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Und plötzlich ist alles anders

Die Geschichte von Thorsten Naumann Und plötzlich ist alles anders

Cannabis. Ein Wort, das provoziert. Für die einen gefährliche und suchtverheißende Einstiegsdroge. Für Thorsten Naumann die Medizin, die ihn "einigermaßen durch den Tag bringt".

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Thorsten Naumann zeigt seinen „Vaporizer“, der die Cannabisblüten langsam erwärmt, so dass die Wirkstoffe der Pflanze in Dampf übergehen, ohne dabei zu verbrennen.

Quelle: Dennis Siepmann

Dreihausen . Wie hätte seine Zukunft wohl ohne diese Vergangenheit ausgesehen? „Nun, jeder hat sein Los, und leicht ist keines“, schreibt Hermann Hesse. Diese Zeilen aus dem „Steppenwolf“ bekommen eine ganz eigene Bedeutung, wenn Thorsten Naumann beginnt, seine Geschichte zu erzählen. Die beginnt genau einen Tag vor Heiligabend. Es ist der 23. Dezember 1983, den der Familienvater nie vergessen wird. Und es fühlt sich ein bisschen so an, als ob der schreckliche Unfall bis heute anhielte. Als würde das Krachen der Windschutzscheibe und das metallene Quietschen des Autos, das seine Beine mit einem fürchterlichen Stoß zermalmt, noch immer nachhallen.

„Es war eine Dumme-Jungen-Aktion“, sagt Naumann. Heute ist er weit davon entfernt, nachtragend zu sein. Zu viel Zeit ist vergangen. „Ich habe gelernt, für die positiven Dinge im Leben zu kämpfen“, sagt er.

Vier Nägel im Oberschenkel

Fahrer und Beifahrer hätten damals einfach Leute erschrecken wollen. Mit dem Auto hielten sie auf Passanten zu und lenkten im allerletzten Moment wieder in die Gegenrichtung. Im Fall von Thorsten Naumann und seinen beiden Begleiterinnen ging das gründlich schief. Der damals 16-Jährige wurde als erstes von dem Auto auf dem Bürgersteig erfasst, danach die beiden Mädchen (siehe Meldung aus der OP oben). Alle drei verletzten sich schwer.

Naumann am schwersten. Bis heute musste er über 50 Mal operiert werden, allein in den ersten drei Jahren nach dem Unglück 35 Mal unter Voll­narkose. Besonders oft am linken Bein, in dem sich in direkter Folge eine Knochenmarkentzündung ausgebreitet hatte. „Vier Nägel im Oberschenkel, die an der Seite herausragten, wurden mit einer Stange verbunden, an der wiederum ein Schraubmechanismus angebracht war. Daran musste ich jeden Tag drehen“, erläutert Naumann beispielhaft die Folgen einer OP aus dem Jahr 1986. Seine Krankenakte ist heute umfassend wie die einer ganzen Orthopädie-Station. Schädel-Hirn-Trauma, Wirbelsäulenschäden und zahllose Knochenbrüche trug er als direkte Folgen des Unfalls davon. Später folgt die Diagnose Rheuma und in jüngster Vergangenheit eine Krebserkrankung. Aufgrund der multiplen Beschwerden ist Naumann auf Basismedikante wie Kortison angewiesen.

Die Auto-Insassen beschuldigten sich später gegenseitig, den Unfall verursacht zu haben. Das Gericht konnte keinem der beiden die eindeutige Schuld nachweisen - es stand Aussage gegen Aussage. Und obwohl Naumanns Körper übersät ist mit den Narben, die ihn Zeit seines Lebens an diesen kalten Dezemberabend erinnern werden, sind die seelischen Wunden längst geschlossen. Da ist kein Rachegefühl gegenüber den „Tätern“ und da ist auch keine Selbstaufgabe. Was Thorsten Naumann heute beschäftigt, ist der Kampf um das Mittel, das ihn als bisher einziges „einigermaßen durch den Tag bringt“, wie er sagt.

Der Speicher stehe voll mit verschreibungspflichtigen Medikamenten - starke Opiate darunter. Naumann würde sie am liebsten für immer dort stehenlassen, weil die Nebenwirkungen zum Teil fatal sind. Die Mittel, die ihn eigentlich gesund machen sollen, greifen unter anderem seinen Magen- und Darmtrakt an, sorgen für Blutungen oder versetzen ihn in einen Dämmerzustand.

In den 1980ern durchläuft Naumann Therapie um Therapie. Im Gespräch mit anderen Schmerzpatienten und auch Ärzten hört er zum ersten Mal von Cannabis als Medizin. „Ärzte haben zu dieser Zeit verständlicherweise nur hinter vorgehaltener Hand darüber geredet. Schließlich drohte ihnen der Verlust ihrer Approba­tion, oder sie wurden nach der Verschreibung eines THC-haltigen Medikamentes durch die Krankenkassen in Regress genommen“, beschreibt Naumann die Situation gegen Ende der 80er-Jahre.

An dieser Stelle gesteht der Familienvater, der mittlerweile sogar Großvater ist: „Ja klar habe ich mich in dieser Zeit in der Illegalität bewegt.“ Allein - die Wirkung der Pflanze hilft ihm bis heute, die dauernden Schmerzen und Nervenleiden in seinem Körper abzudämpfen. „Ganz ohne Nebenwirkungen“, wie er berichtet.

Die Schmerzen seien zwar nicht völlig verschwunden, aber viel erträglicher. Zudem brauche er keine zusätzlichen opiat­haltigen Medikamente einzu­nehmen. Trotz der Vorteile, die für den 49-Jährigen ganz offensichtlich sind, merkt Naumann immer wieder, dass beim Thema Cannabis die medizinischen und therapeutischen Gesichtspunkte nicht ernst genommen werden.

Vielmehr beherrschten oftmals Schlagwörter wie „Sucht“, „Abhängigkeit“ und „Einstiegsdroge“ die öffentliche Diskussion. Für ihn und viele tausende Schmerzpatienten sei es jedoch eine hoffnungsvolle Alternative zu den Produkten der Pharmaindustrie. „Das hat wirklich nichts mit Spaßkonsum zu tun“, sagt Naumann. „Ich besitze eine Ausnahmegenehmigung der Bundesopiumstelle. Dafür musste ich nachweisen, dass eine schwere Erkrankungen vorliegt, bereits alle Therapiemöglichkeiten ausgeschöpft sind und ein Therapieversuch mit Cannabis erfolgreich war“, erklärt Naumann.

Mittlerweile sei er „jeden Weg gegangen, den ich gehen muss“, damit sein Leiden auch von seiner Krankenkasse anerkannt wird. Eine finanzielle Unterstützung verwehrt ihm die Versicherungsgesellschaft jedoch bis heute. „So langsam merke ich schon, dass mir die Kraft ausgeht. Es ist schon ein bisschen ein Kampf gegen Windmühlen“, sagt Naumann.

Explosion der Kosten

Den Antrag zur Kostenübernahme habe seine Krankenkasse an den „Medizinischen Dienst der Krankenkasse“ (MDK) zur Prüfung weitergeleitet. Der Dreihäuser legte immer wieder neue Atteste und Bescheinigungen vor, um sein Leiden zu veranschaulichen. Dennoch wurde ihm schriftlich mitgeteilt, dass „die Verordnung von Cannabis-Blüten als nicht notwendig, nicht unbedenklich und nicht wirtschaftlich“ abgelehnt wurde. Ein Schlag in die Magen­grube für den Familienvater.

Besonders übel stößt Naumann auf, dass er mit den zuständigen Ärzten nur schriftlichen Kontakt hat: „Die kennen mich doch gar nicht und wollen entscheiden, was mir gut tut?“, sagt der 49-Jährige mehr genervt als fragend. Lieber „sollen die mal ihr Herz öffnen und den Menschen zuhören, die da ihr Leid klagen“, findet Naumann. Es müsse eben noch eine Menge Aufklärungsarbeit geleistet werden: „Es ist wichtig, dass Ärzte und Apotheker geschult werden.“ Er selbst habe sehr viel Zeit investiert, um sich mit dem Thema „Cannabis als Medizin“ auseinanderzusetzen. Mittlerweile ist der 49-Jährige ein echter Fachmann und arbeitet in vielen Gruppen und Vereinen zum Thema mit.

Am heutigen Donnerstag läuft die Sondergenehmigung zum Erhalt von Cannabisblüten für Thorsten Naumann aus. Das Gesetz will es so. Damit explodieren jedoch die Kosten für den Frührentner.

Bislang sei es so gewesen, dass die Apotheken die Cannabis-Blüten bestellt und an die Schmerzpatienten weitergegeben hätten, erklärt Naumann. Nun gäbe es jedoch einen Zwischenschritt, der per Gesetzbeschluss eingefordert wird: eine kostspielige Labor-Untersuchung der bestellten Blüten.

Als Folge verteuert sich der Preis für die Blüten von etwa 75 Euro für 5 Gramm auf 120 Euro und mehr, erklärt Naumann. Schon jetzt bezahlt er mehr als 1000 Euro im Monat für die Medizin, die ihm nachgewiesenermaßen am besten hilft. Nun stehe er vor dem finanziellen Ruin: „Man lässt mich am ausgestreckten Arm verhungern.“

Bei der Frage, wie es wohl weitergeht, schaut Thorsten Naumann für einen kurzen Moment etwas ratlos auf den großen Aktenordner, der vor ihm auf dem Tisch liegt und gefüllt ist mit seinen Anträgen, den Ablehnungen, den Attesten und den erneuten Anschreiben. Ebenso schnell fängt sich sein Blick jedoch wieder und er hebt den Kopf. Mit der Kraft seiner Familie, die ihm die größte Stütze sei, werde er weiter kämpfen.

Denn längst ist es ein Kampf, den er nicht mehr nur für sich selbst austrägt, sondern für alle Schmerzpatienten, die ähnliche Erfahrungen machen mussten. Es stimmt wohl: Jeder hat sein Los, und leicht ist keines. Es kommt aber wohl darauf an, was man mit seinem Los anstellt …

von Dennis Siepmann

 
Hintergrund
Mit dem Inkrafttreten des neuen Gesetzes am 10. März hat die Bundesregierung Cannabis als Medizin freigegeben. Ärzte können seither Cannabisblüten auf einem Betäubungsmittelrezept verschreiben. Die Krankenkassen wurden in diesem Zuge dazu verpflichtet, die Kosten zu übernehmen.
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