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Auf den Spuren eines jüdischen Lebens

Die Geschichte von Henni Walldorf Auf den Spuren eines jüdischen Lebens

Henni Walldorf aus ­Ebsdorf besuchte die ­Elisabethschule, heiratete, bekam ein Kind – und musste wegen der Judenverfolgung nach Südafrika fliehen. Zwei Schülerinnen haben ihre ­Geschichte ­erforscht.

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Stolpersteine im Gehweg erinnern in Ebsdorf an die Familie Walldorf: Die Eltern wurden ermordet. Den beiden Kindern gelang die Flucht nach Südafrika. Schülerinnen erinnern an die Geschichte von Tochter Henni Walldorf.

Quelle: pat

Ebsdorf. Die Familie Walldorf lebte einst in Ebsdorf, betrieb dort ein Geschäft. Das war vor dem Zweiten Weltkrieg, vor der Zeit der Judenverfolgung. Die jüdische Familie hatte gute Verbindungen in den Ort, besaß eines der wenigen Autos und beschäftigte sogar einen eigenen Fahrer. Nach 1933 änderte sich das. Ein Teil der Familie überlebte den Nationalsozialismus nicht.

In ihrer Arbeit für den ­Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten sind Teresa Dönges und Maike Bonacker in das Leben von Henni Walldorf eingetaucht. Die junge Ebsdorferin war eine Schülerin der Elisabethschule, damals eine reine Mädchenschule. Wie hat sie gelebt? Welches Schicksal hat sie ereilt? Und was ist mit ihrer Familie passiert?

Damit haben die Schülerinnen sich intensiv auseinandergesetzt. „Wir waren ­einige Male in Ebsdorf und haben uns dort auf Spurensuche begeben“, erzählen sie. Mit einigen Zeitzeugen hätten sie intensive Gespräche geführt und so einiges erfahren. Das Erfahrene rund um das jüdische Leben auf dem Dorf, um die Familie Walldorf und die Elisabethschule haben sie schließlich für den Wettbewerb zusammengefasst.

Stellvertretenden Schulleiterin wurde Lehrerlaubnis entzogen

An der Elisabethschule lehrte auch Hedwig Jahnow, die damalige, stellvertretende Schulleiterin, fanden die Schülerinnen heraus. Ihr wurde 1933 durch das Gesetz zur „Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ die Lehrerlaubnis entzogen. Außerdem durften ab dann nicht mehr als 1,5 Prozent der Schülerinnen jüdisch sein. Ab 1938 war es laut den beiden jungen Lokalhistorikerinnen den Lehrern gar nicht mehr zuzumuten, jüdische Kinder zu unterrichten.

Auch Henriette Walldorf aus Ebsdorf besuchte die Elisabethschule von 1924 bis 1927. Sie wurde 1912 geboren, hatte ­einen jüngeren Bruder, der die „Adolf-Hitler-Schule“ in Marburg besuchte, wie Dönges und Bonacker schildern. Henni Walldorf heiratete 1935 einen jungen Mann aus Roth – er hieß ­Erwin Höchster.

Nur ein Jahr später wurde die gesamte Familie aus Ebsdorf herausgerissen, wie die beiden Schülerinnen schildern. Sie wurden nach Marburg umgesiedelt, mussten schließlich ihr neues Heim in der Haspelstraße verlassen und in das Ghettohaus in der Schwanallee 15 umziehen. Hennis Ehemann und ihr Bruder sind kurz zuvor nach Südafrika ausgewandert. „Nach der Geburt ihrer Tochter Marion im Dezember 1936 folgte Henni ihrem Mann und Bruder am 22. März 1937 nach Südafrika“, schildern Dönges und Bonacker.

Vater wurde nach Buchenwald gebracht

Ihr Vater wurde in der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 gefangengenommen und nach Buchenwald gebracht. Er kam wieder frei – wurde jedoch im Juni 1942 zusammen mit seiner Frau nach Sobibor deportiert und dort ermordet. „Henni Walldorf übersiedelte später mit ihrer Familie in die Vereinigten Staaten von Amerika und starb dort am 28. Oktober 1989“, arbeiten die Schülerinnen in ihrem Beitrag heraus.

Um mehr über Henni und ihre Familie zu erfahren, sprachen die beiden Schülerinnen auch mit Else Hedderich. Ihre Mutter Anna Schmitt war als Haushaltshilfe bei ihnen angestellt, nähte, kochte, half im Laden.
Die Mutter habe ein gutes Verhältnis zur Familie gehabt und sei sehr gut bezahlt worden.

Laut Hedderich halfen die Walldorfs auch Bedürftigen, gaben ihnen Essen, das Anna Schmitt zubereitet hatte. Hilflos habe sie dann zusehen müssen, wie diese geachtete Familie Ebsdorf verlassen musste – und habe Henni und ihre Eltern noch oft in Marburg besucht.

1977 kehrte Henni Walldorf zurück

Henni schließlich kehrte auch nochmal in ihre Heimat zurück: 1977 besuchte sie Ebsdorf zusammen mit ihrem Bruder. „Wolfgang Richardt vom Heimatverein berichtete uns, dass Henni Walldorf gesagt hätte, dass der Empfang in Ebsdorf ja ganz nett war, man jedoch nicht vergessen könne, was den Eltern angetan wurde“, so die beiden Hobbyhistorikerinnen. Dennoch kehrten die beiden 1985 nochmals zurück.

„Das Ausmaß der Ungerechtigkeit, das Juden in Deutschland in der Zeit des Nationalsozialismus erfahren mussten, wird immer dann besonders deutlich und ergreifend, wenn man einzelne Schicksale beleuchtet“, sagen die beiden zum Abschluss ihrer Forschung.

„Henni Walldorf ging auf unsere Schule, sie lebte in unserer Nähe. Dadurch sind sie und ihre Familie ein Teil unserer Schulgeschichte. Das macht es uns leichter, uns in die Situation hineinzuversetzen.“

(pat)

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