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"Es war furchtbar - katastrophal"

Zugunglück in Neustadt "Es war furchtbar - katastrophal"

Am Mittwoch ist es genau 20 Jahre her, dass sich auf Höhe des Waldstadions das schwerste Zugunglück Hessens ereignete. Sechs Menschen starben, zwölf erlitten zum Teil schwere Verletzungen.

Ein Helfer steht vor dem Waggon des Regionalzuges, den ein Stahlrohr aufgerissen hatte.

Quelle: Archivfotos: Uwe Brock

Neustadt. Es gibt Tage, an die Menschen sich für immer erinnern. Der 11. September 2001 mit den Terrorangriffen in den USA ist so einer. Für Neustädter ist es der 5. Juli 1997 - eines der traurigsten Kapitel in der Stadtgeschichte. Auf Höhe des Waldstadions hatten sich gegen 8.42 Uhr vier 15 Meter lange Stahlrohre aus der Halterung eines Güterwagens gelöst. Drei davon schossen den Bahndamm hinunter - das vierte schlitzte den letzten Waggon eines entgegenkommenden Regionalzuges auf, in dem insgesamt rund 300 Menschen saßen. Das Unglück kostete sechs Menschen das Leben: Zwei Frauen aus Schweden und Ghana, ein junges Paar aus Berlin und zwei Männer aus Gießen kamen dabei um. Zwölf weitere Reisende wurden zum Teil erheblich verletzt.

„Ich weiß noch genau, wo ich von der Katastrophe erfuhr“, erinnert sich Bürgermeister Thomas Groll. Er sei auf dem Rückweg aus Grünberg gewesen, wo er einem öffentlichen Training von Bayer Leverkusen beigewohnt hatte, als er im Radio davon hörte, dass es in Neustadt zu einer Tragödie gekommen sei. Die Unglücksstelle sei gesperrt, aber das Ausmaß der Katastrophe auch aus der Entfernung erkennbar gewesen.

Ehemaliger OP-Redakteur war direkt vor Ort

Einer, der direkt vor Ort war, ist der ehemalige OP-Redakteur Helmut Seim - der eigentlich ein freies Wochenende gehabt hätte, dann aber ausrücken musste: „Es war furchtbar. Katastrophal. Es ist kaum zu beschreiben“, sagt er und erinnert sich an schwerstverletzte Menschen und Leichen. Bilder, die sich in seinem Gedächtnis eingebrannt haben: „Das war von den traurigen Ereignissen, denen ich in 35 Jahren bei der Oberhessischen Presse beiwohnen musste, auf jeden Fall das, das am schwersten zu verarbeiten war. Es gehörte nicht zu den Dingen, die sich irgendwie abschütteln lassen.“ Gemeinsam mit drei Kollegen stellte er damals ein Extrablatt zusammen, das die OP in Neustadt verteilte, um die Bürger zu informieren.

Mehr als 300 Helfer von Feuerwehr, Rettungsdiensten und Bundeswehr waren am Unglücksort im Einsatz. Zu den ersten Helfern gehörten Fußballer des VfL Neustadt - die einen Tagesausflug an den Edersee unternehmen wollten. Nach einem lauten Knall hörten sie Schreie, reagierten sofort und kletterten den Bahndamm hinauf, um zu helfen. „Ich habe schon viel gesehen, aber das war das Schlimmste“, sagte der Fußballer Markus Müller damals im Gespräch mit dieser Zeitung und berichtete von Kindern mit blutverschmierten Gesichtern, Schwerverletzten und Leichen. Die Fußballer leisteten Erste Hilfe und alarmierten Polizei und Notärzte. Nach dem Unglück übernahm der Landkreis die psychologische Betreuung - auch der beteiligten Feuerwehrleute.

Drei Jahre dauerten die Ermittlungen des Eisenbahn-Bundesamtes (EBA) und der Marburger Staatsanwaltschaft. Es stellte sich heraus, dass die schweren Eisenrohre nur mit Nylonseilen gesichert waren. Außerdem waren beim Unglückswaggon, auf dem die Rohre gelagert waren, die sogenannten Rungen heruntergeklappt. Das sind seitliche Verstrebungen, die Rohre oder auch Holzstämme vor dem Verrutschen sichern sollen.

Staatsanwaltschaft erhob keine Anklage

Die Beladevorschriften waren also nicht eingehalten worden. Die Staatsanwaltschaft ermittelte gegen sieben Verlader und Wagenmeister - erhob letztendlich aber keine Anklage. Ein Gutachten des EBA zeigte, dass der Güterwagen sehr unruhig lief und schlingerte. Darin sah die Staatsanwaltschaft die wesentliche Ursache für das Unglück, weil der Grenzwert für Schlingerbewegungen um das Doppelte überschritten wurde. Ein Gutachten ergab, dass der Unfall möglicherweise auch eingetreten wäre, wenn die Rohre ordnungsgemäß gesichert worden wären.

Damals lehnten Bahn und das Neustädter Stadtparlament die Aufstellung eines Gedenksteins ab. Jetzt sieht es anders aus: Mario Gräser (CDU) hatte eine Gedenktafel vorgeschlagen - die Stadtverordneten zogen mit. Aus drei Gründen sei dies sehr vernünftig, betont Groll: Zur Erinnerung an das Ereignis, um der Toten zu gedenken, aber auch um den Helfern zu danken. Heute um 10 Uhr will die Stadt eine entsprechende Gedenktafel aufstellen. Dazu hat sie unter anderem neben Vertretern der Bahn den ehemaligen Ordnungsamtsleiter Norbert Gies und den damaligen Bürgermeister Manfred Hoim eingeladen, die sich aufseiten der Stadt um die notwendigen Schritte wie die Organisation der Notfallseelsorge oder die Verpflegung der Helfer kümmerten. In Vertretung des damaligen Wehrführers Klaus-Peter Kuhn kommen auch der jetzige Wehrführer Wolfram Streichert und Stadtbrandinspektor Erhard Wölk. Des Weiteren hat die Stadt zwei Mitglieder des VfL und Gerhard Stark, den damaligen Lokführer des Regionalzuges, eingeladen.

von Florian Lerchbacher

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