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Zwei Croissants nicht bezahlt: 250 Euro

Ladendiebstähle vor Gericht Zwei Croissants nicht bezahlt: 250 Euro

Ein großes Aufgebot bewaffneter Polizeibeamten bevölkerte am Freitag den unteren Flur des Kirchhainer Amtsgerichts - ein ungewohnter Anblick in diesem Gericht, in dem selbst Einlasskontrollen nicht die Regel sind.

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Teurer Snack: Weil er zwei solcher Croissants im Gesamtwert von 78 Cent bei einem Stadtallendorfer Discounter aufaß, ohne sie zu bezahlen, muss ein Angeklagter 250 Euro bezahlen. Foto: M. Mayer

Kirchhain. Die wehrhafte Präsenz der Staatsmacht galt nicht zur Aburteilung von anstehenden Schwerverbrechern, sondern dem Schutz einer Verhandlung vor dem Familiengericht. Dort ging es um ein Gewaltschutzverfahren zwischen zwei Familienclans, die seit Jahrzehnten untereinander verfeindet sind und auch schon der Strafrechtsabteilung des Hauses reichlich Arbeit gemacht haben.

Letztere hatte es am Freitag durchweg mit harmlosen Angeklagten zu tun. Allerdings machten diese sich zum Wochenausklang rar. Gleich zu vier der angesetzten sieben Hauptverhandlungen erschienen die Angeklagten nicht.

Wer dem unter Vorsitz von Richter Joachim Filmer tagenden Gericht seine Aufwartung machte, zeigte sich auch geständig. So auch zwei 41 und 39 Jahre alte Kirchhainer, die laut der von Oberamtsanwalt Peter Heinisch vertretenen Anklage am 21. Juni 2014 um 19.55 Uhr vier am Eingang eines Kirchhainer Supermarktes stehende Veltins-Kisten entwendeten, die 40 Liter Bier außer Sichtweite auskippten, um anschließend für das Leergut das Pfandgeld zu kassieren. Dabei wurden sie von dem Supermarkt-Personal gestellt. Schaden: 60 Euro.

Der ältere der beiden Angeklagten gestand den gemeinschaftlichen Diebstahl, verneinte aber den Vorwurf der Bierverklappung. Das habe man gegenüber dem Personal angegeben, um das erbeutete Bier für die abendlichen Spiele der Fußball-WM behalten zu können, sagte der Hartz-IV-Bezieher.

Nach seinen Schilderungen war das Duo samt vier Kisten Leergut auf zwei Rädern zu dem Markt gefahren, um die Biervorräte aufzufüllen. Die Idee zum Diebstahl wurde spontan beim Anblick der im Freien stehenden Bierkästen geboren. Dann aber gingen die Angeklagten zielgerichtet vor, versteckten ihr Leergut in der Nachbarschaft, transportierten ihr Diebesgut mit einem Einkaufswagen zu dem Versteck, um auf dem Rückweg das eigene Leergut abzugeben.

Eine Kundin hatte den Diebstahl beobachtet und eine Verkäuferin informiert. Die als Zeugin aussagende Verkäuferin checkte die Kassen und die Videoaufzeichnung und sah die Beobachtung der Kundin bestätigt. Sie erwartete das Duo am Leergutautomaten.

Peter Heinisch sprach von einer Riesendummheit der mehrfach vorbelasteten Angeklagten, deren Vorstrafen allerdings schon einige Jahre zurückliegen. „Sie hätten sich gleich ein Schild auf die Stirn kleben können: ,Hallo, ich war‘s‘“, sagte Heinisch Er beantragte für die Angeklagten eine Verurteilung wegen gemeinschaftlichen Diebstahls zu Geldstrafen von je 45 Tagessätzen: Für den 41-Jährigen Hartz-IV-Empfänger in Höhe von 13 Euro und für den 39-jährigen Angestellten in Höhe von 30 Euro.

Richter Joachim Filmer folgte dem Antrag der Staatsanwaltschaft, beließ aber das Strafmaß bei 40 Tagessätzen. Bei Straftaten dieser Art seien normalerweise auch Einstellungen des Verfahrens möglich. Dem ständen die Vorstrafen der Angeklagten im Wege. Das Urteil wurde sofort rechtskräftig.

Um einen geradezu lächerlichen Schaden von 78 Cent ging es in der Verhandlung gegen einen 27-jährigen Stadtallendorfer. Der Mann hatte laut Anklage am 13. September 2014 um 18.55 Uhr im Stadtallendorfer Ladenlokal eines Discounters zwei Croissants im Wert von 78 Cent verspeist, ohne diese zu bezahlen.

Auch er räumte den Anklagevorwurf ein. Er habe eine halbe Kiste Bier intus gehabt, sei ziemlich betrunken gewesen und habe in dem Laden nach einer Flasche Wein geschaut. Er habe vergessen, die Croissants zu bezahlen, sagte er.

Kritisch für den Angeklagten: Er hatte zur Tatzeit noch eine Bewährung des Amtsgerichts Alsfeld offen, das ihn wegen gefährlicher Körperverletzung zu einer siebenmonatigen Freiheitsstrafe verurteilt hatte. Von dieser verbüßte er sechs Monate. Um den Angeklagten wegen zweier Croissants einen möglichen weiteren Monat in Strafhaft zu ersparen, stellte das Gericht das Verfahren mit Zustimmung der Staatsanwaltschaft nach § 153a der Strafprozessordnung vorläufig ein. Allerdings muss der Angeklagte 250 Euro an die Eingliederungshilfe Marburg bezahlen. Das ist auch noch ein stolzer Preis für zwei Discounter-Croissants.

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