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Zeuge bekommt Physik-Nachhilfe im Gerichtssaal

Stadtallendorf Zeuge bekommt Physik-Nachhilfe im Gerichtssaal

Das Kirchhainer Amtsgericht stellte das Verfahren gegen einen Vermieter ein, der sich wegen Bedrohung und Körperverletzung verantworten musste.

Stadtallendorf. Richter Edgar Krug nahm sein Strafgesetzbuch in die rechte Hand und verpasste ihm mit der linken Hand eine saftige Watschen. Das Buch landete einen halber Meter weiter rechts geräuschvoll auf dem Richtertisch. Zweck der für eine Gerichtsverhandlung ungewöhnlichen Übung: Der Direktor des Kirchhainer Amtsgerichts wollte einem Zeugen und Nebenkläger in einem Strafverfahren die Widersprüchlichkeit seiner Aussagen plastisch vor Augen führen.

In dem Verfahren musste sich ein 46-jähriger Facharbeiter aus Stadtallendorf wegen Bedrohung und Körperverletzung zu Lasten seines 36-jährigen ehemaligen Mieters verantworten. Laut Anklageschrift, die sich auf die Aussagen des arbeitslosen Nebenklägers vor der Polizei stützte, soll der Angeklagte den Nebenkläger am 20. Februar an dessen neuer Wohnung aufgelauert und ultimativ zur Räumung seiner alten Wohnung im Haus des 46-Jährigen aufgefordert haben. Seiner Forderung soll er mit einem Schubser, zwei Fausthieben ins Gesicht, „mit ein bis zwei Fußtritten gegen den Kopf“ des zu Boden gestürzten Mannes und mit Todesdrohungen Nachdruck verliehen haben.

Während der Beweisaufnahme erwies sich diese Darstellung nicht mehr als haltbar. Vor Gericht widersprach der Nebenkläger seinen Aussagen vor der Polizei. Er sei nicht geschubst, sondern gleich geschlagen worden. Vom Tritt gegen den Kopf, der zu einer Platzwunde an der Lippe geführt habe, war keine Rede mehr. Stattdessen habe er einen Tritt in den Bauch erhalten. Ein vom Angreifer mit links ausgeführter Faustschlag habe ihn gegen ein links neben ihm stehendes Nachtschränkchen geschleudert. Dabei habe er sich eine Platzwunde am Kopf zugezogen, sagte das Opfer.

„Wenn sie mit links einen Schlag bekommen, fliegen sie nach rechts. Was sie hier vorgetragen haben ist physikalisch nicht erklärbar“, entgegnete Krug dem Nebenkläger und unterstrich seine Ausführung mit dem Buch-Experiment.

Der Richter fragte den 36-Jährigen, ob er für sein offensichtliches Aufbauschen des Vorfalls eine Erklärung habe? „Im Moment nicht“, lautete die Antwort.

Der Angeklagte hatte zuvor den Vorfall aus seiner Sicht geschildert. Sein Mieter habe noch heute bei ihm Mietschulden. Nach dem Umzug in die neue Wohnung habe er sich wochenlang nicht bei ihm gemeldet, die Wohnungsschlüssel nicht abgegeben und die Wohnung auch nicht geräumt. Deshalb habe er diese nicht wieder vermieten können, was er sich bei einer monatlichen Belastung von 2 000 Euro auf seinem Haus nicht leisten könne.
In dieser Zwangslage sei er zu dem Mieter gefahren in der Absicht, ihm ein Auto zum Abtransport seiner Möbel am gleichen Tag anzubieten. Dies habe der Mieter unwirsch abgelehnt. Während der folgenden Rangelei seien er und sein Mieter von je einem Faustschlag getroffen worden.

Das Gericht stellte das Verfahren gegen den 46-Jährigen ein. Allerdings muss dieser seinem früheren Mieter ein Schmerzensgeld in Höhe von 400 Euro bezahlen.

von Matthias Mayer

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