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Beraterin gibt Tipps zu Tuch und Technik

Baby-Tragehilfen Beraterin gibt Tipps zu Tuch und Technik

Tragehilfen und Tragetücher sind bei frischgebackenen Eltern häufig zu sehen. Aber ist das gut für das Kind? Kathrin Niebuhr-Mink erklärt, warum sie ihr Kind nie tragen wollte - und heute Trageberaterin ist.

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Kathrin Niebuhr-Mink aus Ebsdorf hat eine Ausbildung zur zertifizierten Trageberaterin an der Trageschule in Hamburg gemacht. Um den Träger und das Kind nicht zu gefährden, kommt es auf das passende Tuch, die richtige Wickeltechnik und Haltung des Kindes an.

Quelle: Patricia Graehling

Ebsdorf. Kathrin Niebuhr-Mink ist zertifizierte Trageberaterin. Auf die Zertifizierung legt sie viel wert: „Es ist kein geschützter Beruf. Jeder darf sich so nennen“, erklärt sie. Sie selbst hat eine Ausbildung an der Trageschule in Hamburg gemacht und seither einige spezielle Weiterbildungen besucht. Dabei kam es für sie selbst bei ihrem ersten Kind eigentlich nicht in Frage, es im Tuch zu tragen, sie hatte einen tollen Kinderwagen gekauft. „Ich dachte immer, das ist nur was für Ökos“, sagt sie mit einem Augenzwinkern. Ihre Tochter habe sie aber eines Besseren belehrt. „Mein Kind wollte nur getragen werden, hat sonst geschrien“, erklärt Niebuhr-Mink. Der Arm werde immer länger, man habe nie die Hände frei, um sich wenigstens mal ein Brot zu schmieren. „Irgendwann hatte ich einfach den Wunsch, beide Hände frei zu haben.“ Außerdem konnte sie so in der Stadt oder auf dem Markt ohne den sperrigen Kinderwagen unterwegs sein. So kam die Ebsdorferin selbst zum Tragen mit Tuch oder Tragehilfe.

„Tragemarkt“ in den letzten Jahren explodiert

Aber was macht eigentlich eine Trageberaterin? „Ich helfe, den Überblick zu behalten“, erklärt sie schlicht. Der „Tragemarkt“ sei in den letzten zehn Jahren explodiert, es gebe unendlich viele Tücher und Tragehilfen. Also fährt sie mit einer großen, herstellerunabhängigen, Auswahl zu den jungen Eltern und hilft, die passende Tragemöglichkeit herauszufinden. Womit fühlen Eltern sich wohl? Hat die Mutter Rückenprobleme? Ist das Kind ein Frühchen oder hat es eine Behinderung? Sitzt der Vater im Rollstuhl? Für alle Besonderheiten gibt es laut Niebuhr-Mink die passende Tragehilfe oder das passende Tuch mit einer bestimmten Wickeltechnik. „Ein gutes Paar Turnschuhe ist auch nicht für jeden bequem“, zieht sie einen Vergleich.

Das Tragen ist laut der Beraterin völlig natürlich: „Das zeigt sich in der Evolution. Wir waren schon immer Traglinge und keine Nesthocker oder Nestflüchter, wie etwa Vögel oder Pferde.“ Der Mensch war ein Nomade, das Neugeborene musste mitziehen. Und Kinderwagen gebe es erst seit 200 Jahren. „Das Tragen stillt das Urbedürfnis nach Nähe. Kinder werden eh getragen. Die Frage ist nur, wie bequem es den Eltern ist.“ Statt einen schweren Arm oder Rückenschmerzen zu bekommen könne die Mutter sich mit dem Tuch entlasten, Druck von der eigenen Wirbelsäule nehmen und das Gewicht des Kindes verteilen. „Manche Kinder sind natürlich auch mit einem Kinderwagen zufrieden, wollen nicht ständig getragen werden. Wichtig ist, dass die Familie sich wohlfühlt.“ Manchmal sei einfach eine Mischung die beste Lösung.

Das Tragen ist laut Niebuhr-Mink auch gut für das Kind, nicht nur wegen der Nähe zur Mutter: Der Lage- und der Gleichgewichtssinn würden geschult und die Tiefenmuskulatur sanft trainiert. Wichtig sei gerade bei Tüchern aber nicht nur das richtige Tuch, sondern auch die Wickeltechnik. Die zeigt Niebuhr-Mink den Eltern auch bei ihren Hausbesuchen. Neugeborene werden mit einer einlagigen Technik vor den Körper gebunden. Kinder im Sitzalter können mit mehrlagigen Wickelweisen gebunden werden, um das Gewicht zu verteilen. Sie können auch schon auf den Rücken gebunden werden. „Sie werden ja neugierig und wollen die Umgebung sehen.“ Wichtig sei jedoch immer, dass das Tuch straff sitzt - und das Baby die korrekte „Anhock-Spreiz-Haltung“ einnimmt.

Falsche Haltung kann dem Kind schaden

Dr. Christian-Dominik Peterlein, Oberarzt am Marburger Uni-Klinikum mit Schwerpunkt Kinderorthopädie, bekräftigt, dass das richtige Tragen wichtig ist. „Mit der falschen Technik kann man der Hüfte des Babys schaden.“ Das gelte vor allem in den ersten vier Lebensmonaten, in denen die Hüfte noch sehr weich und formbar ist. Richtiges Tragen heißt: die Hüfte 90 bis 100 Grad beugen und die Beine 50 bis 60 Grad abspreizen. „Mit Tüchern ist diese Haltung gut möglich.“ Erzeugt werde diese Haltung etwa auch durch Eingipsen oder spezielle Schienen, wenn ein Kind mit einer nicht ausgereiften Hüfte auf die Welt kommt. Auch durch richtiges Tragen kann das Ausreifen unterstützt werden.

Hüfte wird bei U3 auf Schäden untersucht

Schäden in der Hüfte werden in Deutschland laut Peterlein früh festgestellt und behandelt, da ein Hüftultraschall zur U3-Untersuchung im Alter von vier bis sechs Wochen gehöre. „Die Schäden sind dadurch signifikant zurückgegangen.“ Wenn er selbst Kinder an der Hüfte operiere, dann seien es meist zugewanderte Kinder. Laut dem Oberarzt gehöre es zum Service der Orthopädie auf den Lahnbergen, dass sie alle Neugeborenen kurz nach der Geburt schallen. Das seien etwa 800 Babys im Jahr. Zwei bis drei von ihnen müssten eingegipst werden, bei rund zehn Prozent geben die Ärzte den Eltern Tipps, wie sie das Ausreifen der Hüfte unterstützen können - etwa durch eine bestimmte Wickeltechnik - und kontrollieren die Babys regelmäßig.

Peterlein erläutert: „Die Frauen in Afrika machen es genau richtig.“ Die tragen ihre Kinder in der richtigen Haltung mit Tüchern vor den Bauch gebunden. Hüft-Dysplasien seien in Afrika daher - auch bedingt durch die Genetik - wesentlich seltener. Häufige Hüftschäden hatten die Kinder der Eskimos. Die hatten ihren Nachwuchs gestreckt auf Bretter gebunden.

Niebuhr-Mink empfiehlt gerade frischgebackenen Eltern, zum Ausprobieren ruhig ein gebrauchtes, gutes Tuch zu kaufen. Denn neben der Tragetechnik sei auch die Qualität des Tuches, die Webart, wichtig. „Neu gehen die Preise bei 70 Euro los.“ Das Tuch könne aber auch bereits in der Schwangerschaft verwendet werden, um den Bauch zu entlasten. Auch dafür gebe es bestimmte Wickeltechniken. „Außerdem riecht das Tuch dann schon nach der Mama, wird eingetragen - und die Eltern üben schon mit dem Wickeln.“

von Patricia Grähling

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