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Fußball-Jugend

Thomas Koch: „Wir probieren alles aus“

Wie wird die Fußball-Jugend von heute ausgebildet? Bei den Sportfreunden Blau-Gelb Marburg verfolgt man seit Jahren eine speziell strukturierte Nachwuchsförderung.

Fußballerische Ausbildung mit Sinn und Verstand: Bei den Sportfreunden Blau-Gelb Marburg greift das Konzept. Privatfoto

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Marburg. Der erfolgreichste deutsche Fußball-Trainer der Gegenwart ist einer von der alten Schule. Felix Magath, ehemals Wolfsburg, jetzt Schalke 04, lässt im Trainingslager Medizinbälle schleppen, baut Hügel für Steigerungsläufe und setzt schier endlose Ausdauerläufe ins Trainingsprogramm. Der Erfolg gibt ihm recht. Thomas Koch und Andreas Stolberg läuft es trotzdem kalt den Rücken runter, wenn sie an die Trainingsmethoden des ehemaligen Nationalspielers denken, die früher auch im Jugendfußball weithin praktiziert wurden. Koch und Stolberg sind Nachwuchstrainer bei den für ihre Nachwuchsarbeit bekannten Sportfreunden Blau-Gelb Marburg. Von Medizinbällen sind die beiden ehrenamtlichen Übungsleiter so weit entfernt wie Magath von Marburg.

20 Jugendmannschaften wird die Blau-Gelben in der kommenden Saison ins Rennen schicken, mehr Teams hat kein anderer Verein im Landkreis. Darauf sind sie stolz beim 1998 fusionierten Marburger Klub. Und auch darauf, dass sie die Fußball-Jugend nach gewissen Grundprinzipien trainieren und ausbilden. Der Marburger Weg ist kein Sonderfall. Vielmehr orientieren sich Koch, Stolberg und Kollegen an den Leitlinien des DFB. Spätestens seit den mausgrauen Jahren unter Erich Ribbeck, als eher zweitklassige Brasilianer eingebürgert wurden, weil schlichtweg der gut ausgebildete Nachwuchs fehlte, hat man sich beim größten Verband der Welt Gedanken zum Thema Jugendarbeit gemacht. Mit Erfolg: Innerhalb kürzester Zeit sind die U 17, die U 19 und sogar die U 21 Europameister geworden. Das gab es vorher noch nie.

Auch auf der Amateurebene hat sich was getan: Engagierte Vereine arbeiten nach klaren Strukturen, die Modernität und Vielfalt in der Trainingsarbeit versprechen. So auch bei den Sportfreunden. Das Trainerduo Stolberg / Koch hat Vorbilder für die Nachwuchsarbeit gesucht und gefunden. Einer davon ist der Niederländer Wiel Coerver, inzwischen 84 Jahre alt. Coerver gehörte als junger Mann zu ersten Generation holländischer Fußball-Profis, als Spieler wurde er 1956 Landesmeister mit Roda Kerkrade. Noch erfolgreicher war er als Trainer: 1974 holte Feyenoord Rotterdam unter seiner Leitung den Uefa-Pokal. Im kollektiven Gedächtnis verankert ist der Fußball-Vordenker aber nicht wegen seiner Pokale und Medaillen: Die von ihm entwickelte Coerver-Methode ist spätestens seit Ende der 70er Jahre auch über die holländischen Grenzen hinaus in der Fußball-Welt bekannt. Eine Trainingslehre, die noch heute bestand hat. Manchester United lässt seine Jugend nach Coerver arbeiten, Stolberg und Koch tun das in Marburg.

Die Ausbildung der jungen Fußballer fußt auf der Coerver-Pyramide, die die Ballbeherrschung als entscheidendes Fundament erkennt und in folgender Reihenfolge weitergeführt wird: Passen und Annahme - 1 gegen 1, Angriff und Verteidigung - Schnelligkeit - Abschluss - Gruppenspiel. Eine Theorie, die größtmöglichen Einsatz erfordert – von Spielern und von Trainern. „Wir versuchen, immer mit mindestens zwei Trainern die Übungen in Kleingruppen zu leiten“, sagt Thomas Koch. Personelle Engpässe in der Jugend kennt man in Marburg nicht, andere Vereine haben diese Sorgen schon.„Kinder-Fußball“, sagt Koch, „ist etwas ganz Besonderes.“ Die Sportfreunde haben verschiedene Methoden, um ihrem Nachwuchs eine solide Grundausbildung zu verschaffen.

„Wir sind fast jedes Wochenende unterwegs, um unsere Kinder auf Turnieren spielen zu lassen“, erklärt Andreas Stolberg. Dann spielen Stürmer als Verteidiger und Verteidiger als Stürmer, „wir probieren alles aus“.Die Übungsformen im Training sind vielfältig und doch für jedermann greifbar. Sie sind auf die jeweilige Altersklasse zugeschnitten. Koch betont die Unterschiede: „In der G-Jugend stehen die allgemeine Bewegungsschulung und einfache Aufgaben am Ball im Vordergrund. Ab der F-Jugend lernen die Kinder durch vielseitige Spiel- und Übungsformen, sich im Raum zu orientieren, sich aufmerksam zu bewegen.“

Stramme Ausdauerläufe und Krafttraining sind in der Jugendarbeit verpönt. Stattdessen: viele kleine Spiele, Koordinations- und Geschicklichkeitsübungen, alles mit dem Ball am Fuß. Der Rest kommt von ganz alleine. „Wir brauchen die Kinder nicht zum Erfolg drillen. Kinder wollen immer gewinnen. Erfolg ergibt sich aus guter Ausbildung“, sagt Koch. Die Fußball-Landschaft hat sich geändert. Nicht nur auf der großen Bühne, auch auf den kleinen Plätzen der Amateurspielklassen. Die Nachwuchsarbeit im Jugendfußball ist flexibler, vielschichtiger und gleichzeitig interessanter geworden. Die Zeit der Medizinbälle? Sie lebt weiter, aber offenbar nur noch im Männerbereich. Die Jugend hat ganz andere Pläne.

von Alex Raack


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