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Angefangen hat alles mit 23 Kartons

Ebsdorfer Geschichte Angefangen hat alles mit 23 Kartons

Die Geschichte der Schule, der Kreisbahn oder der Wasserleitungen ist in Ebsdorf gründlich aufgearbeitet. Die zehn Köpfe des Archivteams vertiefen sich dafür seit zehn Jahren in alte Dokumente und historische Fotos.

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Kurt Büttner (von links), Wolfgang Richardt, Peter Lemmer, Annelore Richardt, Wolfgang Ebert, Marie-Luise Büttner und Jakob Schnell betreuen das Dorfarchiv.

Quelle: Grähling

Ebsdorf. Es riecht nach altem Papier und warmer Heizungsluft. Stimmen reden lebhaft durcheinander, diskutieren, geben Ratschläge und bewerten alte Dokumente. Das Archivteam des Ebsdorfer Heimat- und Verschönerungsvereins (HVV) hat sich in seinen kleinen „Forschungsraum“ im Dorfarchiv auf dem Hof Weidemüller zurückgezogen. Die zehn Männer und Frauen bereiten sich auf die zehnte Ausstellung vor, die sie dieses Jahr im November in ihren Räumen im alten Kuhstall eröffnen wollen. Bis dahin ist noch viel zu tun – zunächst diskutieren Wolfgang Richardt und Peter Kornmann über den Titel der Ausstellung.

Was sie zu ihrer zehnten Ausstellung im zehnten Jahr des Dorfarchivs zeigen wollen, weiß das Team schon ganz genau: Diesmal wird das Thema nicht in die Vergangenheit gerichtet sein – zumindest nicht nur. Im Mittelpunkt sollen Ebsdorfer Künstler und Kunsthandwerker stehen. Denn in dem Bereich habe das Dorf viel zu bieten, wie Richardt und sein Team zusammengetragen haben: Es gibt eine Handweberei, neuerdings eine Töpferei, es gibt Gedichte von Gretchen Siebert, kunstvolle Intarsienarbeiten, Kratzputz – und jede Menge Sänger.

Archivteam trifft sich einaml in der Woche zum Planen

„Unsere zehnte Ausstellung soll etwas Besonderes werden“, verspricht Richardt. Um das zu planen, trifft das Team sich einmal in der Woche, durchkämmt Archivalien, führt Gespräche und sammelt Ideen. „Da gab es doch mal diesen tollen Festzug mit Märchen“, erinnert sich da Marie-Luise Büttner. Das ganze Dorf habe sich beteiligt – der Gesangverein habe „Sindbad, der Seefahrer“ dargestellt und der Arzt „Hase und Igel“. Schnell finden die zehn Lokalhistoriker heraus: Das war 1995 – und es war kunstvoll. Einen Film hat Kornmann noch zu bieten. Keine Frage also, dass die Szenen auch bei der Ausstellung gezeigt werden sollen.

Richardt und Kornmann arbeiten seit zehn Jahren gemeinsam mit Marie-Luise und Kurt Büttner, Annelore Richardt, Wolfgang Ebert, Jakob Schnell, Christine Mank, Hiltrud Schick und Gudrun Steitz mit den alten Dokumenten und Fotos, die im Archiv lagern. Dabei hatte der HVV eigentlich nie ein Dorfarchiv geplant – das Archiv kam mehr zum Verein: „Georg Lemmer sammelte alles über Ebsdorf. Er hat ein Vermögen ausgegeben für Kopien von Dokumenten aus dem Staatsarchiv“, erzählt Richardt. Alles lagerte in Schränken, die Nachkommen wussten jedoch nichts damit anzufangen. „Wir wollten diese Unterlagen erst mal retten und haben sie alle in Umzugskartons geräumt und dann drei Jahre bei Kornmanns auf dem Speicher gelagert“, sagt Richardt, der auch Vorsitzender des HVV ist.

In 23 Kisten räumten die Mitglieder die Unter­lagen. „Aber anfangen konnten wir damit nichts. Wir hatten ja keinen Platz“, erzählt Annelore Richardt.
Vor zehn Jahren fand das ­Archivteam durch Vermittlung des bereits verstorbenen Hans Sohl dann den alten Stall im Hof Weidemüller als neues Domizil für die Unterlagen. Nach monatelangen Sanierungen durch die Mitglieder wurden schließlich die historischen Dokumente aus ihren Umzugskisten befreit.  „Wir haben uns dann kundig gemacht, so wie die großen Leute das machen“, erzählt Kornmann. Sie holten sich Archivkartons, entfernten Klarsichthüllen und rostige Büroklammern und sortierten über die Jahre alle Unterlagen in sorgfältig beschriftete Kartons.

„Hans saß mit einer Lupe hier und hat vorgelesen“

Um Ordnung in die Unterlagen zu bringen, hat das Archivteam sich einer schönen Methode bedient: Jedes Jahr wird ein Thema ausgewählt, danach werden die Unterlagen durchsucht, eine Ausstellung zusammengestellt. Die Kreisbahn war dabei eine der größten Ausstellungen. Das erste Thema war der historische Hof Weidemüller. Aber auch die Schulgeschichte haben die HVV-Mitglieder untersucht.

„Heute haben wir alle Dokumente erfasst und sortiert“, sagt Richardt. So kann das Team mittlerweile zielsicher Anfragen von Heimatforschern und Ahnenforschern beantworten. „Wir wissen zumindest, wo die Unterlagen liegen“, sagt Jakob Schnell.

Mit der Sortierung der Unterlagen und der Themenfindung für Ausstellungen ist die Arbeit des Archivteams noch lange nicht geschafft: „Wir müssen noch viele Unterlagen und Urkunden transkribieren“, verrät Richardt. Kaufverträge, Sitzungsprotokolle der früheren Gemeinde Ebsdorf oder Urkunden seien in Sütterlin verfasst. „Da saß Hans Sohl mit einer Lupe hier und hat vorgelesen, während Wolfgang Ebert die Texte in den Computer eingegeben hat“, erinnert sich Kurt Büttner. Mit Übersetzungen wollen sich die Dorfarchivare in diesem Jahr verstärkt befassen – sie haben nach und nach das Lesen von Sütterlin gelernt oder ihr Schulwissen wieder aufgefrischt. Das Team hat also noch viel vor – „vor allem Wolfgang Richardt“, betont Kornmann. „Er ist schließlich unser Chefdenker, der vorausgeht“, ergänzt Ebert.

von Patricia Grähling

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