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Zuhören, empfinden, ausdrücken

Musikpädagogische Arbeit im Kindergarten Zuhören, empfinden, ausdrücken

Aus dem Raum der Löwenzahngruppe klingen vertraute Laute. Die Kinder singen das Lied von den Drei Chinesen mit dem Kontrabass. Das Besondere: Das sonore Wummern eines Kontrabasses ist zu hören.

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Ina Fuhrmeister-King erklärt den Aufbau einer Gitarre, während sich Elif mit Unterstützung durch Wilfried Sohn am Kontrabass versucht. Fotos: Matthias Mayer

Stadtallendorf. Der Neustädter Musiker Wilfried Sohn ist in die Stadtallendorfer Kita St. Michael gekommen, und er hat seinen Kontrabass mitgebracht, der doppelt so lang ist wie die Kinder. Diese bestaunen das große Instrument, und sie wollen alle mal darauf spielen. Dürfen sie auch. Wilfried Sohn lässt die Kinder auf einen Stuhl steigen, rückt seine Bass heran, und erklärt, wie sich die vier Saiten zupfen lassen. Er selbst greift über das bundlose Griffbrett dazu, und schon entstehen in Co-Produktion kleine Melodien. Das ist ganz im Sinne von Ina Fuhrmeister-King, die Wilfried Sohn - wie zuvor schon andere Musiker - eingeladen hat, sein Instrument im Kindergarten vorzustellen. Seit drei Jahren studiert die Erzieherin berufsbegleitend das Fach Musik in der Kindheit. Die OP sprach mit ihr über musikpädagogische Arbeit im Kindergarten. OP: Was macht den besonderen Wert musikpädagogischer Arbeit im Kindergarten aus? Ina Fuhrmeister-King: Zuerst möchte ich den Kindern, die zu Hause häufig nur eine Art von Musik hören, die Vielfalt von Musik vermitteln. Ich möchte ihnen näher bringen, dass Musik auch ein Ausdrucksmittel ist, dass sich mit Musik Empfindungen wiedergeben lassen. Ich möchte sie dazu befähigen, das Medium Musik selbst zu nutzen, einfach nur, weil Musik schön ist. Kinder sollen ihre eigenen musikalischen Ausdrucksmöglichkeiten erproben können. Das ist übrigens überhaupt nicht schwer. Wenn wir gemeinsam singen, springen die Kinder sofort darauf an; das entspricht ihrem kindlichen Naturell. Das gilt auch für den Umgang mit den Instrumenten, die ich mitbringe. Kinder lernen sehr schnell, sich auch auf Instrumenten auszudrücken.

Das ist mir sehr wichtig, denn mir geht es bei dieser Arbeit zuerst um die Musik und nicht darum, die Grundlagen für spätere Lernerfolge der Kinder mit der musikalischen Arbeit zu legen. Dabei ist dieses Denken weit verbreitet. Bei allem Tun muss ein Profit, ein Nutzwert herauskommen. Das ist nicht mein Ziel. Ich möchte die Kinder einfach dazu sensibilisieren, hinzuhören. Das fällt ihnen zu Hause zunehmend schwer, wo den ganzen Tag über der Fernseher oder das Radio läuft. Natürlich ist das Singen wichtig für die Sprachentwicklung, natürlich ist es gut für das phonologische Bewusstsein. Und natürlich hilft die musikalische Arbeit auch, das Sozialverhalten in der Gruppe zu stärken. Aber das sind Dinge, die laufen einfach nebenher.

OP: Seit wann gibt es dieses spezielle musikalische Angebot in der Kita St. Michael? Fuhrmeister-King: Seit Aufnahme meines Studiums 2010. Der Schwerpunkt liegt in der von mir betreuten Löwenzahn-Gruppe. Ich habe in unserem Gruppenraum eine kleine Musikecke eingerichtet. Wenn sie denn wollen, können sich die Kinder dort den ganzen Tag über mit Musik beschäftigen. Das passiert aber nicht nach Stundenplan, sondern nach den Bedürfnissen der Kinder. An den Nachmittagen stoßen auch Kinder aus den anderen Gruppen dazu. Und einmal in der Woche gestalte ich regelmäßig am Montag nach dem Morgenkreis eine musikalische Frühförderung für alle drei Gruppen.

OP: Bekommen sie dazu Rückmeldungen von den Eltern oder wird diese Arbeit nicht bemerkt? Fuhrmeister-King: Doch, die bemerken das. Ich hole die Eltern auch mit ins Boot. Ich habe auch schon einige Elternteile dazu gewinnen können, ihre Instrumente mit in den Kindergarten mitzubringen und dort vorzustellen. Die multikulturelle Vielfalt in dieser Stadt bietet die Chance, auch Musik aus anderen Kulturkreisen vorzustellen. So hat mir die Mutter eines Kindergarten-Kindes erzählt, dass ihre Mutter in Russland Musiklehrerin gewesen sei und dass sie gerne bei uns einmal auf ihrer Balalaika spielen würde. Solche Angebote nehme ich natürlich gerne an.

Es gibt aber auch Rückmeldungen von Eltern im Bezug auf ihr Kind. Die erste Rückmeldung ist stets die gleiche: Die Kinder wollen alle Gitarre spielen, weil ich selbst auch Gitarre spiele. Ich bekomme aber auch erzählt, dass die Kinder zu Hause unsere Lieder singen. Ein Junge hat für sich bereits mehrere Instrumente eingefordert. Aber das kommt aus ihm heraus, aus seinem eigenen Interesse. Es gibt auch Kinder, die zeigen sich an Musik weniger interessiert. Sie haben andere Neigungen, und da knüpfe ich dann an.

OP: Haben Sie in den vergangen drei Jahren bei den von Ihnen betreuten Kindern eine Veränderung registriert was das Thema Musik angeht? Fuhrmeister King: Ja. Nach meiner Wahrnehmung sind die Kinder beim Zuhören sensibler geworden. Nicht nur gegenüber der Musik, sondern auch gegenüber den Geräuschen aus der Natur. Eine markante Veränderung: Wenn wir gemeinsam singen und ich wechsele in die zweite Stimme, dann registrieren die Kinder das nicht nur, sondern sie fallen zum Teil in diese zweite Stimme mit ein.

Und sie versuchen eigenständig, auf dem Glockenspiel die Melodien unserer Lieder nachzuspielen. Dabei helfen sie sich untereinander. So schafft die Musik eine Ebene, für eine ganz besondere Kommunikation unter den Kindern. Eine Veränderung ist aber auch innerhalb des Kindergarten-Teams geschehen: Einige Kolleginnen setzen vermehrt Instrumente zum Singen ein; begleiten teilweise die Kinder mit Flöte und Gitarre. Das Interesse zur Vermittlung von Musik hat sich vergrößert. Das ist der beste Weg den Kindern eine Möglichkeit offen zu halten, um sich später einmal musikalisch weiterzubilden und Ästhetik in ihrem Leben zu erkennen.

von Matthias Mayer

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