Volltextsuche über das Angebot:

18 ° / 0 ° wolkig

Navigation:
Zeuge bringt sich in Verruf

Gerichtsverhandlung Zeuge bringt sich in Verruf

Ein 30-jähriger Stadtallendorfer soll seinen Reisepass gegen Geld an einen Syrer "ausgeliehen" haben. Er ist deshalb wegen "gewerbsmäßigen Einschleusens" angeklagt.

Voriger Artikel
Kinder wagen den Balanceakt
Nächster Artikel
Elena Görge schreibt zweitbesten Bericht

Für seine Einreise nach Deutschland soll sich ein Flüchtling aus Syrien einen Pass gekauft haben. Archivfoto

Quelle: Patrick Seeger

Stadtallendorf. Die Verhandlung vor dem Kirchhainer Amtsgericht dauerte gut 30 Minuten. Schnell stand nicht mehr der Angeklagte im Mittelpunkt, der von seinem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch machte, sondern der einzige Zeuge: ein 35 Jahre als Syrer, der eine Aufenthaltsgenehmigung hat. Er soll am 1. Dezember 2012 mit dem Flugzeug aus Kiew nach Deutschland gereist sein - mit dem Pass des 30 Jahre alten Stadtallendorfers. Im Gegenzug soll der Angeklagte dafür 2000 Euro vom in Deutschland lebenden Großvater des Flüchtlings bekommen haben.

Das Verfahren gegen den Syrer hat die Staatsanwaltschaft Konstanz wegen geringer Schuld eingestellt. Jetzt sollte er vor Gericht gegen den Stadtallendorfer aussagen. Doch diese Aussage, für die er einen Dolmetscher zur Seite gestellt bekommen hatte, entwickelte sich anders, als zu erwarten war. Den Reisepass des Stadtallendorfers wollte er nie gesehen haben. Er sei mit dem Auto eingereist, behauptete er immer wieder.

Dabei wurde jener Pass des Stadtallendorfers in einem Zimmer gefunden, das der Syrer bei seinem Großvater in München bewohnt hatte. Im Pass befindet sich für den 1. Dezember 2012 ein Ausreisevermerk der Ukraine. Der Großvater des Zeugen, der sich mit ihm offenbar zwischenzeitlich überworfen hatte, hatte selbst die Polizei informiert. Er hatte dort auch angegeben, dass er auf Bitten seines Enkels eben jene 2000 Euro überwiesen hat. Das mit dem Geld sei alles eine ganz andere Geschichte, erklärte der 35-jährige Flüchtling auf die drängenden Nachfragen von Richter Joachim Filmer. Was für eine Geschichte, das wollte er nicht sagen.

Richter Filmer hegt größte Zweifel

Filmer machte schon früh keinen Hehl daraus, dass er an den Aussagen des Zeugen zweifelt, allein aufgrund der Indizien. Immer wieder wies der Richter den Mann auf die strafrechtlichen Folgen einer Falschaussage hin. Die Antwort kam prompt und deutlich: „Wenn Sie mich weiter unter Druck setzen, will ich einen Anwalt.“ Inzwischen waren gut 20 Minuten Verhandlung verstrichen.

Filmer fragte den Angeklagten, ob er sich nicht doch vorstellen könne, sich zu äußern. Das wollte der 30-Jährige zwar nicht. Aber er wollte mit dem Zeugen reden: „Warum sagst Du denn nicht, was gewesen ist?“ Eine Antwort gab es nicht. Schließlich unternahm auch Staatsanwältin Annemarie Petri einen Versuch, den Syrer „wachzurütteln“. Sie machte ihm klar, dass er unter Umständen härter bestraft wird als der Angeklagte, wenn er falsch aussagt. Reaktion: „Ich komme mit einem Anwalt wieder.“ Die jetzt sehr ungehaltene Antwort Filmers war ebenso klar: „Den werden sie das nächste Mal auch brauchen.“ Filmer wird jetzt den Großvater als Zeugen vernehmen, außerdem die Akten der Staatsanwaltschaft Konstanz beiziehen. Dann wird zunächst gegen den Angeklagten weiterverhandelt. Die Staatsanwaltschaft prüft Ermittlungen gegen den Zeugen, wie Petri bei Verhandlungsende erklärte.

von Michael Rinde

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Ostkreis

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr