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Der große Knall verspricht viel Geld

Geldautomaten-Sprengungen Der große Knall verspricht viel Geld

Das Sprengen von Geldautomaten ist für Verbrecher offenbar effektiver als der klassische Banküberfall. Die Gründe sind einfach: Das Entdeckungsrisiko ist gering, die Beute kalkulierbar und meist deutlich höher als beim Überfall.

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Gegen 2.20 Uhr in der Nacht zum 21. Oktober sprengten Unbekannte in Hachborn einen Bankautomaten auf. Diesen gestohlenen Golf mit einer Delle im Golf-Schriftzug benutzten die Täter als erstes Fluchtfahrzeug.

Quelle: Polizei

Hachborn. Für die Menschen im Landkreis Marburg-Biedenkopf war die Sprengung des Geldautomaten in Hachborn in der Nacht zum Mittwoch, 21. Oktober, ein Ereignis, über das überall ausführlich gesprochen wurde. Insbesondere die Dreistigkeit der Täter, die für die illegale Befüllung ihrer Geldtaschen öffentliche Schäden in sechsstelliger Euro-Höhe billigend in Kauf nahmen, rief immer wieder ungläubiges Kopfschütteln hervor. Bundesweit wurden im vergangenen Jahr mindestens 104 Automaten gesprengt, die Polizei spricht offiziell von 116 Fällen, private Sicherheitsfirmen wollen gar 180 gezählt haben. Es reichen allerdings schon die 116 von der Polizei gedeckten Fälle für einen neuen Höchststand in Deutschland aus. Und 2015 wurden weiter Geldautomaten gesprengt und es sieht nach einer weiteren Erhöhung der Fälle aus. Im vergangenen Jahr war Nordrhein-Westfalen mit 23 Fällen der „Spitzenreiter“. Allein zum gegenwärtigen Zeitpunkt hat das Landeskriminalamt Nordrhein-Westfalen schon 30 Attacken auf Geldautomaten gezählt (siehe Hintergrund).

In Sachen Hachborn wird natürlich noch ermittelt, doch die wirklich heiße Spur gibt es derzeit nicht, sagt Marburgs Polizeisprecher Martin Ahlich. „Die Kripo sucht nach weiteren Zeugen und bittet um Unterstützung und Mithilfe aus der Bevölkerung“, so Ahlich. Nach wie vor geht die Polizei davon aus, dass die Täter den Tatort und den Fluchtweg vor der Tat auskundschafteten (die OP berichtete). „Dazu müssen sie sich zu Fuß oder mit einem Fahrzeug in Hachborn und vor allem in Feld, Wiese und Wald zwischen Hachborn und Staufenberg aufgehalten haben“, führt Ahlich aus.

Ob sie dazu den eine Woche vor der Tat gestohlenen Golf mit dem Kennzeichen GI-KT 555 oder ein anderes Auto nutzten, ist auch noch unbekannt. Die Täter haben den Gießener Wagen jedenfalls als ersten Fluchtwagen genutzt und nach der Tat auf einer Freifläche im Ort, hinter einer Halle in der Grabenstraße, keine 300 Meter vom Tatort entfernt zurückgelassen.

„Auch diesen Ort müssen sie vorher erstmal ausfindig gemacht haben“, betont Ahlich.

Über den dort bestiegenen zweiten Fluchtwagen weiß die Kripo Marburg noch nichts. Es gibt bisher keine Zeugen, die den Wagen näher beschreiben konnten. Wer also ein Auto unmittelbar vor der Tat dort hat parken sehen, oder wer in der Tatnacht nach der Explosion ein Auto durch Hachborn oder anschließend durch Feld oder Wald hat fahren sehen, wird dringend gebeten, sich bei der Kripo zu melden.

Der sichergestellte erste Flucht­wagen ist derzeit noch der beste Ermittlungsansatz der Kripo Marburg. Die Täter hatten das in Niedermörlen gestohlene Auto eine Woche in ihrem Besitz. „Für die Kripo ist jetzt sehr interessant, wo der Wagen zwischen Donnerstag, 15., und Mittwoch, 21. Oktober, gesehen wurde.“

Der dunkelblaue Golf könnte durch die gleichen Zahlen im Kennzeichen - 555 - oder durch die deutliche Beule auf der linken Seite der Heckklappe oder durch den Rost an der Motorhaube und den nicht so tollen Allgemeinzustand aufgefallen sein. Wer etwas weiß, sollte nicht zögern. „Jede Information könnte für die Kripo Marburg von entscheidender Bedeutung sein und zur Klärung des Falls beitragen“ sagt Martin Ahlich. Nach der Sprengung des Geldautomaten, bei der ein materieller Schaden in Höhe von mehreren Hunderttausend Euro entstand, erbeuteten die Täter mehrere Zehntausend Euro aus dem Automaten.

„Mit dem noch unbekannten zweiten Auto fuhren die Täter durch den Ort und bogen schließlich auf einen Feldweg ab, der im Weiteren durch den Wald führt und letztlich in Staufenberg-Mainzlar endet. Von da besteht die Möglichkeit, an den Auffahrten Fronhausen/Bellnhausen oder Staufenberg auf die Autobahn zu fahren“, sagt Ahlich. Generell ist bei solchen Straftaten immer wieder zu beobachten, dass sich die Täter gerne ländliche Gebiete aussuchen, die nicht all zu weit von großen Straßen, bevorzugt Autobahnen, liegen.

Hinweise zum Fall in Hachborn nimmt die Kripo Marburg unter Telefon 06421/4060 entgegen.

HINTERGRUND: Die Sprengung von Geldautomaten durch das Einleiten von entsprechenden Gasgemischen in die Automaten hat sich als eine neue Form der kriminellen Geldbeschaffung durchgesetzt. Warum? Weil das Risiko der Entdeckung recht gering ist und die Aussichten, reiche Beute zu machen, noch relativ hoch sind. Am 27. Oktober, also nur wenige Tage nach dem Ereignis in Hachborn, wurden in Krefeld gleich zwei Automaten gesprengt. Auch wenn die Vorgehensweise für den Laien immer gleich aussehen mag, weiß die Polizei, dass sie es mit vielen verschiedenen Tätern, ja wohl auch ganzen Banden, nicht selten aus dem europäischen Ausland, zu tun hat. Am Niederrhein sind nach Erkenntnissen der Polizei derzeit mehrere Banden aktiv, die aus den Niederlanden einreisen. Banken in den Niederlanden haben auf die gestiegenen Fälle reagiert und schützen ihre Automaten mittlerweile immer öfter mit so genannten Farbbomben, die bei der Explosion zerstört werden und das Geld mit Farbe übergießen, so dass es unbrauchbar beziehungsweise als illegal erworbenes Geld erkennbar wird. In der Region Niederrhein erwägen die Banken, die Vorräume zu den Bankautomaten nachts zu verschließen oder die Geldbestände in den Automaten zu verringern. Über Farbbomben wurde bisher nur diskutiert. Andere Schwerpunkte sind Berlin und Brandenburg. Dort sind unter anderem osteuropäische Banden aktiv.

von Götz Schaub

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