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Der Tag, an dem die Bomben fielen

Luftangriff auf Ebsdorf Der Tag, an dem die Bomben fielen

Vor 70 Jahren flog die amerikanische Luftwaffe einen Bombenangriff auf Ebsdorf, mehr als 80 Sprengbomben trafen den Ort.

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Rund 40 Besucher, hauptsächlich Zeitzeugen, die den Bombenangriff am eigenen Leib erleben mussten, trafen sich im Dorfarchiv Ebsdorf zum Austausch miteinander.

Quelle: Ina Tannert

Ebsdorf. Warum die bis dahin verschonte Gemeinde kurz vor Kriegsende doch noch getroffen wurde - dieser Frage stellten sich vergangene Woche zahlreiche Zeitzeugen. Sie berichteten von ihren persönlichen Erlebnissen dieses Tages.

Am fünften März 1945 wurde Ebsdorf von dem schlimmsten Bombenangriff getroffen, den der Ort im Zweiten Weltkrieg erleiden musste. Über 80 Bomben gingen im Gemeindegebiet nieder und überraschten die wehrlosen Bewohner. Auch 70 Jahre später erinnern sich Betroffene noch an diesen erschreckenden Tag ihrer Kindheit.

Es regnete Heu und Stroh, Putz rieselte in den Pudding

Am fünften März gegen zwölf Uhr am Mittag warf die amerikanische Luftwaffe rund 80 Sprengbomben mittlerer Größe auf den Ort, richtete teils verheerende Schäden an. Vier Gebäude wurden total zerstört, mehrere weitere schwer sowie über 50 Wohnhäuser, Scheunen und Ställe leicht beschädigt. Todesfälle gab es überraschenderweise nicht, rund 20 Einwohner wurden obdachlos. Viele der Kinder und Jugendlichen, die den Abwurf damals erleben mussten, wohnen bis heute in Ebsdorf, erinnern sich noch genau an dieses Erlebnis. Zum Gedenken an den Jahrestag und gemeinsamen Austausch der heute noch lebenden Zeitzeugen veranstaltete der Heimat- und Verschönerungsverein Ebsdorf am vergangenen Donnerstag einen Tag der Begegnung im örtlichen Dorfarchiv. Die Senioren, die den überraschenden Angriff auf den wehrlosen Ort am eigenen Leib erfuhren, stellten sich der Frage, warum sich die amerikanische Luftwaffe überhaupt für einen Abwurf auf Ebsdorf entschieden hatte. Viele Anwesende sprachen von einem plötzlichen „unheimlichen Rauschen“, das von den herabfallenden Bomben ausging, von Sirenengeheul aus Richtung Marburg und Gießen, von panikerfüllten Schreien auf den Straßen und ihrer hastigen Flucht in die Keller.

Mehrere Kinder befanden sich zur Zeit des Angriffs im Kindergarten, in der Schule oder auf dem Nachhauseweg.

„Ich lief durch Staub und Dunkelheit an zerbombten Häusern ohne Fassade vorbei“, erinnerte sich Konrad Schwarz. Mehrere Bewohner sahen einzelne Gebäude „in Rauch, Nebel und Dreck verschwinden“ oder „herumfliegende Ziegelsteine und andere Trümmer, die die Dächer durchschlugen “, es regnete Heu und Stroh.

„Maschinenteile aus den zerstörten Scheunen und eine ganze Sämaschine flogen durch die Luft“, berichtete Katharina Bender. Auch individuelle, kindliche Eindrücke sind den Betroffenen im Gedächtnis geblieben, wie etwa der Pudding, den die Mutter gerade gekocht hatte und der durch herabrieselnden Putz ungenießbar wurde. So berichtete es Hermann Priemer.

Aus seinen Recherchen über Ursache und Verlauf des Angriffes berichtete Mirko Mank vom Verein Flugzeugwrackmuseum Ebsdorf. Von Relevanz, wenn auch nur von geringer, könne für die Air Force die Zerstörung der örtlichen Ziegelei, eventuell ein kriegswichtiger Betrieb, oder auch die Strom-, Straßen- und Bahnverbindung gewesen sein, um die Kommunikationswege zu zerschlagen, vermutete der Referent.

Doch Priorität in der Zielfindung erlangte die Gemeinde damit nicht, „Ebsdorf spielte keine Rolle, es war ein Gelegenheitsziel“, sagte Mank.

Das ursprünglich geplante Ziel der Bomber war demnach Marburg. Aufgrund der wetterbedingt schlechten Sicht an diesem Tag konnte jedoch nur ein Teil der Bomber seine Fracht in dem von Wolken verhangenen Zielgebiet abwerfen. Eine der Angriffsgruppen flog mit rund 40 Maschinen den Angriff auf Marburg. „Es war null Sicht und unheimlich schwer, ein Ziel zu treffen“, erklärte Mank. Blind abgeworfene Bomben trafen an diesem Tag die Universitätsstadt rund um den Bahnhof.

Da liege die Vermutung nahe, dass die führende Pfadfinder-Maschine schließlich Ebsdorf als erfolgversprechenderes Ausweichziel bestimmte und den Angriff damit ausgelöst habe. Nicht zuletzt auch aus dem Grund, da die sich auf dem Rückweg befindlichen Truppen ihre Bomben nicht wieder mit zurücknehmen wollten. „Ebsdorf war nur das Ausweichs-, das Verlegenheitsziel“, erklärte Mank.

von Ina Tannert

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