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Zeugen stützen die Angeklagte

Freispruch Zeugen stützen die Angeklagte

Am Ende einer mehrstündigen Verhandlung vor dem Kirchhainer Amtsgericht nahm eine 45-jährige Angeklagte gestern freudestrahlend zunächst ihren Freispruch und dann ihren Führerschein in Empfang.

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Kirchhain / Stadtallendorf. Laut Anklagesatz soll die von ihrem Ehemann getrennt lebende Mutter von zwei Kindern am 14. April gegen 13.25 Uhr vor einem Schnellrestaurant in Stadtallendorf unter Alkoholeinfluss (mindestens 0,41 Promille) beim Rückwärtsausparken ein Auto gestreift und anschließend Fahrerflucht begangen haben. Schaden an dem Auto eines Stadtallendorfer Ehepaares: 950 Euro.

Wegen dieses Tatvorwurfs war die Stadtallendorferin zunächst über das Strafbefehl-Verfahren verurteilt worden. Gegen diesen hatte sie fristgerecht Einspruch eingelegt.

Für die Wahrheitsfindung in der gestrigen Hauptverhandlung fuhr Amtsgerichtsdirektor Edgar Krug das ganz große Programm: Acht Zeugen und eine Rechtsmedizinerin, die als Gutachterin geladen war. Den ersten Aufschlag hatte die Angeklagte, die das Geschehen vom 14. April aus ihrer Sicht schilderte. An dem fraglichen Tag habe sie von 4.30 bis 12 Uhr gearbeitet. Dann sei sie mit ihrem älteren Sohn und zwei seiner Freunde im Auto zunächst nach Niederklein gefahren, um eine dort vergessene Tasche abzuholen. Anschließend habe sie in dem Restaurant für die drei Jungs Döner gekauft. Von dem Unfall beim Ausparken habe weder sie noch einer ihrer drei Mitfahrer etwas bemerkt, sagte die Frau mit dem offenen und freundlichen Gesicht.

Zuhause, so ihre Aussage, trank sie beim Aufräumen in der Küche den Rest aus einer Weißwein-Flasche - ungefähr 0,2 Liter aus einem Wasserglas. Von dem Unfallschaden und der Unfallflucht will sie erst erfahren haben, als die Polizei an ihrer Tür klingelte.

Ihre drei Mitfahrer stützen die Aussage der Angeklagten von dem unbemerkten Unfall - ebenso der einzige neutrale Augenzeuge des Geschehens: Ein Kellner des Restaurants. Er habe den Unfall kommen sehen und laut geschrien, schilderte der Mann temperamentvoll das Geschehen. Der Mann stürmte laut seiner Aussage auf die Straße, fuchtelte mit den Armen drei Meter vor dem Auto und brüllte so laut, „dass der Nachbar aus dem Haus gerannt kam“, ohne dass die Fahrerin auf ihn reagierte. „Bleiben Sie ruhig, das ist unsere beste Kundin. Die kommt morgen wieder“, sagte er an die Adresse der Geschädigten, für die er Kennzeichen und Uhrzeit notierte. Wichtig: Seine Feststellung, dass die Berührung beider Autos fast geräuschlos erfolgte.

Einer der beiden Polizeibeamten, die die Unfallverursacherin in deren Wohnung aufgesucht hatte, nahm der 45-Jährigen die Version vom unbemerkten Unfall ab. Sie habe wirklich überrascht und auf ihn glaubwürdig gewirkt, sagte der Beamte im Zeugenstand. Da die beiden Polizisten Alkoholgeruch bei der Frau wahrgenommen hatten, machten sie zwei Schnelltests und ließen mit Zustimmung zwei Blutentnahmen vornehmen. Aufgrund des Ergebnisses von mindestens 0,41 Promille zur Unfallzeit behielten sie den Führerschein vorläufig ein.

Der Anklagepunkt der Unfallflucht ließ sich fortan nicht ohne ein weiteres Gutachten eines Unfall-Sachverständigen mehr halten, wie Amtsanwältin Tina Grün später anmerkte. So blieb die fahrlässige Trunkenheitsfahrt. Entscheidend waren hier die Berechnungen der Rechtsmedizinerin. Nach den von ihr begutachteten Werten sei der von der Angeklagten angegebene Nachtrunk eher unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich. Damit war das Klassement gemacht. Tina Grün beantragte für die Staatsanwaltschaft, die Angeklagte von beiden Tatvorwürfen freizusprechen und ihr den seit dem 14. April einbehaltenen Führerschein zurückzugeben. Diesem Antrag schloss sich Rechtsanwalt Senol Özgüven gerne an.

Diesen Anträgen folgte Edgar Krug im Urteil. Nach Überzeugung des Strafrichters ließ sich der Nachtrunk nicht widerlegen, und eine vorsätzliche Fahrerflucht nicht beweisen. „Die Angeklagte musste aus tatsächlichen Gründen freigesprochen werden“, sagte er.

von Matthias Mayer

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