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An Silvester knallt es in Hachborn

Aus dem Gericht An Silvester knallt es in Hachborn

Ein 19-Jähriger muss gemeinnützige Arbeit leisten - gegen diese Auflage stellte das Amtsgericht das Strafverfahren gegen den jungen Mann ein. In der Neujahrsnacht hatte er zugeschlagen - sein Opfer trug eine Platzwunde im Gesicht davon.

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Vorm Amtsgericht Marburg ging es um eine Auseinandersetzung zwischen Jugendlichen, die blutig geendet hatte.

Quelle: Manfred Schubert

Marburg. Nach mehr als einstündiger Verhandlung, in der neben dem Beschuldigten der Geschädigte und mehrere Zeugen gehört worden waren, folgte Amtsgerichtsdirektor Cai Adrian Boesken dem Antrag der Staatsanwaltschaft, das Verfahren gegen die Ableistung von 20 Stunden gemeinnütziger Arbeit einzustellen. Grundlage dafür bilden die Paragraphen 45 und 47 des Jugendgerichtsgesetzes.

In der Neujahrsnacht hatte eine Gruppe von etwa 30 jungen Leuten aus dem Ebsdorfer Grund im Bürgerhaus von Hachborn eine private Silvesterparty gefeiert. In einem Nebenraum kam es, wohl infolge des bereits genossenen Alkohols, ohne triftigen Grund zu einem Streit, der sich aufschaukelte und in dessen Verlauf Beleidigungen fielen. Richter Boesken wies die Zeugen, als sie sich scheuten, Worte wie „Hurensohn“ klar auszusprechen, leicht amüsiert darauf hin, dass bei Gerichtsverhandlungen schon wesentlich Schlimmeres zu hören gewesen sei.

Schließlich, so schilderte es der 19-jährige Angeklagte, habe einer der Streitenden einen seiner Freunde schlagen wollen. Um diesen zu schützen, habe er seinerseits von hinten einen Schlag mit der Handkante gegen den Kopf des Angreifers ausgeführt.

Der 20-Jährige Geschädigte trat als erster Zeuge auf. Er habe zunächst gar nicht gewusst, wer ihm die Platzwunde unter dem Auge zugefügt habe, die er am nächsten Morgen im Wehrdaer Krankenhaus nähen ließ. Die Heilung habe fünf bis sechs Wochen gedauert.

Der Amtsgerichtsdirektor, der gegenüber dem Täter und dem Opfer eher väterlich-versöhnliche Töne anschlug, nahm das Gesicht aus der Nähe in Augenschein und stellte fest: „Da muss man Phantasie wie ein Zauberkünstler haben, um das zu sehen. Es hat ihrer Schönheit keinen Abbruch getan.“

Vor der Verhandlung hatte es einen Versuch des Täter-Opfer-Ausgleichs gegeben, der zum einen fehlschlug, weil der Geschädigte 400 Euro wollte, der Angeklagte unter Verweis auf seine Einkommensverhältnisse nur 100 Euro zahlen wollte. Er ist noch Schüler, will im kommenden Jahr sein Abitur machen.

„Haben Sie versucht, sich zu entschuldigen?“, fragte der Richter. Der Angeklagte meinte, das habe nicht geklappt, weil der Geschlagene nicht mit ihm habe reden wollen. Dieser hatte zuvor während seiner Vernehmung gesagt, er habe keine Lust darauf gehabt, sich anzuhören, was er alles getan habe soll, um den Streit zu eskalieren, worauf Richter Boesken erklärte, der Angeklagte habe nicht so ausgesagt, als ob er ihn besonders belasten wolle.

Der Angeklagte nutzte nun die Gelegenheit und wandte sich an sein Opfer: „Ich entschuldige mich dafür, dass ich dich geschlagen habe. Ich hoffe, wir können uns wieder in die Augen sehen und normal kommunizieren.“

Der Richter wandte sich an beide: „Ich wäre auch empfindlich, wenn ich körperlich beeinträchtigt worden wäre. Um einen Konflikt zu lösen, hat uns die Schöpfung den Mund gegeben, nicht die Faust. Wie ich sehe, habe Sie immer noch den gleichen Freundeskreis. Vielleicht trinken Sie einfach mal einen zusammen.“

Von drei weiteren jungen Männern, die als Zeugen auftraten, behaupteten zwei, zum Tatzeitpunkt noch bei relativ klarem Verstand gewesen zu sein und sich gut an die Szene zu erinnern. Dennoch waren ihre Aussagen völlig widersprüchlich.

Der eine meinte, für ihn habe der Angeklagte keinen Grund gehabt, zuzuschlagen. Der andere bestätigte hingegen, dass der eine Mann dem anderen „von hinten eins überbraten wollte“ und der Angeklagte zugeschlagen habe, um diesen zu schützen.

Nach der Verkündung der Auflagen, gegen die das Verfahren eingestellt werde, erklärte der Richter: „Ihre Motivation mag aus Ihrer Sicht richtig gewesen sein, nach der Beweisaufnahme war sie es aber nicht. Sie hätten den Angreifer wegdrücken können oder eine andere Möglichkeit gehabt und nicht gleich gegen den Kopf schlagen müssen.“ Jedoch habe der Angeklagte keine Vorbelastungen und weise einen geradlinigen Lebensweg auf, dem das Gericht keinen Stein in den Weg legen wolle.

von Manfred Schubert

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