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Als Hamburg beinahe unterging

Retter in der Flutkatastrophe Als Hamburg beinahe unterging

Die Jahrhundertflut war für Hamburg die dunkelste Stunde nach dem Zweiten Weltkrieg, für den jungen Innensenator Helmut Schmidt die Stunde der Bewährung und für den 20-jährigen Bundeswehrsoldaten Tillo Seeling ein bewegendes Erlebnis.

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Helfer retten im Februar 1962 in einem Schlauchboot eine Frau aus der Jahrhundertsturmflut, die 315 Menschen das Leben kostete.

Quelle: Foto: Archiv

Weimar. An die dramatischen Tage an der Nordseeküste kann sich der heute im Weimarer Ortsteil Argenstein lebende Tillo Seeling noch sehr gut erinnern. Er leistete im Februar 1962 gerade seinen damals noch 18 Monate dauernden Grundwehrdienst im Schweren Pionierbataillon 719 in Köln-Longerich ab, wo er im Stab bei der Konstruktion tätig ist.

An jenem 17. Februar, einem Samstag, ist der gelernte Bauzeichner an einem Verfassungsbruch beteiligt. Die Bundeswehr, die es seit gut sechs Jahren gibt, darf im Inneren nicht eingesetzt werden. Und doch wird sie es, weil eben jener Helmut Schmidt seine guten Beziehungen zur Bundeswehr, namentlich zu Konteradmiral Bernhard Rogge nutzt und in der Stunde der größten Not die Streitkräfte anfordert

Rettung auf den Dächern

Und so rücken auch die Schweren Pionierbataillone 719 und 716 aus Köln ab und eilen den Bewohnern der Hansestadt zur Hilfe. Die Soldaten werden noch am gleichen Tag an der Rettung von Menschen beteiligt. „Die saßen zum Teil auf den Dächern“, erinnert sich Tillo Seeling (Foto: Rademacher) und auch an die aufgedunsenen Tierkadaver, die an diesem und den kommenden Tagen in den überfluteten Bereichen der Stadt und des Umlandes im Wasser treiben.

Die Kölner Soldaten haben nicht nur Sturmboote im Gepäck, leichte Holzkonstruktionen mit starken Motoren, die anders als die bereits eingesetzten Schlauchboote auch den Kontakt mit Stacheldraht leicht verschmerzen, sondern auch leistungsstarke Absaugpumpen und Bergefahrzeuge.

Material, das in den ersten Tagen nach der Überflutung der Stadt, die 315 Menschen das Leben kostet, wertvolle Hilfe leistet, als es darum geht, die Infrastruktur der Hansestadt wieder zu beleben. Für Tage aber muss die Metropole zunächst ohne Strom auskommen, was die Situation der Menschen und die Arbeit der Retter nicht leichter macht, zumal die Temperaturen in den Keller gehen und Eisschichten bald weite Landstriche überziehen.

Leichen auf der Eisbahn

Zu den bleibenden Erinnerungen von Tillo Seeling gehört die Kunsteisbahn, in der viele der Toten aufgebahrt werden, bis sie von Angehörigen identifiziert worden sind. Und etwas anderes beeindruckt den jungen Mann: Die Art und Weise, wie der bis dahin kaum bekannte Helmut Schmidt das Management der Katastrophe in die Hand nimmt. Für „Bedenkenträger und Schwätzer“ hat der Innensenator keine Verwendung. Im Gegenteil: Zum „Entsetzen der Finanzbehörde“, so notiert Tillo Seeling, ordnet Schmidt an, dass jeder Betroffene 50 D-Mark für die nötigsten Einkäufe erhält.

Für die Bundeswehr - die Soldaten helfen vier Wochen lang im Katastrophengebiet - wird der eigentlich illegale Einsatz zum Glücksfall. Zum ersten Mal erhält die Armee, deren Einführung in der jungen Bundesrepublik höchst umstritten war und 1962 immer noch ist, eine öffentliche Anerkennung. Als die Kölner Bataillone an ihren Standort zurückkehren, tun sie das auf den letzten Kilometern zu Fuß, in Uniform und Marschformation. Tausende Menschen stehen an den Straßenrändern und applaudieren den Soldaten - ein Gänsehautgefühl, das Tillo Seeling bis heute nicht vergessen kann. So wenig wie den Mann, den er neben Martin Luther für den bedeutendsten Deutschen hält: Helmut Schmidt.

von Frank Rademacher

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