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Bauern lagern ihr Getreide vorerst ein

Erntebilanz Bauern lagern ihr Getreide vorerst ein

Im vergangenen Jahr fiel die Ernte schwach aus im Landkreis. Die Preise aber waren gut. Nun dreht sich dies. Und so rechnet der Bauernverband trotz reicher Raps- und Getreideernte damit, dass für die Erzeuger am Ende nur eine schwarze Null bleibt.

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Die Weizenernte im Landkreis ist fast abgeschlossen. Dieses Feld in Wittelsberg gehört zu den wenigen, auf dem das Getreide noch steht. Anlässlich des Erntegesprächs für Marburg-Biedenkopf verschafften sich diese Männer vor Ort einen Eindruck: Kreislandwirt Martin Henz (von links), Paul Neubauer, Fachdienstleiter Landwirtschaft beim Landkreis, Reiner Nau, Vorstandsmitglied Kreisbauernverband, Landrat Robert Fischbach, Johannes Wagner, Vorstandsmitglied Kreisbauernverband und Erwin Koch, Vorsitze

Quelle: Carina Becker

Wittelsberg. „Dieser Tag ist noch mal ein wichtiger Erntetag - dann sind wir zu mehr als 80 Prozent durch mit der Weizenernte im Landkreis“, sagt Erwin Koch, Vorsitzender des Kreisbauernverbands, beim gestrigen Erntegespräch in Wittelsberg. Die Mengenbilanz, die die Landwirte in Marburg-Biedenkopf ziehen, fällt in diesem Jahr gut aus - und auch mit der Qualität sind sie bei Raps, Wintergerste, Roggen und Backweizen zufrieden. Wenn der Preis bloß nicht so wäre, wie er gerade ist.

Erwin Koch spricht, verglichen mit dem Vorjahr, von Preiseinbrüchen in Höhe von 30 Prozent. Für die Wintergerste erhalten die Bauern 13 bis 14 Euro (Preis immer pro Doppelzentner / 100 Kilo), beim Raps sind es 33 Euro, beim Backweizen 14,50 bis 15,50 Euro und rund 12 Euro beim Roggen. Eine Bezahlung, die, den Arbeitslohn der Landwirte eingerechnet, wohl gerade noch ausreichend sei, um die Produktionskosten zu decken. „Für Investitionen bleibt jedoch nichts übrig“, führt Kreislandwirt Martin Henz aus und nennt eine Faustformel, die zu den aktuellen Produktionskosten passe: „Beim Preis für den Doppelzentner Getreide müsste eine zwei vorn stehen, beim Preis für den Raps eine vier.“

Erst ab 20 beziehungsweise 40 Euro pro Doppelzentner sprechen die Landwirte von einem Gewinn. Solch gute Preise gab‘s im vergangenen Jahr - aber 2012 war der Ertrag niedrig, nachdem die späten Frühjahrsfröste dem Wintergetreide schwer zugesetzt hatten. „Mit der Ernte von diesem Jahr und den Preisen vom Vorjahr hätten wir ein perfektes Jahr gehabt“, fasst Koch es zusammen und rechnet vor, dass die deutschen Landwirte mit ihrer aktuellen Ernte 2,2 Milliarden Euro weniger einnehmen, als sie im Vorjahr für ihre Feldfrüchte hätten bekommen können. Doch aus diesem Wunsch wird nichts, da Angebot und Nachfrage auch in der Landwirtschaft den Preis regeln.

In der Hoffnung auf neue Entwicklungen auf dem internationalen Markt rät der Kreisbauernverband aktuell dazu, die Ernte einzulagern, bis die Preise wieder steigen. „Wer Lagermöglichkeiten hat, sollte sie wirklich ausreizen“, sagt Henz.

Heißer Sommer bekommt dem Brotweizen gut

Dem Brotweizen, der im Landkreis den größten Teil ausmacht, bekamen die diesjährigen Wetterverhältnisse besonders gut - die hohe Feuchtigkeit im Frühjahr und der heiße Sommer haben vielerorts zu ausgezeichneten Erträgen geführt.

Benachteiligt seien lediglich die Gebiete mit einem niedrigen Grundwasserpegel gewesen, erklärt Koch. „Dort ist das Getreide frühzeitig abgereift und dadurch gibt‘s eine Ernte mit viel Kleinkorn.“ Diese Körner, die sich nicht zur vollen Größe ausgebildet haben, würden dann als Viehfutter verwertet, wodurch mancherorts mit Verlusten von bis zu 15 Prozent beim Weizen zu rechnen sei.

Zur Erntebilanz des Kreisbauernverbands kommt in Wittelsberg noch ein anderer Rückblick hinzu. Zum letzten Male in seiner 18-jährigen Amtszeit stößt Landrat Robert Fischbach (CDU) als Landwirtschafts-Dezernent für Marburg-Biedenkopf zu den Bauern hinzu. Man zieht bei Kaffee und Wurstbrötchen gemeinsam Resümee - und vollzieht den Strukturwandel in der Landwirtschaft nach. „Die Devise ,wachsen oder weichen‘ spitzt sich seit 40 Jahren unaufhörlich zu“, stellt Fischbach fest. Es war 1971, als Fischbach und auch Kreislandwirt Martin Henz ihre Prüfung zum Landwirtschaftsmeister ablegten. Und es war eine Zeit, in der Höfe mit einer Wirtschaftsfläche von 20 bis 30 Hektar als Familienbetrieb gut existieren konnten.

„Wachsen oder weichen“: Der Wandel setzt sich fort

Heute haben zehn Prozent der landwirtschaftlichen Betriebe im Landkreis eine Fläche von mehr als 100 Hektar. Rund 800 Höfe mit einer Fläche von unter zehn Hektar betreiben die Landwirtschaft im Nebenerwerb. „Das sind unsere Hobbylandwirte, die uns hoffentlich erhalten bleiben“, sagt Bauernverbands-Vorsitzender Koch. Die Betriebe im Kreis, die sich noch vergrößern, sind jene mit einer Fläche von mehr als 110 Hektar.

Die Schwelle zwischen „Wachsen oder weichen“ erreichen die Vollerwerbsbetriebe in diesem Landkreis bei einer Fläche von rund 80 Hektar, schätzt Paul Neubauer, Fachdienstleiter Landwirtschaft beim Landkreis.

1800 landwirtschaftliche Betriebe gibt es aktuell in Marburg-Biedenkopf. „Viele werden noch aufgeben“, befürchtet Koch und prophezeit, dass die Zahl der Dörfer, in denen es gar keinen Landwirt mehr gibt, noch wachsen wird.

Doch ist der heimische Landkreis im Landesvergleich weiterhin am stärksten landwirtschaftlich geprägt. Das Amt für den Ländlichen Raum Marburg-Biedenkopf betreut mehr Bauern als jede andere Kreis-Landwirtschaftsbehörde in ganz Hessen.

von Carina Becker

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