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Drogenküche zwischen WC und Dusche

Aus dem Gericht Drogenküche zwischen WC und Dusche

Meth als Medizin – weil er in seiner Wohnung ein kleines Crystal Meth Labor betrieb, wurde ein Mann aus Ebsdorfergrund zu einer Geldstrafe verurteilt. Seine Beweggründe überraschten vor Gericht.

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Blaue Kristalle: Aus Schnupfenmittel, Jod und Phosphor stellte der Angeklagte Crystal Meth zusammen.

Quelle: Archivbild

Marburg. Mit 60 Tagessätzen zu je 25 Euro ahndete das Strafgericht den zweifachen Verstoß gegen das Betäubungsmittelgesetz und einen Verstoß gegen das Sprengstoffgesetz. Der Meth-Koch bewahrte in seiner eigenen Wohnung nicht nur ­geringe Mengen an illegalen Drogen, sondern auch Schwarzpulver auf.

Die kleine Drogenküche, die der angeklagte 51-Jährige in seinem Badezimmer amateurhaft zusammengebaut hatte, flog Ende September 2015 auf. In seiner Wohnung im Südkreis fand die Polizei vier Fläschchen Methamphetamin, gelöst in Benzin. Insgesamt knapp ein Liter Flüssigkeit. Darüber hinaus fanden sich einige Gramm Marihuana und Haschisch sowie 130 Gramm Schwarzpulver in einem Glas.

Meth zum Eigenbedarf, nicht zum Verkauf

Dass er die Droge selber hergestellt und konsumiert hatte, gab der Angeklagte am vergangenen Mittwoch vor dem Marburger Strafgericht zu. Für den Verkauf war das Crystal dabei nicht gedacht, sondern zur Selbsttherapie, berichtete er freigiebig über seine Beweggründe. Drogen hergestellt habe er „aus einer großen gesundheitlichen Not heraus“. Der Mann leidet seit mehr als 30 Jahren an einem schweren Fall von Depression, gilt nach eigenen Angaben als mittlerweile untherapierbar und erwerbsunfähig. „Viele hundert Stunden“ habe­ er in der Psychotherapie verbracht, wurde stationär behandelt, im In- wie im Ausland. „Ich war sogar bei Wunderheilern – nichts half mir“, teilte er frustriert vor Gericht mit.

Mehr als 50 verschiedene ­Medikamente gegen Depression probierte er aus, eine langfristige Besserung trat nie ein, er galt als hoffnungsloser Fall. „Das Ende der Fahnenstange­ war erreicht, Medikamente zeigten nur mäßigen oder gar keinen Effekt“, bestätigte auch sein behandelnder Psychotherapeut. Schließlich nahm der Beschuldigte die Sache selber in die Hand. Im Internet fand er Berichte über Behandlungsmöglichkeiten mit Metham­phetamin, das auch in der Pharmazie verwendet wird. Er informierte sich über Produktion und Wirksamkeit der synthetisch hergestellten Droge. Zutaten extrahierte er aus einem Schnupfenmittel, Jod oder Phosphor und kochte alles in seinem Badezimmer zusammen. „Ich wollte schauen, ob es mir hilft“, berichtete der Mann dem Anschein nach ruhig und gefasst vor Gericht.

Penibel genau habe er die richtige Dosierung der Droge erforscht, bis sich seiner Meinung nach eine Besserung ­seiner Beschwerden einstellte. Die gefundenen THC-Produkte­ nutzte er als weitere „Hilfsmittel“ der Selbstmedikation.

Angeklagter handelte aus Verzweiflung

„Sie wussten schon, dass das illegal ist?“, fragte Strafrichterin Barbara Steinmann genauer nach. Eindeutig wusste er, dass er sich strafbar machte, er handelte aus Verzweiflung, „aus der Not heraus“, teilte der Angeklagte mit. Eine professionelle Produktion der Droge zum Verkauf, habe er dabei nicht verfolgt, auch nicht im Kleinen, bestätigte ein Polizist, der Verständnis für die „verzweifelte Lage“ des Mannes zeigte.

Die bei ihm gefundene Menge­ an gelöstem Methamphetamin beinhaltete 1,67 Gramm Base, also der per Gesetz tatsächlich strafbare Wirkstoff. Dass dieser­ sich noch im Bereich der sogenannten geringfügigen Menge befindet, darauf wies Verteidigerin Marina Marshall ausdrücklich hin. Vor dem gesundheitlichen Hintergrund ihres Mandanten spekulierte die Anwältin auf eine Einstellung des Verfahrens. Dem schloss sich Amtsanwältin Tina Grün nicht an, zeigte aber Verständnis für das Handeln des Angeklagten: „Ich verstehe den Grund und den Leidensweg – aber er hat in Eigenregie Methamphetamin hergestellt“, fasste die Vertreterin der Staatsanwaltschaft zusammen.

Hinzu komme das bei ihm ­gefundene Schwarzpulver, das der Mann aus Feuerwerkskörpern gewonnen hatte, die er aufbrach und den Inhalt behielt. Die Aufbewahrung des Treibmittels gilt als Umgang mit explosionsgefährdeten Stoffen. Für alles zusammen erhielt der Mann eine Geldstrafe, die sich im unteren Bereich bewegt. „Ich sehe den Leidensdruck, dennoch kann man sich nicht über das Gesetz hinwegsetzen“, stellte die Richterin fest.

von Ina Tannert

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