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Zwei Vorträge und ein Haufen Kritik

Amöneburger Stromnetz Zwei Vorträge und ein Haufen Kritik

Großes Interesse herrschte am Montagabend an der Sitzung des Haupt- und Finanzausschusses, in der drei Konzerne ihr Angebot für die Zukunft des Amöneburger Stromnetzes präsentieren sollten.

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Rund 50 Zuschauer (von links) verfolgten die Haupt- und Finanzausschusssitzung.

Quelle: Florian Lerchbacher

Amöneburg. 13 Millionen Kilowattstunden verbrauchen die Amöneburger jährlich an Strom. Zum Vergleich: Stadtallendorf kommt auf einen Verbrauch von 300 Millionen Kilowattstunden. Drei Konzerne buhlen weiterhin um die Gunst der Berger, deren Konzessionsvertrag wie der zahlreicher anderer Gemeinden Ende des Jahres abläuft. Für eine extra eingerichtete Kommission war bisher klar: Die Stadt soll nicht nur den Konzessionsvertrag verlängern, der eine jährliche Einnahme von 135.000 Euro bringt, sondern sich am Stromnetzbetrieb beteiligen, was nach Schätzungen weitere 44.000 Euro in die Kassen spülen sollte.

Die Auswirkungen auf die Stadtkasse sind also massiv – für die Kunden ändert sich, egal wie die Entscheidung ausfällt, nichts. Dennoch verfolgten rund 50 Zuschauer die Ausschusssitzung, in der e.on Mitte, OVAG und die Marburger Stadtwerke ihre Angebote vorstellen sollten.

Jörg Hartmann, der Leiter des Bereiches Netztechnik von e.on Mitte, beschränkte sich allerdings darauf, vermeintliche Fehler aus dem Bericht der Stromkommission zu korrigieren. Er zweifelte unter anderem die Neutralität eines Gutachters an, der den Wert des Amöneburger Netzes auf rund 1,38 Millionen Euro beziffert hatte – Burkhard Meth, der Leiter der Netzregion Marburg, nannte einen „Sachzeitwert“ von 3,9 Millionen Euro. Die prognostizierten Rendite von 44.000 Euro bezeichnete Hartmann als unrealistisch und überzogen, zudem verstrickte er sich über die Frage, ob sich e.on aus der Fläche zurückziehen werde, in Grabenkämpfe mit Bürgermeister Michael Richter-Plettenberg, der sich auf Aussagen des neuen Vorstandschefs des Stromkonzerns bezog. Hartmann äußerte zahlreiche weitere Kritikpunkte, ehe er den Ausschussmitgliedern davon abriet, das Stromnetz auseinanderzureißen und den Anbieter zu wechseln.

Anschließend stellte Dr. Thorsten Reichel, der Leiter der Rechtsabteilung, die OVAG aus Friedberg vor, die vornehmlich im Wetteraukreis, dem Vogelsberg und dem Kreis Gießen 60 Kommunen unter anderem mit Strom versorgt. „Wir waren die ersten, die das kommunenbezogene Beteiligungsmodell anboten“, hob er hervor und betonte: „Wir wissen, wie Netzübernahmen laufen.“ Roger Friedrich vom Regulierungsmanagement erklärte den Zuschauern das Beteiligungsmodell: Das Netz werde zwar auseinandergerissen, aber gleichzeitig auch mit dem der OVAG vereint, sodass es zu Synergieeffekten komme. Die Stadt erteile seinem Unternehmen die Konzession, die OVAG kaufe das Netz und die Stadt könne dann entscheiden, ob sie sich daran beteilige: „Es gibt kein Risiko für die Kommune.“ Eigentümer solle eine noch zu gründende Netzeigentumsge-sellschaft werden, die das Netz dann an die OVAG Netz AG verpachte. Reichel bezeichnete das Modell als kommunenbezogen, transparent, übersichtlich und für die Stadt risikolos.

Rainer Kühne, Geschäftsführer der Stadtwerke Marburg, warb indes mit „größtmöglicher Gemeinwohlorientierung“: Die Stadt solle nicht nur die Konzession an die kommunale Netzgesellschaft „Energie Marburg-Biedenkopf“, eine Tochtergesellschaft der Stadtwerke, übertragen, sondern sich an ihr auch beteiligen und dann durch einen Sitz im Aufsichtsrat den Weg der Gesellschaft mitbestimmen.

Den Ertragswert des Amöneburger Stromnetzes, das eine Länge von rund 75 Kilometern hat, bezifferte Kühne auf rund 500.000 Euro. Der Kaufpreis stehe zu diesem Zeitpunkt noch nicht fest, selbst bei einem Preis von 1,8 Millionen Euro sei der Kauf indes noch wirtschaftlich. Selbst wenn sich die Stadt nicht am Kauf beteilige. Er warb für den Einstieg in die kommunale Familie, hob die Nähe zur Stadt Marburg und der Geschäftsstelle hervor und betonte, dass die Stadtwerke das Breitbandnetz ausbauen wolle, um für schnelle Internetverbindungen zu sorgen.

Nach rund dreieinhalb Stunden Sitzung hielten die Mitglieder des Haupt- und Finanzausschusses fest, am Montag, 21. Februar, eine Entscheidung zu treffen und eine Empfehlung an die Stadtverordnetenversammlung auszusprechen. Das Gremium tagt dann allerdings nicht öffentlich. Die Stadtverordnetenversammlung wiederum muss in ihrer letzten Sitzung in alter Zusammensetzung am 15. März dann die endgültige Entscheidung treffen, welcher Konzern den Zuschlag erhält. Ob die Stadt in den Stromnetzbetrieb einsteigt, hängt davon und vom Preis des Netzes ab.

von Florian Lerchbacher

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