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Zurück zur Freundin und den Katzen

Drei Jahre Haft Zurück zur Freundin und den Katzen

Mit einem Teilerfolg für den Angeklagten endete ein Berufungsverfahren vor dem Marburger Landgericht. Ein berufsloser 25-jähriger Stadtallendorfer muss statt dreieinhalb nun für drei Jahre in Haft.

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Marburg/Stadtallendorf. Räuberische Erpressung, sexuelle Nötigung, Körperverletzung, exhibitionistische Handlungen, Erschleichung von Leistungen - die Liste der Vorstrafen des 25-Jährigen, der Berufung gegen ein Urteil des Marburger Schöffengerichts vom Februar dieses Jahres eingelegt hat, ist lang. Vor der 2. Strafkammer des Marburger Landgerichts ging es um folgende erstinstanzlich festgestellte Sachverhalte:

  • Sexuelle Nötigung. Im Januar 2014 traf der Angeklagte in einer Stadtallendorfer Diskothek eine junge Frau, die er gegen ihren erklärten Willen sexuell bedrängte, sie küsste und begrabschte und mit dem Tode bedrohte. Das Geschehen trug sich in einem nahegelegenen Wäldchen zu und zog sich über einen langen Zeitraum zwischen einer halben Stunde und zwei Stunden hin. Erst als das Opfer mit den Worten „lass uns woanders hingehen“ den Eindruck erweckte, seinem Begehren folgen zu wollen, ließ er von der jungen Frau ab, sodass diese in ein Taxi fliehen konnte.
  • Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte in Tateinheit mit Körperverletzung. Am 14. Februar 2014 eilten die Besatzungen von zwei Streifenwagen zur Stadtallendorfer Wohnung des Angeklagten und dessen Freundin. Besorgte Wohnungsnachbarn hatten schon zum zweiten Mal in dieser Nacht die Beamten gerufen, weil sie angstvolle Schreie einer Frau und laute Geräusche aus der Wohnung hörten. Der angetrunkene Angeklagte öffnete die Tür und ließ die Polizisten herein, hinderte aber dann eine Beamtin daran, ungestört mit seiner Freundin ein Gespräch zu führen.

Angstvolle Schreie in der Nacht

Beim Versuch, den Angeklagten in ein anderes Zimmer zu bringen, leistete dieser erst gegen zwei, dann gegen drei Beamte und schließlich gegen die zur Hilfe eilende Polizeibeamtin massiven Widerstand, wobei er einem Beamten mit Fausthieben gegen den Kopf traktierte. Erst als die Beamtin Pfefferspray einsetzte gelang es den athletischen Polizisten, den ­Tobenden zu bändigen.

  • Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte in Tateinheit mit versuchter Körperverletzung. Am 3. Juni 2014 kam der angetrunkene Angeklagte um 1.30 Uhr auf die Idee, mitten auf der Straße eine Zivilstreife anzuhalten und die Beamten um „Kippen“ anzuschnorren. Die Beamten, beide Nichtraucher, konnten damit nicht dienen. Weil er an dem Auto stehen blieb und noch den Personalausweis von den Beamten zum Ziehen von Zigaretten forderte, zückten die Polizisten ihre Dienstausweise und entschlossen sich zu einer Personalienfeststellung. Als sie den Mann zur Durchsuchung nach Ausweisdokumenten in der „Adler-Stellung“ an eine Scheunenwand stellten, versuchte dieser einen Ellbogenstoß, der einen der Beamten aber nur streifte.

Mit der sexuellen Nötigung habe sich der Angeklagte ein sehr, sehr schweres Delikt geleistet, befand der Vorsitzende Richter der Kammer und Präsident des Landgerichts, Dr. Frank Oehm.

Angeklagter erleidet Weinkrampf

Für diese drei Taten hatte das Schöffengericht eine Gesamtstrafe in Höhe von dreieinhalb Jahren verhängt. Zuviel, findet der Angeklagte. Er habe sich geändert, wolle sein Leben auf die Reihe bekommen, aber vor allem: Zurück zu seiner Freundin und seinen Katzen. Als später die Vorstrafen verlesen wurden, erlitt der Angeklagte einen Weinkrampf. Die Sitzung musste unterbrochen werden. Der Angeklagte musste in seiner katastrophalen Kindheit unmenschliche Rohheiten und Verbrechen erdulden. Was er später seinen Opfern antat, gehört in die gleiche Kategorie.

„Mein Mandant ist vor dem Urteil auf einem guten Weg gewesen. Er hat eine stabile Beziehung, hat nach seinen bescheidenen Möglichkeiten versucht, im Arbeitsleben Fuß zu fassen, ein ruhiges Leben geführt“, sagte Verteidiger Thomas Strecker.

Der Angeklagte sei auf einem Weg. Aber auf einem, der in die Sicherungsverwahrung führe, entgegnete Staatsanwältin Kerstin Brinkmeier. Aus ihrer Sicht rechtfertigten die von der Verteidigung vorgetragenen Punkte keine Strafmilderung. Dazu gehöre auch der Umstand, dass der Angeklagte dem Opfer der sexuellen Nötigung eine zweite Aussage im Zeugenstand erspart habe. Das sei nicht als Geständnis zu werten. Im Gegenteil: Der Angeklagte habe beim Verlesen des Tatbestands durch den Vorsitzenden klipp und klar gesagt: „So war das nicht!“

Auch die gutachterlich festgestellte dissoziale Persönlichkeitsstörung, den im Bereich des Schwachsinns angesiedelte Intelligenzquotienten von 54 und die Beziehung des Angeklagten sah die Staatsanwältin nicht als strafmildernd an. „Fakt ist, dass die angeklagten Straftaten, darunter die sexuelle Nötigung einer anderen Frau, begangen wurden, als der Angeklagte längst mit seiner Freundin zusammen war“, entkräftete Kerstin Brinkmeier das ­Argument der Verteidigung.

Die Verteidigung beantragte eine Reduzierung der Freiheitsstrafe auf zweieinhalb Jahre, die Anklage beantragte, das Strafmaß des Schöffengerichts zu bestätigen.

Nach viereinhalbstündiger Verhandlung landete die 2, Strafkammer beim Strafmaß in der Mitte: drei Jahre Freiheitsstrafe.

von Suria Reiche

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