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Bei Verhaftung rastet Angeklagter aus

Drogenhandel Bei Verhaftung rastet Angeklagter aus

Wie kann es sein, dass in einem Ermittlungsverfahren wegen versuchten Totschlags nach einem Durchsuchungsbeschluss fast drei Monate vergehen, bis die Wohnung des Tatverdächtigen durchsucht wird?

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Der Angeklagte aus dem Südkreis legte eine eigene Hanf-Plantage an.

Quelle: Abir Sultan

Marburg. Das möchte der Marburger Rechtsanwalt Sascha Marks wissen. In einem Prozess vor dem Landgericht Marburg verteidigt er den 33-jährigen Tatverdächtigen aus dem Südkreis, dessen Haus am 7. Oktober 2014 durchsucht wurde. Der Durchsuchungsbeschluss datiert vom 16. Juni 2014. Aufschluss über die für den Verteidiger so wichtige Frage ergab auch der zweite Verhandlungstag nicht.

Mehrere Verhandlungsgegenstände

Versuchter Totschlag ist zwar nicht Gegenstand der Verhandlung - die Staatsanwaltschaft bearbeitet den Fall, zu einer Anklage ist es noch nicht gekommen; stattdessen werden in dem laufenden Gerichtsverfahren Körperverletzung, Mitführen gefährlicher Gegenstände und Drogenhandel aus dem Zeitraum 2010 bis 2014 verhandelt. Gefährliche Gegenstände, unter anderem ein Teleskopschlagstock und ein Messer, sowie kiloweise Cannabis und mehr als 7000 Euro Bargeld wurden bei der Hausdurchsuchung sichergestellt (die OP berichtete).

Der Angeklagte sitzt seitdem in Untersuchungshaft - in seinen Augen zu Unrecht. Er befand sich zeitweise im Hungerstreik. Weitere Zeugen aus seinem früheren Umfeld und von der Polizei sagten am Freitag aus.

Als überaus aggressiv beschrieben zwei Polizisten das Verhalten des Angeklagten während einer Personenkontrolle in der Marburger Innenstadt im November 2012. Die Beamten waren im Auto auf Streife unterwegs, als ihnen das merkwürdige Verhalten des 33-Jährigen auffiel. „An dem Abend gab es einen Raubüberfall in Marburg, daher waren wir besonders aufmerksam“, sagte einer der Polizisten (45). Schließlich hätten sie eine Person bemerkt, „die stehen blieb, sich wegduckte und nicht wieder auftauchte“. Ein paar Meter seien sie zurückgefahren und hätten den Mann vor dem Vorderrad eines parkenden Pkw kauernd entdeckt. Der Kontrolle habe er sich dann durch Flucht entziehen wollen.

Bei der Verhaftung wird der Angeklagte aggressiv

Einer der Polizisten versuchte ihn festzuhalten, dabei kam es zu einer Auseinandersetzung. Alle drei Beteiligten gingen zu Boden, der 45-jährige Polizist erlitt Abschürfungen an den Händen. Es gelang ihm und seinem 50-jährigen Kollegen, den Mann mit einer Hand an ein Baugerüst zu fesseln - so lange, bis nach einigen Minuten die hinzugezogene Verstärkung eintraf. Die ganze Zeit über habe der 33-Jährige üble Beschimpfungen und Drohungen ausgesprochen. Sein aggressives Verhalten habe sich auf der Polizeistation fortgesetzt.

„Das Verhalten war nicht normal“, befand der 45-jährige Polizist. Der Mann sei wie von Sinnen gewesen und habe sein Verhalten auch nicht geändert, als klar war, dass er keine Chance mehr hatte.

Im Rucksack des 33-Jährigen fanden die Polizisten unter anderem Haschisch und Pilze. Ein späterer Alkoholtest ergab zurückgerechnet einen Promillewert zwischen 1,2 und 2,5 zum Zeitpunkt der Kontrolle. In seiner Zelle habe der Mann seinen Kopf absichtlich an die Wand gestoßen, berichtete der 50-jährige Polizist. „Er kam in einen anderen Raum unter Aufsicht.“

Hausärztin beschreibt Verhalten als psychotisch

Die psychische Verfassung des Angeklagten war während der Verhandlung von wesentlichem Interesse.

Als „psychotisch“ beschrieb ihn seine Hausärztin, die auf Antrag von Sascha Marks kurzfristig geladen worden war. Ihr Patient habe schon vor mehr als zwölf Jahren regelmäßig Cannabis konsumiert. Er habe sich außerdem verfolgt gefühlt und Ängste geschildert - beispielsweise vor Drohnen, die er am Himmel zu sehen glaubte. Als er von seinen Ängsten berichtete, sei er ihr allerdings nicht „bekifft“ vorgekommen, sagte die Ärztin.

„Manchmal schizophren anmutend“ erscheint der 33-Jährige einem seiner einstigen Vertrauten aus der Cannabis-Szene. Der 28-jährige Zeuge gab an, bis vor etwa zwei Jahren regelmäßig bei dem Angeklagten Cannabis gekauft zu haben - kleinere Mengen für den Eigenkonsum, mindestens einmal pro Woche. Um sich von Lieferanten (unter anderem aus Spanien) unabhängig zu machen, habe der Angeklagte irgendwann auf Eigenanbau gesetzt.

Zeuge erhielt für Mitarbeit unter anderem einen BMW

Der 28-jährige Zeuge kümmerte sich eine Zeit lang um die Plantage und erhielt dafür monatlich knapp 700 Euro. Auch bei anderen Geschäften, die nicht den Drogenhandel betrafen, half er dem 33-Jährigen - und bekam dafür unter anderem einen BMW geschenkt.

„Er erzählte mir, dass er bald Millionär werden würde“, sagte der 28-Jährige, der nach eigenen Angaben finanziell abhängig von dem Angeklagten war. Er habe aber keine Drogen in seinem Auftrag verkauft. Nach Darstellung des Zeugen endete seine Zusammenarbeit mit dem Angeklagten, nachdem ihn dieser bedroht und Geld von ihm verlangt habe. 2013 wandte sich der Zeuge an die Polizei. „Ich habe mich sowieso schlecht gefühlt“, sagte er.

Ein weiterer mutmaßlicher (Ex-)Komplize des Angeklagten machte am Freitag von seinem Schweigerecht Gebrauch. Ein anderer Zeuge, von dem sich das Gericht Details hinsichtlich einer Straftat zwischen 2012 und 2014 erhofft, fehlte in der Verhandlung unentschuldigt. Er wird am kommenden Freitag, 27. Februar, gehört.

von Björn-Uwe Klein

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