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„Auf den Rippenbögen der Toten“

Friedhofsumgestaltung „Auf den Rippenbögen der Toten“

Jahrzehntelang pflegte Justus Bohl das Grab seiner Großeltern auf dem einstigen Beltershäuser Friedhof. Dessen Umgestaltung zum „Garten des Wandels“ empfindet der 85-Jährige als Verstoß gegen die Totenruhe.

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Wehrt sich gegen die Umgestaltung des alten Friedhofs in Beltershauen zum „Garten des Wandels“: Justus Bohl (85). Hier hält er ein Foto seiner Großeltern Johannes und Luise Theiß mit ihren Töchtern Anna-Elisabeth und Elisabeth in der Hand.

Quelle: Tobias Hirsch

Beltershausen. Quasi auf den „Rippenbögen der Toten“ ensteht in Beltershausen ein Spaß- und Freizeitgelände. So kommt das, was derzeit in dem Ebsdorfergrund-Dorf passiert, bei Justus Bohl an. Der 85-Jährige lebt bei Osnabrück, aufgewachsen ist er auf der Hahnerheide, einer Siedlung bei Moischt. Und wie es früher üblich war, wurden seine Großeltern auf dem Friedhof in der Ortsmitte von Beltershausen beigesetzt. Ihr Grab pflegte Justus Bohl über die Jahre hinweg - auch noch dann, als der Friedhof von der Kirche entwidmet worden war. Das war vor 30 Jahren - Beltershausen war beträchtlich gewachsen, der kleine Kirchhof in der Ortsmitte war zu klein geworden, ein neuer Friedhof war enstanden.

Nich alle Angehörige bauten Gräber nach Ruhefrist ab

Der ehemalige Friedhof nahe des Bürgerhaues blieb in den vergangenen drei Jahrzehnten dennoch bestehen. Eine parkähnliche Anlage mit acht Grabstätten, die bis zuletzt erhalten blieben. Denn nicht alle Angehörigen bauten die Gräber nach Ablauf der Ruhefrist ab. Die Gemeinde als Eigentümerin des Grundstücks dultete dies. So blieb auch das Grab von Bohls Großeltern Johannes und Luise Theiß bestehen, er beerdigt 1918, sie 1944.

„Die Ruhe der Toten“, wie Justus Bohl es formuliert, „ist jetzt vorbei. Das haben die Menschen, die hier beigesetzt wurden, sich zu Lebzeiten sicherlich nicht so vorgestellt“, sagt der 85-Jährige betrübt und schaut sich auf dem Gelände um. Bauarbeiter mit ihren Gerätschaften sind auf dem früheren Friedhof dabei, die alten Strukturen zu verändern. Wie das Gelände einmal aussehen wird, aufgeteilt in vier Quader die für die vier Jahreszeiten und den Lebenskreis des Menschen stehen sollen, kann man schon erahnen. Die Gräber sind verschwunden, Randbefestigungen und ein steinernes Kreuz erinnern noch an die ehmaligen Ruhestätten. Neue Flächen und Fundamente, einfasst von Steinen, haben ihren Platz gefunden. „Wenn man hier gräbt, wie es derzeit passiert, dann stößt man auf die Gebeine der Toten und auf die Reste von Särgen“, sagt Justus Bohl und schaut den Bauarbeitern zu. Einige der alten Grabmale liegen säuberlich aufgereiht auf Holzpaletten vorm Gelände, andere wurden zur sicheren Aufbewahrung bereits auf den gemeindlichen Servicehof verbracht.

„Die Leute resignieren und lassen alles geschehen“

„Wenn es noch Angehörigen gibt, die Grabmale haben wollen, können sie sie bei uns abholen“, sagt Bürgermeister Andreas Schulz. Für Justus Bohl ist dies eine Option, „aber wenn die Grabsteine wieder hier integriert werden sollen, dann bin ich damit einverstanden“.

Dass der Friedhof umgestaltet wird, wie es zur Entwidmung und zu den Plänen für den „Garten des Wandels“ kam - Justus Bohl kann es nicht nachvollziehen. „Wie wollen wir in unserer Gesellschaft denn umgehen mit der Ruhe der Toten?“, fragt er. „Warum wird ein Friedhof überhaupt entwidmet? Und warum hätte es nicht gereicht, hier eine Bank aufzustellen und ein paar blühende Büsche zu pflanzen?“ Justus Bohl ist der einzige, der solche Fragen öffentlich formuliert. „Dass niemand anderes gegen dieses Vorhaben aufbegehrt, dass heißt noch lange nicht, dass alle davon begeistert sind“, ist er sich sicher. „Ich habe mit einigen hier gesprochen, aber die Leute resignieren einfach und lassen alles geschehen“, bedauert er.

"So etwas hätte ich nie genehmigt"

Es geschehen lassen - auch Justus Bohl wird nichts anderes übrig bleiben. Der „Garten des Wandels“, so heißt der frühere Friedhof nun, ist fast fertig. Im Juni oder Juli wollen die Initiatoren, die Gemeinde Ebsdorfergrund und die Region Marburger Land, ihn einweihen als „Erlebnisraum“ an der Frauenbergschleife des Hugenotten- und Waldenserpfads. Kostenpunkt: rund 100000 Euro, finanziert von Region und Gemeinde, vorwiegend aber von der EU, die aus Mitteln der Regionalentwicklung 75000 Euro übernimmt. „So etwas hätte ich niemals genehmigt“, sagt Justus Bohl, der als Diplom-Ingenieur viele Jahre als Leiter der Abteilung Dorferneuerung beim Werra-Meißner-Kreis gearbeitet hat. „Dass ich jetzt nichts mehr tun kann dagegen, das ist mir klar, aber wir müssen in unserer Gesellschaft über so etwas diskutieren: Friedhöfe entwidmen und dann etwas Neues dorthin bauen, das geht nicht, schon gar nicht an einem Ort wie hier, wo es doch ringsherum genug Platz gibt“, bezieht er Position.

Bürgermeister Schulz betrachtet Justus Bohls Protest als „die Einzelmeinung eines Mannes, der mehr als 200 Kilometer weit entfernt wohnt“. Er habe viele Gespräche mit Bohl geführt und könne dessen Empörung nur schwer nachvollziehen. Zum einen, weil „der Friedhof doch schon seit 30 Jahren entwidmet ist“. Zum anderen „weil es Tradition hat, auf früheren Friedhöfen etwas Neues zu errichten“. So gebe es in Dreihausen einen Spielplatz auf einem früheren Friedhofsgelände und in Hachborn einen Kindergarten.

Anstatt Tretbecken kommt jetzt eine Schwengelpumpe

„Wir haben uns hier gemeinsam für die Umnutzung entschieden“, sagt Schulz und verweist auf Bürgerversammlungen, Diskussionen im Ortsbeirat, auf die Paramentsentscheidung für das Vorhaben. Als Beleg dafür, dass die Menschen in Beltershausen mit der Neugestaltung einverstanden sind, wertet Schulz die Bereitschaft mehrer Gruppen und Vereine aus dem Dorf, als Paten die Pflege des neuen Geländes zu übernehmen. „Ob es da auch Widerworte aus der Bevölkerung gab? Klar“, sagt Schulz, „aber da ging es nicht um die Frage des Ob, sondern um die Frage des Wie“. So hätten die Bürger bei der Gestaltung des Parks ihre Meinung geltend gemacht, und deshalb sei auch an den Plänen noch einiges im Nachhinein geändert worden. „Es wird nun kein Tretbecken geben, sondern eine Schwengelpumpe, an der Wanderer sich erfrischen können“, nennt der Bürgermeister ein Beispiel.

Was Justus Bohl angeht, so bedauert er, dass es ihm nicht gelungen sei, „ihn mit ins Boot zu holen, mit seinen Erfahrungen, auch in Sachen Hugenotten- und Waldensergeschichte, hätten wir ihn gern eingebunden“. Für Justus Bohl wäre das keine Option gewesen. „Ich kann nicht verstehen, dass wir ständig Neues produzieren müssen - der Friedhof war gut so, wie er war.“

von Carina Becker

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