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Angeklagte sieht sich als Mobbing-Opfer

Aus dem Gericht Angeklagte sieht sich als Mobbing-Opfer

Weil sie über Jahre hinweg eine Familie massiv verfolgte, belästigte und öffentlich denunzierte, musste sich nun eine Frau aus dem Südkreis wegen Nachstellung und Körperverletzung vor dem Marburger Amtsgericht verantworten.

Marburg. Die Frau wurde 2008 in den Vorruhestand geschickt. Dies geschah gegen ihren Willen und durch gezielte Verleumdung gegen sie, betonte die heute 49-Jährige vor Gericht. Dafür verantwortlich machte sie ihren Chef. Und so initiierte sie eine umfangreiche Racheaktion.

Seit 2009 tauchte sie regelmäßig bei der Familie ihres ehemaligen Chefs auf, rief laut in Richtung des Hauses, beleidigte die Bewohner, verlas lautstark selbst verfasste, anklagende Schriften und verleumdete den Mann bei Nachbarn und an öffentlichen Orten in der Umgebung. Häufig fuhr sie mit ihrem Pkw mit lauter Musik und hupend die Straße auf und ab, fuhr gefährlich dicht an andere Wagen und Personen heran. Wenn ein Familienmitglied das Haus verließ folgte sie diesem mit dem Wagen oder zu Fuß, beschwerte sich schreiend über das Unrecht, das nach ihrer Meinung begangen wurde. Auch an ihrer ehemaligen Schule und anderen Orten, an denen sich der Geschädigte aufhielt, „machte sie auf sich aufmerksam“, wie es in der Anklage hieß.

Immer wieder passte sie den Mann ab, griff ihn verbal und einmal körperlich an. „Auge um Auge, Zahn um Zahn“, soll sie ihm gedroht haben. Mit einem riesigen Aufwand setzte sie ihr Verhalten über viele Monate hinweg fort.

Sie versuchte ihren Fall in die Öffentlichkeit zu tragen, schrieb zahllose anklagende Texte an diverse Personen und Ämter und führt einen umfangreichen Blog im Internet.

Die fortwährenden, systematischen Nachstellungen und der anhaltende Psychoterror führten bei dem Geschädigten zu einer schweren Depression und auch bei Familienmitgliedern zu psychischen Folgeerscheinungen.

Angeklagte und Opfer stehen nicht zum ersten Mal vor Gericht. Diverse Gewaltschutzverfahren laufen bereits seit Ende 2009. Gegen die ihr auferlegte Unterlassungsverfügung und ein Kontaktverbot, verstieß die Angeklagte. Die Frau befand sich bereits mehrfach in psychologischer Behandlung, wurde einige Zeit zwangsweise in eine Psychiatrie eingewiesen. Ein älteres Gutachten bescheinigt Anzeichen einer Persönlichkeitsstörung. Auch für das aktuelle Strafverfahren wurde ein vorläufiges Gutachten eingeholt.

Zu Beginn der Verhandlung zeigte sich die Angeklagte überaus erbost und ungebührlich vor Gericht. Lautstark lehnte sie den ihrer Meinung nach rechtswidrigen Prozess sowie ihren Pflichtverteidiger ab. „Ich lasse mich auf nichts ein“, betonte sie mehrfach. Nach einiger Zeit beruhigte sich die aufgebrachte Frau sichtlich und nahm ruhig an der Verhandlung teil.

Die Anklage ihr gegenüber gab sie teilweise zu. Ihre Taten begründete sie durch ihrer Meinung nach bösartigen Absichten des Geschädigten und warf dem Mann vor, ihre Person öffentlich verleumdet und schikaniert zu haben.

Sie sei von ihm durch frisierte Behördenvorgänge gezielt aus ihrem Beruf gemobbt worden. „Ich wurde auf brutale Art und Weise aussortiert und provoziert“, betonte die Frau vor Gericht. Vor dem Haus der Familie wollte sie sich konkret zu den Vorwürfen und Gerüchten, die über sie in der Öffentlichkeit kursieren, äußern.

Verteidiger schlägteine Einstellung vor

Der Verteidiger schlug eine Einstellung des Verfahrens wegen Schuldunfähigkeit seiner Mandantin vor. Zudem habe sie sich seit Monaten ruhig verhalten und nicht mehr die verfolgte Familie aufgesucht.

Der zuständige psychiatrische Sachverständige befürwortete eine Unterbrechung der Verhandlung, um weiter deeskalierend einzuwirken sowie das Verhalten der Frau zu beurteilen. Ungeklärt ist nach wie vor ob die Angeklagte aufgrund psychischer Störungen als schuldunfähig angesehen werden kann und ob sie zur Deeskalation fähig sei, so der Gutachter. Strafrichter Best unterbrach die Hauptverhandlung schließlich um die aktuelle, scheinbar befriedete Situation zu prüfen. Der Prozess wird Ende März fortgesetzt.

von Ina Tannert

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