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Böses Erwachen in der Bergstraße

Straßenausbau Böses Erwachen in der Bergstraße

Auf einmal ging alles sehr schnell: Wenige Wochen nach einer Anliegerversammlung wird der seit Jahrzehnten nur grob befestigte Teil der Bergstraße zum Stollberg hin ausgebaut. Für die Bewohner wird das ein teurer Spaß.

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Der bislang nicht ausgebaute Teil der Bergstraße in Fronhausen. Derzeit werden dort Versorgungsleitungen gelegt, danach folgt der Erstausbau der Straße, die nicht von jedem Anwohner gewünscht wird.

Quelle: Michael Agricola

Fronhausen. „Es hieß immer, die Straße wird nie ausgebaut“, erinnern sich Rudi und Ursula Schneider, die seit 1972 ihr Haus in der Bergstraße haben - und dort inmitten eines großzügigen, über viele Jahre gepflegten Gartengrundstücks wohnen. „Selbst wenn jemand dort bauen würde“, hieß es laut Rudi Schneider damals, „bleibt das immer ein grüner Weg.“

Diejenigen, die das damals versprochen hatten, sind heute wohl längst tot. Und sie hatten Unrecht. Zumindest, wenn es jemanden gibt, der auf seinem Recht auf einen Erstausbau der Straße besteht - und wenn es 50 Jahre nach Erstellung des Bebauungsplanes ist.

Rechtskräftiger Bebauungsplan aus den 1960er-Jahren

Und dieser Fall scheint nun da zu sein. Ausschlaggebend ist offenbar der Verkauf eines Hauses und des dazugehörigen, ebenfalls großen Grundstücks in der Straße. Der Erwerber vermietete das bestehende Haus und will auf dem Grundstück ein weiteres Gebäude errichten.

Für Bürgermeister Reinhold Weber ist die Rechtslage klar: „Es gibt einen rechtskräftigen Bebauungsplan aus den 60er Jahren, die Gemeinde hat für die Erschließung zu sorgen.“ Der Bauantrag des neuen Eigentümers sei von der Gemeinde zu genehmigen gewesen. Und damit müsse ihm auch jetzt der Zugang zu seinem Grundstück hergestellt werden, genauso die Versorgungsleitungen.

Das gehe nur über die bislang nicht ausgebaute Straße, betont der Bürgermeister. Auch müsse auf der Straße ein Müllauto fahren können, damit die Abholung der Tonnen gewährleistet ist.

Anlieger vor vollendete Tatsachen gestellt

Das wiederum ist den Anliegern dort neu. Sie fahren seit Jahrzehnten ihre Mülltonnen an den ausgebauten Teil der Bergstraße. Und hätten auch kein Problem damit, dies weiterhin zu tun.

Auch mit dem fehlenden Ausbau der Straße konnten sie nach Rudi Schneiders Worten bislang gut leben. Teilweise habe man Versorgungsleitungen oder die Zufahrt zum Haus daher stattdessen auf dem eigenen Grundstück entlang geführt.

Das allerdings spielt jetzt keine Rolle mehr. Und das ging alles sehr schnell. Im November die erste schriftliche Information, am 17. Februar eine Versammlung, bei der die Anlieger informiert wurden.

Tatsachen geschaffen

Gespräche vorab, ob und wie man den Ausbau eventuell für alle verträglicher gestalten könnte, habe es nicht gegeben, ärgert sich Rudi Schneider. Man sei vor vollendete Tatsachen gestellt worden. Seit März wird in der Straße bereits gearbeitet, zunächst werden Versorgungsleitungen verlegt. „Dagegen hat ja auch keiner etwas“, sagt Schneiders Sohn Andreas. Aber wenn diese Baustelle geschlossen ist, können Familie Schneider und ihre Nachbarn zuschauen, wie ihr Geld in Straßenbelag angelegt wird, den sie nicht wollen. Und da das Schneidersche Grundstück deutlich tiefer liegt als die Straße, fürchtet die Familie auch noch weiteres Ungemach - etwa, dass der Hang dort abrutschen und den Bau verteuern könnte.

Für Rudi Schneider bedeutet der Ausbau auch so schon eine saftige Rechnung von etwa 22000 Euro. Da es nur wenige Anlieger an dieser Straße gibt, diese aber jeweils lange Grenzen zu diesem Abschnitt der Bergstraße haben, müssen auch Schneiders Nachbarn nicht wesentlich weniger zahlen. Die Gemeinde selbst trägt lediglich 10 Prozent der auf knapp 90000 Euro angesetzten Kosten, weil es eine reine Anliegerstraße ist.

„Bei der Beitragssumme ist die Gemeinde den Anliegern sogar noch entgegengekommen“, betont hingegen Bürgermeister Weber. Die Anlieger hätten eigentlich mehr zahlen müssen, weil sie ein Eckgrundstück besitzen und auch dafür zahlen müssten. Auch bei der Ausführung der Straße habe man gespart und keinen unnötig teuren Ausbau vorgesehen.

Noch kein Endausbau

Denn, so Weber: „Es ist ja kein Endausbau, sondern zunächst nur eine Baustraße.“ Das bedeutet: Diese Rechnung könnte für die Anwohner noch nicht die letzte sein. Kommt es zum Endausbau der Straße, werden die Anlieger erneut zur Kasse gebeten. Ein Endausbau erfolge aber erst, wenn 80 Prozent der Grundstücke bebaut seien, stellt der Bürgermeister klar.

Genau das scheint Weber auch im Hinterkopf zu haben. Denn die Anlieger an dem strittigen Stück der Bergstraße haben damals jeweils mehrere Bauplätze erworben. Sie nutzen sie bislang aber nicht als Bauland, sondern vor allem als Garten. Daher hat es auch all die Jahre keinen Eigentümerwechsel und keinen Bauantrag gegeben. Und somit auch keine Erschließung der Straße.

Weber verhehlt nicht, dass er beziehungsweise die Gemeinde ein Interesse daran hat, dass in der Bergstraße weitere bislang ungenutzte Grundstücke bebaut werden. Der Grund dafür liegt auf der Hand. Dank eines vom Gemeindevorstand in Auftrag gegebenen Geruchsgutachtens darf derzeit in der alten Ortslage gar nicht mehr gebaut werden. Wohl aber am Ortsrand - zum Beispiel in der Berg­straße.

Den Verkauf von Bauplätzen an die Gemeinde hätten die Anlieger bislang abgelehnt, so Weber. Sie könnten diese aber auch selbst vermarkten. „Es wird ja hier keinem Land weggenommen - aber es würde sich für alle gut auszahlen“, sagt Weber.

von Michael Agricola

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