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Auf der Flucht - damals und heute

Hugenotten und Waldenser Auf der Flucht - damals und heute

Schüler der Mittelpunktschule Wohratal sind im vergangenen Schuljahr zu kleinen Geschichtsforschern geworden. Sie haben sich intensiv mit den Hugenotten- und Waldenserdörfern in Wohratal beschäftigt.

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Im Schwabendorfer Heimatmuseum Daniel-Martin-Haus ist die Geschichte der Glaubensflüchtlinge dokumentiert. Deren Wege aus Richtung Süden können auf dem Hugenotten- und Waldenserpfad, der durch den Landkreis führt, erwandert werden.

Quelle: Matthias Meyer

Wohratal. Wie kamen Hugenotten und Waldenser nach Wohratal? Und warum sind sie dorthin gezogen? Das haben sich die Schüler der bisherigen Klasse 6a der Mittelpunktschule Wohratal gefragt - und gemeinsam erforscht. Anlass war der Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten (siehe Kasten). „Wir haben einige Hugenotten- und Waldenserdörfer in der Umgebung, etwa Schwabendorf und Hertingshausen“, sagte Marvin Boucsein. In Schwabendorf gibt es auch ein kleines Museum. Dort haben die Schüler viele Infos bekommen. „Wir haben aber auch Familienmitglieder interviewt und Bücher gelesen“, ergänzte Eric Wehla. Marvin Boucsein hat seinen Opa gefragt, was der so über die Hugenotten und Waldenser weiß, die gesamte Klasse hat sich mit deren Symbolen beschäftigt und versucht, die Fluchtrouten nachzuzeichnen.

Schüler waren beeindruckt

Die Klasse lernte erst einmal, warum die Hugenotten und Waldenser vor mehr als 300 Jahren aus Frankreich geflohen sind. „Im Jahr 1685 verbot König Ludwig XIV. die Ausübung des protestantischen Glaubens in Frankreich. Darauf verließen etwa 200000 Franzosen ihre Heimat“, schreibt die Klasse in ihrer Wettbewerbsarbeit. Sie seien aus der Rhone-Gegend, der Oberen Dauphiné, dem Piemont, der Picardie und dem französischen Flandern gekommen. Dabei mussten sie ohne Vieh und vielen Habseligkeiten flüchten - denn der französische König habe sie nicht ziehen lassen wollen, sondern verfolgt und getötet.

Die Schüler haben sich deswegen auch mit der Frage beschäftigt, ob sie selbst an ihren reformatorischen Glauben festgehalten hätten - oder ihre Kinder katholisch getauft hätten, um sie zu schützen. Die Mehrheit der Schüler konnte sich dabei nicht vorstellen, den protestantischen Glauben zu behalten und fortan dafür in Gefahr und auf der Flucht zu sein. „Ich würde dem Sonnenkönig gehorchen und mich und meine Familie taufen lassen, damit er mich und meine Familie danach in Ruhe lässt. Weil die Familie das Wichtigste ist, was man hat“, schrieb etwa Max. Die Klasse zeigte sich jedoch auch beeindruckt, was die Menschen für ihren Glauben auf sich genommen haben - immerhin waren sie mehr als ein Jahr auf der Flucht.

Bei ihren Forschungen fanden die Schüler heraus, dass der Landgraf den Flüchtlingen geholfen habe: So schrieb er im Mai 1693 an den Marburger Kanzler, dass die Rauschenberger Flüchtlinge Hilfe bekommen sollten - in Form von Arbeit, Rindvieh und Korn aus den Vorräten. „Der Landesfürst meinte aber, dass man nicht so viel geben soll, sodass die einheimische Bevölkerung leide“, sagten die Schüler.

„Übrig sind heute nur noch die Nachnamen“

Der damalige Landgraf Carl von Hessen-Kassel habe mehr als 3800 Flüchtlinge aufgenommen. Sie hätten sich integriert und wirtschaftliche und kulturelle Spuren hinterlassen. Es zeige, „wie aus einer Verfolgungsgeschichte auch eine Erfolgsgeschichte werden kann und die Integration der hessischen Neubürger mit ihrer hochentwickelten Handwerkskunst und Leistungsbereitschaft gelang“, so das Fazit der Klasse.

In Schwabendorf haben sich damals 32 Familien angesiedelt - insgesamt 116 Flüchtige. Ein Stein voller Namen erinnert an die ersten Siedler. „Auch eine Kastanie wurde gepflanzt, die an die Esskastanien der alten Heimat in Frankreich erinnern soll. Es ist die gleiche Sorte und kommt auch daher“, erläuterten die Schüler.

Strumpfwirkerei ist entstanden

Auf den zugeteilten Flächen in der neuen Kolonie seien 32 Häuser entstanden - zunächst hätten die Hugenotten und Waldenser aber in Hütten aus Stroh geschlafen. „Es herrschte unvorstellbares Elend“, erklärte Boucsein. „Hilfe von außerhalb von den benachbarten Orten kam nur wenig und nicht freiwillig. Man mochte sie nicht sehr; die Fremden, die eine andere Sprache beherrschten und zudem noch staatliche Unterstützung und Privilegien erhalten hatten.“ Es sei eine Strumpfwirkerei entstanden, in der jeder Dritte Arbeit hatte. Nach und nach seien auch deutsche Familien in den Ort gezogen, die Menschen vermischten sich - und irgendwann wurden Gottesdienste und Unterricht nicht mehr auf französisch gehalten.

Den Abschluss der Arbeit bildete ein Vergleich zur heutigen Flüchtlingssituation. Es gebe viele Parallelen, so die Klasse. Doch damals hätten die Menschen um Rauschenberg andere Probleme gehabt, als sich mit der Not der Flüchtlinge zu beschäftigen - der 30-jährige Krieg war gerade beendet. „Verglichen mit den damaligen Zuständen geht es uns sehr gut. Trotzdem haben viele Menschen Vorbehalte gegenüber Flüchtlingen. Das hat damit zu tun, dass man immer etwas Angst vor Veränderungen hat“, sagten die Schüler. Die Ursachen für Flucht hätten sich auch kaum verändert: Krieg, Religion und Hungersnot. „Wir sind tief in die Geschichte eingetaucht. Nicht nur im Unterricht, sondern auch in unserer Freizeit“, erzählte Wehla. „Aber übrig sind heute nur noch die Nachnamen, die französisch klingen“, erklärte Boucsein, der seinen Nachnamen den fliehenden Vorfahren verdankt.

von Patricia Grähling

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