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„Das kann nicht so stehen bleiben“

Schülerinnen schockiert „Das kann nicht so stehen bleiben“

Vier Schülerinnen aus Fronhausen engagieren sich für Flüchtlingskinder. Dabei machten sie nach ihren Angaben eine besondere Erfahrung an einem Ort, wo sie so etwas nicht für möglich hielten.

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Fahrgäste steigen am Bahnhof Fronhausen in den Zug Richtung Marburg.

Quelle: Thorsten Richter

Fronhausen. Es ist ein ganz normaler Schultagsmorgen im April. Die vier Freundinnen Mirjam, Lea, Amelie und Marlene, jeweils im Alter von 13 und 14 Jahren, stehen in Fronhausen auf dem Bahnsteig und warten auf ihren Zug, der sie zu ihren Schulen nach Marburg bringen soll. Als dieser einfährt, werden sie etwas unruhig, denn sie erwarten noch Mitfahrer. Drei Kinder von Flüchtlingen, die gerade nach Fronhausen gekommen sind und die an der Elisabeth-Schule in Marburg an einem ersten Deutsch-Sprachkurs teilnehmen.

Die vier Mädchen steigen zunächst in den Zug ein, überlegen es sich aber noch einmal anders und steigen wieder aus, um nach den säumigen Kindern Ausschau zu halten und sie im Fall der Fälle zur Eile anzutreiben. Der Zugführer nimmt ihren Angaben zufolge die vier Mädchen auf dem Bahnsteig wahr und spricht mit ihnen durch die geöffnete Fensterscheibe.

Zugführer setzt die Fahrt einfach fort

Endlich sehen die Mädchen die anderen Kinder, die kein Deutsch können und für die sie sich deshalb verantwortlich fühlen, dass diese sicher nach Marburg kommen. Sie bitten den Zugführer, noch zu warten. Das tat er aber nicht. Als die Mädchen keine Anstalten machen, selbst einzusteigen, lässt er sie auf dem Bahnsteig zurück und setzt die Fahrt fort.

Regina Marusczyk, Sprecherin der Bahn für Hessen, Rheinland-Pfalz und Saarland sagt: „Züge haben einen Fahrplan und dieser muss eingehalten werden, denn unsere Reisenden sollen pünktlich ihr Ziel erreichen. Insofern ist ein Ermessensspielraum unserer Mitarbeiter begrenzt und beispielsweise  im S-Bahn-Verkehr wegen der hohen Taktfolge der Züge nicht gegeben.“ Nur in Ausnahmefällen, wenn es sich etwa abends um den letzten Regionalzug handelt und es keine größere Verspätungsfolgen mit sich bringt, liegt es in der Entscheidung des Triebfahrzeugführers, ob gewartet werden kann.

Dass er ohne sie losgefahren ist, wollen die Mädchen dem Zugführer auch gar nicht negativ auslegen. „Das hätten wir so akzeptiert, weil ja die Flüchtlingskinder zu spät waren und wir freiwillig ausgestiegen sind. Sie müssen auch lernen, dass hier in Deutschland einiges anders läuft. Pünktlichkeit gehört sicher auch dazu. Wenn wir aber an diesem Tag ohne sie gefahren wären, hätten sie gar nicht gewusst, was sie machen sollen, schließlich war verabredet, dass wir sie zusammen zur Schule bringen“, sagt Mirjam.

Nachdenken, was man Kindern so sagt  

Es war allein ein Satz, den der Zugführer ihnen gegenüber noch gesagt haben soll, bevor er seine Fensterscheibe wieder hoch machte, der sie komplett aus der Fassung brachte: „Flüchtlinge gehören nach Afrika.“ Die Flüchtlingskinder befanden sich zu diesem Zeitpunkt bei der Unterführung, waren laut der Mädchen deutlich zu sehen.

Egal, zu spät ist zu spät. Das haben die Kinder auch gelernt und waren seither immer pünktlich am Bahnhof. Zusammen warteten sie auf den nächsten Zug, kamen dadurch rund 30 Minuten zu spät zum Unterricht. Aber wie erwähnt, dass sie nicht mehr mitgenommen wurden, wollen sie nicht bemängeln.

Es ist allein der Satz, den sie vernommen haben wollen. „Das kann nicht so stehen bleiben. Das kann man Kindern gegenüber nicht sagen, das ist völlig indiskutabel“, meint Mirjam. Er habe sie alle vier dabei direkt angesehen. Sie erzählten in ihren Schulen, Freunden, Eltern und Malte Bering davon. Malte Bering engagiert sich für Flüchtlinge, hält unter anderem auch Kontakt zu den ehrenamtlichen Flüchtlingshelfern in Oberweimar.

Die Bahn äußert sich nicht zu dem Vorfall

Die Mädchen waren sich darin einig, dass sie das so nicht hinnehmen wollen und wurden in dieser Haltung auch von ihren Gesprächspartnern bestärkt.  So wurde der Vorfall schließlich auch der Polizei zur Kenntnis gebracht.
„Ich weiß nicht, was die Polizei daraus macht, ob eine solche Anzeige überhaupt etwas nach sich zieht. Aber einfach nur hinnehmen und nichts tun, das wollten wir auch nicht“, erklärt Malte Bering.

Es gehe nicht an, Kinder, die helfen wollen, die sich um andere Kinder kümmern, die vor Krieg aus ihrer Heimat geflohen sind, mit solch einer Aussage zu konfrontieren. Die Anzeige ist der Grund warum sich die Bahn auf OP-Anfrage, zu dem Vorwurf Stellung zu nehmen, eher bedeckt hält. Und so antwortet Regina Marusczyk im Auftrag wie folgt: „Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass wir uns zu dem von Ihnen erwähnten Vorfall nicht äußern können, da es sich um ein laufendes Verfahren handelt.“  

von Götz Schaub

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