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Die Fische können wieder wandern

Naturschutz an der Zwester Ohm Die Fische können wieder wandern

Fronhausen und Ebsdordergrund dürfen in den kommenden Monaten an der Zwester Ohm viel Geld einsetzen, um den Bachlauf artenfreundlicher zu gestalten. Es sind Investitionen in den Naturschutz eines einmaligen Gebiets.

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Paradies für die Tierwelt: Nicht nur Fische fühlen sich wohl in einer 2011 neu geschaffenen Bachschleife der Zwester Ohm an der Bellnhäuser Mühle. Auch die Gänse planschen dort gern und gehen auf Nahrungssuche.

Quelle: Thorsten Richter

Ebsdorf. Die Gemeinden Ebsdorfergrund und Fronhausen wollen die Einzigartigkeit ihres Schutzgebiets Zwester Ohm erhalten. Wenn es um den Naturschutz an dem Bach und seinen Auen geht, sind sie mit dabei - vor allem, wenn Landesmittel für Investitionen in den Naturschutz zur Verfügung stehen. Das heben die Bürgermeister Andreas Schulz und Reinhold Weber bei einem Pressegespräch in Ebsdorf hervor. Gemeinsam mit Fachleuten vom Fachbereich Ländlicher Raum beim Landkreis und vom Dezernat Schutzgebiete und Landschaftspflege stellten die beiden Bürgermeister während eines Pressegesprächs in Ebsdorf beispielhaft vor, was sich an der Zwester Ohm zuletzt getan hat - und was in den nächsten Monaten folgen soll.

Radfahrer und Spaziergänger auf den Wegen durch die Zwester-Ohm-Aue werden es in den kommenden Wochen selbst sehen: In Ebsdorf, Hachborn, nahe der Hassenhäuser Mühle, am Radweg kurz vor der Bellnhäuser Mühle und in Sichertshausen stehen insgesamt sechs neue Schautafeln, die über die Besonderheiten des Natura-2000-Schutzgebietes informieren (siehe unten, HINTERGRUND).

Rund 3500 Euro haben die Schilder, finanziert aus Landesmitteln, gekostet. „Naturschutz ist nicht nur eine Fachfrage, sondern die Menschen müssen auch informiert und auf kostbare Lebensräume hingewiesen werden“, sagte dazu Erster Kreisbeigeordneter Marian Zachow für den Landkreis Marburg-Biedenkopf. Dessen Fachbereich Ländlicher Raum ist zusammen mit dem Dezernat Schutzgebiete des Regierungspräsidiums für die Projekte an der Zwester Ohm zuständig. Die Umsetzung aller Vorhaben läuft dabei Hand in Hand mit den Gemeinden, die die Projekte vor Ort in Auftrag geben und begleiten. „Wir tun das gern, weil es die Lebensräume für Insekten, Krebse und Fische verbessert - und damit auch unsere Gewässer, die wir als blaues Band durch die Gemeinde schützen und erhalten wollen“, sagte Bürgermeister Andreas Schulz.

„Umgehungsstraßen“ für die Bachbewohner

Doch was genau verbessert den Lebensraum Zwester Ohm denn jetzt? Es handelt sich um so genannte Umgehungsgerinnen, durch die Hindernisse wie Wehre oder sonstige künstlich geschaffene Höhenunterschiede im Bachverlauf umschwommen werden können. Umgehungsgerinnen sind quasi neue Bachschleifen, die den Fischen das Wandern innerhalb der Zwester Ohm ermöglichen. Damit wird nicht nur der Fortbestand der Artenvielfalt gesichert - wenn sie attraktive Lebensbedingungen vorfinden, könnten sich sogar Fischarten, die derzeit nicht vorkommen, in der Zwester Ohm, ansiedeln. Die Gemeinde Ebsdorfergrund darf in den kommenden Monaten 93000 Euro verbauen, um an zwei Stellen in Hachborn sowie an einer in Ebsdorf neue Umgehungsschleifen zu schaffen.

Fronhausen ist schon etwas weiter, wenn es darum geht, Barrierefreiheit für Fische herzustellen. Aus der Fischereiabgabe und damit ebenfalls aus Landesmitteln entstand 2011 bereits an der Bellnhäuser Mühle ein Umgehungsgerinne. Fische können seither wieder passieren, wo sie zuvor durch den hohen Absturz des Mühlrads auf ein unüberwindbares Hindernis stießen.

Und es geht weiter in Fronhausen. Die Gemeinde darf jetzt 220000 Euro aus Landesmitteln in die Hand nehmen, um zwei weitere Projekte umzusetzen.

Bei Erbenhausen soll das Flüsschen einen schlangenförmigeren Verlauf bekommen, Steinschüttungen werden beseitig. Baubeginn ist im Herbst, wie Michael Esken, Bauuamtsleiter der Gemeinde, erläuterte.

Für das Hassenhäuser Wehr, ein weiteres Hindernis, an dem Fische auf Wanderschaft scheitern, ist auch ein Umgehungsgerinne vorgesehen.

„Das Wehr selbst bleibt bestehen - aus historischen Gründen und wegen des Hochwasserschutzes“, sagte Esken. Wann dort Baubeginn sein kann, steht noch nicht fest - die Genehmigung fehlt noch.

Wenn der Tag gekommen ist, wird es Elritze, Hasel und Bachschmerle freuen. Diese Fischarten und viele weitere Lebewesen können sich in der Zwester Ohm zwischen Fronhausen und Ebsdorfer Grund wieder ungehindert ausbreiten.

Hintergrund: Artenreiches Schutzgebiet

Sie wurde in früheren Jahrzehnten ausgebaut und begradigt – viel Natur wurde dabei zerstört. Doch in jüngeren Jahren wurde manches wieder in einen Zustand zurückversetzt, der dem natürlichen Bachlauf nahekommt. Die Rede ist von der Zwester Ohm, einem heimischen Mittelgebirgsbach. Um ihn herum ist ein Naturschutzgebiet entstanden, das sich von der südlichen Ortslage Ebsdorfs bis zur Einmündung der Zwester Ohm in die Lahn bei Sichertshausen erstreckt. Zum Schutzgebiet gehören nicht nur der Bach, sondern auch die Ufergebiete – denn die dortigen Erlen-Eschen-Auwälder sowie magere Flachlandmähwiesen mit vielen seltenen Pflanzen wie Glatthafer, Wiesen-Pippau und Hornklee gelten nach europäischen Richtlinien als besonders schützenswert. In manchen Teilen des Gebiets findet der Dunkle Wiesenknopf-Ameisenbläuling eine Heimat – das geht nur, weil der Große Wiesenknopf, seine Wirtspflanze dort wächst. Zwester Ohm und Umfeld sind eines der europäischen Natura-2000-Schutzgebiete – und damit Bestandteil eines zusammenhängenden Netzes von Schutzgebieten innerhalb der Europäischen Union. Es umfasst die früheren Flora-Fauna-Habitat-Gebiete (FFH) und die Vogelschutzgebiete. 25 Prozent der Fläche Mittelhessens ist Natura-2000-Gebiet. Von Prachtlibellen bis hin zu seltenen Schmetterlingen gibt es auf den sommerlichen Wiesen an der Zwester Ohm viel zu sehen. Und auch im Wasser tummeln sich seltene Arten, deren Bestände die Naturschützer erhalten wollen. Bei machen Fischarten, die einst in dem Bach lebten, hofft man, dass sie wiederkehren: etwa Bachneunauge und Mühlkoppe. Denn für die Bachbewohner wie Fische, Insekten, Krebstiere und Schnecken gehört zu den guten Lebensbedingungen, dass sie wandern können, um Nahrungs-, Paarungs-, Laich- oder Überwinterungsplätze aufzusuchen oder auch um neue Lebensräume zu finden. Deshalb gilt es als wichtig, dass diese Arten die Zwester Ohm bachauf- und bachabwärts durchwandern können.

von Carina Becker

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