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„Der Gesellschaft etwas zurückgeben“

Das wäre mal Eine „Der Gesellschaft etwas zurückgeben“

Manchmal ist es schwer, Anschluss zu finden –
dann ist es gut, wenn man Menschen kennt, die sich um das Miteinander und Wohlergehen ihres Umfelds bemühen. Gerda Schwehn ist so ein Mensch.

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Gerda Schwehn mit ihren beiden Söhnen im Garten.

Quelle: Lisa Rösser

Niederwalgern. Der moderne Lebensrhythmus verlangt den meisten Menschen vieles ab. Nicht selten leiden unter dem Zeitdruck und den vielen Verpflichtungen vor allem die zwischenmenschlichen Beziehungen – denn wer hat schon immer genug Zeit und Energie? So sieht das auch Gerda Schwehn aus Niederwalgern. Die gelernte Krankenschwester und zweifache Mutter, die gemeinsam mit ihrem Mann einen ambulanten Pflegedienst betreibt, setzt sich nicht nur beruflich für ihre Mitmenschen ein, sondern engagiert sich auch in ihrem direkten Umfeld auf vielfältige Weise ehrenamtlich.

"Nebürgertreff" und Mutter-Kind-Gruppe gegründet

„Beziehungen helfen“, ist sie überzeugt. „Die Zahl der psychisch Kranken nimmt zu, weil die Vereinsamung zunimmt.“ Daher hat sie sich schon vor elf Jahren an der Initiative „Bürger helfen Bürgern“ beteiligt, in deren Verlauf mehrere nach wie vor gut laufende Treffpunkte wie etwa ein monatlicher Bürgerstammtisch eingerichtet wurden. Im letzten Jahr hat sie ein „Strick- und Plaudercafé“  ins Leben gerufen, das monatlich stattfindet und vor allem von Frauen jeden Alters, oft mit ihren Kindern, besucht wird. „Männer können natürlich auch gern kommen, unsere Treffpunkte stehen ja generell jedem offen“, betont sie.

Auch gibt es inzwischen einen „Neubürgertreff“, der vor allem den Kontakt zwischen Zuge­zogenen und Alteingesessenen fördern soll. Zudem hat sie nicht nur verschiedene Projekte für den Kindergarten federführend mitbetreut, sondern hat auch, inspiriert von ihrer eigenen Schwangerschaft und Mutterrolle, eine Mutter-Kind-Gruppe gegründet. Diese wird inzwischen von den Teilnehmerinnen selbst geführt und dient sowohl als sozialer Treffpunkt als auch als Forum zum Austausch von Erfahrungen, wodurch sich die frisch gebackenen Mütter gegenseitig unterstützen können; die Gruppe trifft sich wöchentlich im evangelischen Gemeindehaus.

Obendrein nimmt sie teil am Gesprächskreis „Bibel heute“, der durch ihre Initiative geschaffen wurde und der Menschen aller Konfessionen einlädt, sich gemeinsam mit Bibeltexten auseinanderzusetzen.

Unterstützung für jeden, nicht nur für Senioren

Und als wäre all dies noch nicht genug, hält sie außerdem noch gelegentlich Vorträge zu verschiedenen Themen, mit denen sie sich gut auskennt – beispielsweise zu Wohnberatung oder Pflegeversicherung.
„Es ist mir wichtig, Bürgerarbeit zu machen, nicht Seniorenarbeit“, meint sie. „Alle brauchen Unterstützung – auch Familien, zum Beispiel.“ Schwehn hat sich auch beruflich der Hilfsbereitschaft auf persönlicher Ebene verschrieben.

Ihr Mann leitet den privaten Pflegedienst „Krankenpflege Zuhause“ in Marburg, bei dem sie mitarbeitet – als Krankenschwester kennt sie jedoch auch andere Bedingungen. „Das ist schon ganz anders, als in einem Krankenhaus zu arbeiten, vor allem heutzutage“, beschreibt sie. „Ich mache seit der Ausbildung ambulante Pflege. Das ist ganzheitlich – unsere Sicht ist, den Menschen da zu belassen, wo er sich wohlfühlt und wo man mit ihm eine Beziehung pflegen kann. So hat man wirklich Kontakt zu den Menschen.“ Das sei heute leider oft nicht möglich, bedauert sie. „Darum ist uns das besonders wichtig.“ Regelmäßig bieten sie und ihr Mann eine Schulung für Angehörige von Demenzkranken an. Diese wird von den Pflege­ kassen finanziert und soll den Angehörigen dabei helfen, mit den vielen Herausforderungen umzugehen, denen sie in der Pflege alter Menschen gegenüberstehen. Anschließend an die Schulung gibt es ein monatlich
stattfindendes Gruppentreffen, das weitere Unterstützung und den Austausch untereinander ermöglichen soll.

„Das Ehrenamt wird mittlerweile missbraucht“

Trotz ihres ausgiebigen En­gage­ments sieht Schwehn die Entwicklung des Ehrenamts mit einer gewissen Sorge. So hat sie in letzter Zeit zunehmend den Eindruck, dass das Ehrenamt stark auf bestimmte Gebiete reduziert wird, während andere dann zurückstehen müssen – als Beispiel nennt sie etwa die Flüchtlingshilfe, die Priorität genieße gegenüber etwa der Betreuung von Kindern, die in schwierigen Verhältnissen leben. Als besonders problematisch empfindet sie jedoch, dass die Betreuung von Pflegebedürftigen inzwischen teilweise über ehrenamtliche Träger übernommen wird, wobei es Ungleichheiten gibt, in welcher Form Leistungen von Kassen bezahlt werden – oder eben nicht.

Zudem herrschen dabei regional große Unterschiede. „Mir scheint, das Ehrenamt wird mittlerweile etwas missbraucht“, meint Gerda Schwehn. „Da gibt es einen richtigen Konkurrenzkampf in Ehrenamtskreisen, weil einige bezahlt werden und andere nicht.“ Es ist ihr jedoch wichtig, dass sie sich nach wie vor im Ehrenamt engagiert: „Ich will der Gesellschaft etwas zurückzugeben, wo man doch selber bessere Möglichkeiten hat.“

von Lisa Rösser

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