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Drei Weltreligionen und ihr Frauenbild

Gleichberechtigung Drei Weltreligionen und ihr Frauenbild

Zu seinem „Trialog der Religionen“ hatte der Arbeitskreis Landsynagoge Roth eingeladen: Bei der Podiumsdiskussion „Frauen in den Religionen“ standen Stellenwert und Rolle der Frau im Judentum, Christentum und dem Islam im Fokus.

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Auf dem Podium diskutierten (von links) Khola Maryam Hübsch, Professorin Edith Franke, Professorin Ulrike Wagner-Rau und Monika Bunk.

Quelle: Andreas Schmidt

Roth. Das Podium war Prominent besetzt: Die Moderation des Gesprächs lag bei Professor Edith Franke, Religionswissenschaftlerin an der Philipps-Universität Marburg. Einen Einblick in die jüdische Religion bot Monika Bunk, stellvertretende Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Marburg. Professor Ulrike Wagner-Rau vom Fachbereich Evangelische Theologie der Philipps-Universität äußerte sich zum Christentum. Und der Islam wurde von der Frankfurter Journalistin und Publizistin Khola Maryam Hübsch vertreten.

„Frauen in den Religionen ist ein seit vielen Jahren diskutiertes Thema, das jedoch nichts an Aktualität eingebüßt hat“, sagte die Vorsitzende des Arbeitskreises, Dr. Annegret Wenz-Haubfleisch, in ihrer Begrüßung. Diskussionsleiterin Franke wies darauf hin, dass es in den Schriften aller drei vertretenen Religionen Stellen gebe, die sich auf die Gleichwertigkeit von Frauen und Männern vor Gott bezögen. „Gleichzeitig gibt es aber auch Textstellen, die überwiegend männlich geprägt sind: Gott, der Herrscher, König. Häufig bekommt man den Eindruck, das Männliche ist das Göttliche.“

Franke wollte von den Diskutantinnen wissen, wie sie diese Widersprüche sehen, an welchen Stellen sie Schwierigkeiten für Frauen in ihrer jeweiligen Religion sehen - aber auch, welche Chancen es gibt.

Monika Bunk verdeutlichte zunächst, dass es „das Judentum“ nicht gebe - zu vielfältig seien die Formen. „Aber die Aufgaben von Frauen und Männern im orthodoxen Judentum waren auf zwei Lebensbereiche aufgeteilt.“ So gebe es das Lehrhaus als Domäne der Männer und das jüdische Haus als Wirkungsstätte der Frauen. Beide sollten einander ergänzen.

Durch Taufe und Abendmahl werden alle gleich

In der hebräischen Bibel gebe es keine Aussagen über das Wesen Gottes, sondern vielmehr über sein Wirken. „Die Körperlosigkeit Gottes verbietet dies“, sagte Bunk. Allerdings sei Gottes Wirken von jeher mit Bildern aus dem menschlichen Sozialbereich beschrieben - „und diese Bilder waren zu biblischen Zeiten gesellschaftlich weitestgehend maskulin“. Dennoch werde das Wirken auch häufig mit weiblichen oder mütterlichen Zügen beschrieben. Schwierigkeiten sehe sie in der jüdischen Orthodoxie. „Die Aufteilung der Lebensbereiche wird bis heute so behandelt - mit wenigen Ausnahmen.“ Darüber hinaus sei im Judentum eine Gleichstellung von Mann und Frau vorgesehen. „Es ist eher eine gesamtgesellschaftliche Geschichte: So, wie wir überall Frauenpositionen befördern müssen, müssen wir das auch in unseren Religionen tun.“

Ulrike Wagner-Rau sieht den Grundstein für die Gleichstellung von Mann und Frau vor allem in den „beiden grundlegenden Handlungen des Christentums: Die Taufe und das Abendmahl“. „Dabei gibt es keine Geschlechterdifferenzierung.“ In der Anfangszeit des Christentums habe es keine Priester gegeben, daher hätten Frauen schon in den ersten Gemeinden Ämter innegehabt. Dies habe sich im Zuge der Institutionalisierung des Christentums und mit der Einführung der Priester- und Bischofsämter geändert. Dennoch hätten Frauen, wie etwa Hildegard von Bingen, auch dann noch eine Rolle gespielt. „Aber das waren Minderheiten. Insgesamt ist auch das Christentum eingebunden in einen patriarchalen Zusammenhang.“

Heute stelle sich die Situation anders dar: So gebe es im protestantischen Christentum rund ein Drittel Pfarrerinnen. In der katholischen Kirche hingegen gebe es Nachholbedarf.

„Untersuchungen zeigen, dass 83 Prozent der Befragten mit dem Islam die Unterdrückung der Frau verbinden“, erläuterte Khola Maryam Hübsch. „Das Merkwürdige ist nur: Wenn man muslimische Frauenrechtlerinnen fragt, dann sehen die es genau anders herum. Der Islam kam einmal, um die Speerspitze der Frauenbefreiung zu sein.“

Der Islam als Speerspitze der Frauenbewegung

Das Arabien der damaligen Zeit sei weitestgehend frauenverachtend gewesen, Frauen hätten keinerlei Rechte gehabt. „Und dann kam ein Mann, der behauptete, Frauen und Männer seien gleich.“ Und es wurden Frauen Rechte zugestanden - das Recht auf Besitz, auf Erbe, auf politische und gesellschaftliche Partizipation. „Das hat auch zu viel Widerstand geführt - aber auch zum Umdenken.“

Es gebe im Koran zahlreiche Verse, die explizit die Gleichstellung betonten. Auch würden zahlreiche Frauen erwähnt - etwa die Königin von Sabah, die von allen Muslimen verehrt würde. Im Islam gebe es keine Hierarchien, „aber Imame und auch schon immer Imaminnen. Allerdings nur vor Frauen. Bei gemischten Gruppen ist es umstritten, ob Frauen vorbeten dürfen.“

Als problematisch sieht Hübsch an, dass „etwa 99 Prozent der Überlieferungen nicht authentisch sind und sich viele Praktiken eingeschlichen haben.“ Ehrenmord oder Genitalverstümmelung hätten nichts mit dem Koran zu tun, „aber sie werden mit dem Label des Islam versehen“, so die Journalistin. Viel sei über den Volksglauben in die Religion hineingekommen „und wird mit den authentischen Quellen vermischt, sodass man nicht mehr so gut trennen kann, was Tradition und Kultur oder der eigentliche Islam ist.“

Einig waren sich die Diskutantinnen, dass die Schriften der Religionen in einem gesellschaftlichen Kontext erschienen seien - und dieser sei natürlich mit eingeflossen.

von Andreas Schmidt

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