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"Allerletzte Chance“ für Verkehrssünder

Gericht "Allerletzte Chance“ für Verkehrssünder

Wegen mehrerer Straßenverkehrsdelikte musste sich ein bereits vorbestrafter Mann aus dem Südkreis erneut vor Gericht verantworten.

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Das Gericht gab dem Angeklagten noch eine letzte Chance.

Quelle: Thorben Wengert, pixelio

Marburg. Mangels Beweisen wurde er in einem Fall freigesprochen, wegen Fahren ohne Fahrerlaubnis jedoch zu einer Freiheitsstrafe von acht Monaten verurteilt, die vor dem Amtsgericht Marburg „als letzte Chance“ zur Bewährung ausgesetzt wurde.

Seit mehr als 20 Jahren füllen Schriftsätze über Straßenverkehrsverletzungen die Akten des erheblich und einschlägig vorbestraften Wiederholungstäters. Weil er sich Ende vergangenen Jahres erneut ans Steuer begab, ohne im Besitz eines Führerscheins zu sein, verurteilte das Amtsgericht Marburg den unter Bewährung stehenden Verkehrssünder zu einer achtmonatigen Bewährungsstrafe.

Diesen Anklagepunkt gab der Beschuldigte während der Verhandlung am Donnerstag unumwunden zu. „Das war verkehrt, ich habe es jetzt begriffen“, betonte der 41-Jährige. Anfang Dezember war der Besitzer einer KFZ-Werkstatt mit überhöhter Geschwindigkeit in einem Kundenwagen in der Nähe von Kleinseelheim unterwegs. Eine gültige Fahrerlaubnis besitzt er nicht, diese wurde bereits vor 16 Jahren eingezogen.

Die Verhandlung drehte sich jedoch hauptsächlich um einen Verkehrsunfall Anfang 2013 in Ebsdorfergrund, bei dem leichte Personen- und Sachschäden entstanden. Der Angeklagte wurde verdächtigt, nicht nur unter schwerem Alkoholeinfluss gefahren und den Unfall verursacht zu haben, sondern sich ebenfalls der fahrlässigen Körperverletzung sowie Unfallflucht schuldig gemacht zu haben.

"Wie bei einem Alkoholiker der Gastwirt ist"

Laut Anklage fuhr er in den Abendstunden stark alkoholisiert auf der Landstraße 3048 in Richtung Heskem. Während eines Überholvorgangs in einer Kurve soll der Angeklagte mit einem entgegenkommenden Fahrzeug heftig kollidiert sein. Beide Fahrzeuge rutschten von der Fahrbahn und landeten im Straßengraben. Das Unfallopfer erlitt Prellungen sowie einen Schnitt an der Hand. Der unverletzte Angeklagte entfernte sich kurz darauf rechtswidrig vom Unfallort, meldete sich erst später bei der Polizei. Eine spätere Blutuntersuchung ergab bei dem betrunkenen Mann einen beachtlichen Alkoholwert von etwa zwei Promille. Betrunken sei er gewesen, selber gefahren jedoch nicht, teilte die Verteidigung mit. Der Beschuldigte selber äußerte sich nicht zu den Vorwürfen der Hauptanklage. Dessen größtes Problem seit mehr als 20 Jahren sei die Tätigkeit als Besitzer einer Autowerkstatt, in der er mit diversen Fahrzeugen zu tun habe, selber jedoch nicht fahren dürfe, „wie bei einem Alkoholiker, der Gastwirt ist“, teilte Verteidiger Thomas Strecker mit. Seit 1992 wurde der Wiederholungstäter bereits mehrfach wegen fahrlässiger Trunkenheit im Verkehr, vorsätzlichem Fahren ohne Fahrerlaubnis sowie fahrlässiger Gefährdung des Straßenverkehrs verurteilt.

Sein Mandant sei am Tag des Unfalls jedoch lediglich auf dem Beifahrersitz mitgefahren, am Steuer habe wohl ein entfernter Bekannter und Geschäftspartner des Angeklagten gesessen, teilte der Verteidiger mit. Der Fahrer habe sich, wie der Angeklagte auch, nach dem Unfall kurzerhand aus dem Staub gemacht, sei seitdem nicht wieder aufgetaucht. Auch eine umfangreiche polizeiliche Untersuchung konnte weder die unbekannte Person noch dessen gesamten Namen ermitteln, teilten mehrere Beamte vor Gericht mit. „Die Aussage klang nicht sehr glaubwürdig“, so die persönliche Einstellung eines Polizisten. Mehrere Zeugen konnten keine eindeutigen Hinweise geben, wie viele Personen sich in dem Unfallwagen befunden hatten oder wer am Steuer saß. Ein Beteiligter gab an, er habe den Angeklagten jedoch später auf dem Beifahrersitz gesehen.

Letzte Zweifel schließen ein Urteil aus

Streitpunkt vor Gericht war unter anderem ein Gutachten über das stark beschädigte Fahrzeug des Unfallverursachers. Dessen Fahrertür war laut Sachverständigen dermaßen deformiert, dass sie sich „ohne gewissen Kraftaufwand“ nicht hätte öffnen sowie danach nicht wieder normal hätte schließen lassen. Noch bei der Untersuchung war die Tür jedoch fest verschlossen, auch waren keine „sichtbaren Bewegungsspuren“ darauf zu finden, die im Falle eines gewaltsamen Öffnens hätten vorhanden sein müssen. „Es ist unwahrscheinlich, dass die Tür geöffnet wurde“, so das Resümee von Staatsanwalt Christian-Konrad Hartwig. Entsprechend hätte der angebliche Fahrer nach dem Unfall über den Angeklagten auf dem Beifahrersitz klettern müssen. „Die Beweisaufnahme legt eine Täterschaft des Angeklagten nahe“, schloss der Staatsanwalt. „Es verbleiben vernünftige Zweifel“, betonte dagegen die Verteidigung. Die Schuld sei nicht eindeutig bewiesen, andere Personen kämen ebenfalls als Täter in Frage, die der Angeklagte möglicherweise zu decken versucht, sagte Strecker und forderte in diesem Anklagepunkt einen Freispruch für seinen Mandanten.

Dem schloss sich Strafrichterin Dr. Antonia Wetzer an und sprach den Beschuldigten von den Vorwürfen der zweiten Anklageschrift frei. Vieles spräche gegen ihn, doch letzte Zweifel seitens des Gerichtes schlössen ein Urteil aus.

In dem eindeutigen zweiten Fall verurteilte die Richterin den unter Bewährung stehenden Angeklagten wegen vorsätzlichem Fahren ohne Fahrerlaubnis zu einer Freiheitsstrafe von acht Monaten, die zur Bewährung ausgesetzt wurde. Die Bewährungszeit beträgt drei Jahre. Ebenfalls für diese Dauer wird dem Verkehrssünder aufgrund seines „unverantwortlichen Handelns“ keine neue Fahrerlaubnis erteilt werden, verfügte die Richterin. Die erneute Bewährungsstrafe sei zudem seine „allerletzte Chance“, betonte Wetzer und riet dem Mann dringend zur Besserung.

von Ina Tannert

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