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Zeugen widersprechen sich: Freispruch

Gerichtsverhandlung Zeugen widersprechen sich: Freispruch

Bei der Urteilsverkündung flossen beim Angeklagten Tränen der Erleichterung: Freispruch. Für den 59-Jährigen war es zuvor vor dem Kirchhainer Amtsgericht um sehr viel gegangen.

Kirchhain. Die Anklage warf dem im Ostkreis lebenden Hartz IV-Empfänger vor, im Sommer 2012 seine damals 13-Jährige Tochter in vier Fällen sexuell missbraucht zu haben. Tatort: Die Wohnung des Angeklagten. Dort hielt sich das sonst im Landkreis Waldeck-Frankenberg bei ihrer Mutter lebende Mädchen während der Sommerferien für zwei Wochen auf.

Problem: Der Angeklagte brachte ein großes Vorstrafenpaket mit in die Verhandlungen: 18 Verurteilungen, darunter zwei wegen des sexuellen Missbrauchs eines Kindes und eine wegen Vergewaltigung.

Die von Staatsanwältin Kerstin Brinkmeier vertretene Anklage war in der für einen Missbrauchsprozess komfortablen Situation, sich gleich auf zwei Tatzeugen stützen zu können: Das Missbrauchsopfer und deren zur Tatzeit 18-jährigen Freund. Was die jungen Leute dann im Zeugenstand an haarsträubenden Widersprüchen produzierten, trug eher zur Verwirrung des unter Vorsitz von Joachim Filmer tagenden Gerichts als zur Tataufklärung bei. Und als dann auch noch die als dritte Zeugin geladene Mutter des Mädchens anfangs ebenfalls Aussagen machte, die im Widerspruch zu ihrer polizeilichen Vernehmung standen, platzte Kerstin Brinkmeier kurzzeitig der Geduldsfaden: „Das ist ja ohne Worte hier!“

Tochter rudert zurück:Nur ein Übergriff

Die Anklageschrift der Staatsanwältin stützte sich auf die Aussagen, die das Mädchen vor der Polizei gemacht hatte. Allerdings hatte die 13-Jährige eine psychologische Begutachtung im Hinblick auf ihre Glaubwürdigkeit abgelehnt. Nach diesen Aussagen soll es zwischen dem 30. Juni und dem 6. Juli vier Übergriffe des Vaters gegeben haben - darunter einer in dessen Bett, in dem die Tochter habe übernachten müssen. Im Zeugenstand sagte die heute 14 Jahre alte Mutter eines Säuglings dagegen aus, das es nur einen Vorfall gegeben habe. Als sie bekannte, sie könne sich noch nicht einmal daran erinnern, vor der Polizei weitere Anschuldigungen gegen den Vater erhoben zu haben, fiel Joachim Filmer - so der Richter während der Urteilsbegründung - „die Kinnlade runter“.

Der einzige Vorfall habe sich am Samstagabend in der Küche der väterlichen Wohnung ereignet. Aus „Angst vor Ärger“ sei sie der Aufforderung des Vaters gefolgt und habe sich auf dessen Schoß gesetzt. Ihr Vater habe ihre Brüste berührt und gegen ihren Widerstand mit Gewalt ihr das T-Shirt ausgezogen. Daraufhin habe er sie im Beisein ihres Freundes oberhalb des BHs weiter berührt. Sie sei dann aufgestanden und habe die Küche verlassen. Seit diesem Vorfall sei der Vater für sie gestorben; sie sehe ihn nur noch als ihren Erzeuger an, erklärte die Zeugin.

Ihr Freund, der sie an einem Ferienwochenende besucht hatte, bestätigte im wesentlichen den Vorfall in der Küche, den er noch um eine höchst bizarre Komponente erweiterte. Mit Blick auf die Brüste seiner Tochter habe der Vater gesagt: „Das sind meine.“ Und beim Begrapschen seiner Tochter habe der Angeklagte ihn gefragt, ob das einem Vater überhaupt erlaubt sei. „Da habe ich keine Ahnung von“, habe er geantwortet. Er habe keinen Ärger haben wollen, sei gleichwohl aber wütend gewesen. Auf entsprechende Blicke seiner Freundin hin sei er nicht eingeschritten, erklärte der Zeuge auf Nachfragen des Gerichts sein merkwürdiges Verhalten.

Vater grabscht, undder Freund guckt zu

Der junge Mann gab im Gegensatz zu seiner Freundin an, dass es mehrere Übergriffe gegeben habe. „Ich habe 100-prozentig gesehen, dass er sie das ganze Wochenende über begrabscht hat - 10 bis 20mal - aber immer nur in der Wohnung“, sagte er.

Der Mutter war aus den Erzählungen ihrer Tochter nur der Vorfall in der Küche erinnerlich. „Sie hat gesagt, dass ihr Vater versucht hat, sie anzubaggern“, erklärte die 51-Jährige, die angab, ihrem Ex-Freund die angeklagte Tat nicht zuzutrauen.

„Wir müssen mit dem umgehen, was wir haben“, fasste Kerstin Brinkmeier die schwache Vorstellung der Zeugen zusammen. Trotz aller Widersprüche, die zuerst in der Person des Opfers begründet seien, und der zeitlichen Desorientierung des Freundes habe die Beweisaufnahme gezeigt, dass es zumindest den Vorfall in der Küche gegeben habe. Wegen dieser Tat beantragte sie eine Freiheitsstrafe von acht Monaten, die wegen der länger zurückliegenden einschlägigen Vorstrafen des Angeklagten zur Bewährung ausgesetzt werden könne.

Rechtsanwalt Gerhard Wiegand, Verteidiger des zur Sache nicht aussagenden Angeklagten, beantragte Freispruch. Widersprüchliche Aussagen und die nach nachvollziehbare Tat-Schilderung des Freundes, seien derart bescheiden, dass sich darauf keine Verurteilung stützen lasse.

Dem schloss sich Joachim Filmer an. Er könne nicht ausschließen, dass sich die Tat ereignet habe. Die vorliegenden zeugenschaftlichen Beweise reichten aber nicht für die für eine Verurteilung notwendige Sicherheit aus.

von Matthias Mayer

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