich Mädchen. „Wir sind eben eine Mädchen-Familie.“

Die siedelte sich im Jahr 1961 in seinem Geburtsort Ebsdorf in einem neuen Haus an. Während er als Hauptfeldwebel und Armeeausbilder überall im Land stationiert war, kümmerte sich seine Frau um die Kinder. Wichtig war ihr stets eine tadellose Schulbildung, schon während ihrer eigenen Schulzeit schrieb sie gute Noten und gab ihren Hang zur Bildung an ihre Kinder weiter, die heute ein erfolgreiches Berufsleben führen, erzählt die stolze­ Mutter. „Ich konnte ihr dabei nie viel helfen, ihr ist es zu verdanken, dass alle fünf Mädchen etwas geworden sind“, freut sich der Vater.

Eiserne Hochzeit im Kreise der Familie

Viel zu Hause war Heinrich Schneider während seiner Dienstzeit bis 1982 nicht, konnte nur im Urlaub bei seiner Familie sein. Das war nicht immer einfach für das Paar, den ein oder anderen Ehekrach haben beide­ hinter sich, „es gab auch mal Streitigkeiten, aber man darf nie wütend zu Bett gehen“, zitiert Elsa Schneider eine alte Weisheit. Die konnte das Paar stets einhalten, auch wenn sich beide im Wesen nicht besonders gleichen.

Als alter Soldat ist Heinrich Schneider „der Korrekte und manchmal etwas laut“. Seine geduldige Gattin war dagegen der Ruhepol in der langjährigen Ehe. „Sie hat mir Ruhe beigebracht“, sagt ihr Ehemann und nimmt liebevoll die Hand seiner Elsa. Sie brachte ihren energischen Mann stets zur Raison, wenn der über die Strenge schlug, „ich bin ja kein Rekrut“, stellt sie klar.

Die gewohnte Disziplin merkt man dem Gatten noch heute im hohen Alter an, während sie mit einem wissenden Lächeln entspannt neben ihrer großen Liebe auf dem braunen Sofa sitzt. Die beiden sind eben „die Ruhe und das Temperament“, wie es Heinrich Schneider mit einem Schmunzeln ausdrückt. Ihren heutigen Ehrentag gehen sie gemütlich an, feiern ihre­ ­eiserne Hochzeit bei einem gemeinsamen Essen im engsten Kreis.

von Ina Tannert

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