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Zum Schluss noch eine dicke Klageakte

Manfred Barth wird vom Bürgermeister zum Rauschenberger Bürger Zum Schluss noch eine dicke Klageakte

Am Donnerstagmittag endete in Rauschenberg eine Epoche: Nach 18 Amtsjahren verließ Manfred Barth letztmals als Bürgermeister das Rathaus.

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Letzte Amtshandlung: Bürgermeister Manfred Barth übergibt den Generalschlüssel für das Rathaus an seine Chefsekretärin Ulrike Huth. Foto: Matthias Mayer

Rauschenberg. In seiner letzten Amtshandlung übergab er seiner Chefsekretärin Ulrike Huth den Generalschlüssel für das Rathaus und den Briefkastenschlüssel. „Jetzt kann ich nicht mehr rückfällig werden. Selbst wenn mir am Ostersamstag einfällt, dass ich noch etwas aufzuarbeiten habe: Ich komme ab jetzt - wie jeder normale Bürger - nur noch zu den Öffnungszeiten der Stadtverwaltung ins Rathaus rein“, kommentierte der scheidende Bürgermeister gegenüber der OP diesen Akt.

Den Übergang vom Bürgermeister zu einem normalen Bürger Rauschenbergs hat Manfred Barth in den vergangenen sechs Wochen als schleichenden Prozess erlebt. Eigentlich hat der Politiker seit seiner offiziellen Verabschiedung im Februar Urlaub. Aber da man eine Stadt über einen so langen Zeitraum nicht führungslos lassen kann, hat er sich die administrativen und hoheitlichen Aufgaben mit der ehrenamtlichen Ersten Stadträtin Ute Badenhaus-Klös geteilt.

„Ich war zuletzt entweder vormittags oder nachmittags im Haus“, sagte Barth, der die Amtsgeschäfte schon seit Wochen nicht mehr von seinem Dienstzimmer aus führte. Bis zum Donnerstag residierte der Bürgermeister mit der hünenhaften Gestalt in einer der kleinsten Kammern des Rathauses im 2. Obergeschoss. Papiervorräte, Akten und letzte Abschiedsgeschenke schränken die Bewegungsfreiheit in diesem möblierten Schuhkarton deutlich ein. Diese Behausung ist nichts für Menschen mit Platzangst. Das Amtszimmer habe dringend renoviert und der Dielenboden abgeschliffen und versiegelt werden müssen, erläuterte Barth die Gründe für den Umzug.

Das Räumen des Zimmers, das Aussortieren der Akten habe ihm nichts ausgemacht. Aber der Abschied von den Mitarbeitern falle ihm schwer. „Manche haben mich über die ganzen 18 Jahre hinweg begleitet. Wir haben ein gutes Team mit einem guten Betriebsklima und haben gerne zusammengearbeitet“, lobt Barth seine Mannschaft auf der Zielgeraden seiner Abschiedstour.

Die hat ihm „von Herzlichkeit geprägte“ Anrufe, E-Mails und Gespräche von Wegbegleitern und Bürgern eingebracht, wie Manfred Barth feststellte.

Mit den weniger schönen Seite seines öffentlichen Amtes wurde Manfred Barth selbstredend auch an seinem letzten Arbeitstag konfrontiert. Um 9 Uhr machte ihm ein Sicherheitsingenieur vom Gießener Regierungspräsidium seine Aufwartung. Im Gepäck hatte dieser eine gut 30-seitige, reich bebilderte Klageschrift eines Anwohners der Kratz‘schen Scheune, der gegenüber dem RP unhaltbare Sicherheitsmängel an der dortigen Baustelle anprangerte. Der Ingenieur besuchte die Baustelle - und fand keine relevanten Mängel. Manfred Barth wunderte dies nicht: Der Anlieger überziehe ihn seit Jahren quartalsweise mit Dienstaufsichtsbeschwerden und ähnlichen Klagen für die sich noch nie ein stichhaltiger Grund gefunden habe. Der Bürgermeister hat gelernt, diese Dinge hinzunehmen, ärgert sich aber über die erheblichen Kosten, die unnötig produziert werden, wenn ein Beamter einen Arbeitstag damit verbringt, einem Missstand nachzuspüren, der keiner ist. Kosten, die nach seiner Überzeugung durch einen Anruf bei der Stadtverwaltung vermeidbar gewesen wären.

Die Fährnisse des Bürgermeisterlebens ist Manfred Barth jetzt los - die Arbeit aber nicht. Auf den Dozenten der Verwaltungshochschule wartet die Korrektur von zehn Abschluss-Klausuren von Absolventen des Lehrgangs „Fortbildung zum Verwaltungsfachwirt“.

Nach den Osterferien beginnen zwei neue Kurse, und die praktischen Prüfungen im Mai wollen auch vorbereitet werden. Zudem hat sich der Diplom-Verwaltungswirt bei Amtsgerichten als gerichtlich bestellter Betreuer gemeldet.

Gleichwohl hofft Manfred Barth, künftig mehr Zeit für seine Familie zu haben. Eine Angel-Partie ist seinem älteren Sohn fest versprochen. Zuvor muss aber noch der längst abgelaufene Sportfischer-Schein verlängert werden. Ein guter Grund, mal wieder im Rathaus vorbeizuschauen.

von Matthias Mayer

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