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"Wo ist die Solidarität mit uns?"

Türkei-Konflikt "Wo ist die Solidarität mit uns?"

Vorbeter Mahmut Sanal von der Gemeinde der Fatih-Moschee sieht sich in seiner Lehre nicht von der Türkei beschnitten. Stadtallendorfer Türken äußern ihrerseits Kritik am Verhalten der Bundesrepublik gegenüber ihrer Heimat.

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In der Stadtallendorfer Moschee, hier ein Foto beim Freitagsgebet, ist politische Betätigung vom Vorstand verboten.

Quelle: Michael Rinde

Stadtallendorf. Politische Plakate finden sich nirgendwo in den Moscheeräumen oder dem kleinen Gemeindezentrum der Fatih-Moschee. Sie sind auch vom Moscheevorstand verboten und das seit langem. Diskutiert wird trotzdem unter den türkischen Muslimen über den Putschversuch gegen Präsident Erdogan, die Folgen, das Verhältnis zwischen Deutschland und der Türkei. Vor und nach dem Freitagsgebet, das zentrale Gebet der Muslime in der Woche, sprach die OP mit verschiedenen Moscheebesuchern an diesem Tag. Es bot sich ein breites Spektrum.

Mehmet Ceylan und Kerim Otkan, Vorsitzender des Moscheevorstandes, erlebten den Putsch live. Ceylan befand sich am Abend jenes 15. Juli in Salikli, einer Stadt westlich von Izmir, Otkan war in Ankara. Für Ceylan ist klar, dass die Bewegung des Predigers Fethullah Gülen hinter dem versuchten Militärputsch steht - und die USA im Hintergrund. Denn Ceylan zweifelt an den intellektuellen Fähigkeiten Gülens, wie er im Gespräch mit der OP erklärt. Er vertritt in der Runde der Türken an diesem Nachmittag die deutlichsten Positionen. Für ihn hat sich der Westen schon sehr weit vor dem Putsch gegen die türkische Regierung gestellt, etwa, indem die EU vor der Erteilung der Visafreiheit Änderungen bei den Anti-Terrorgesetzen der Türkei fordert. Ceylan, aber auch der Moscheevorstand, betonen an diesem Nachmittag, dass dies seine Privatmeinung sei. Ceylan lebt seit Jahrzehnten in Stadtallendorf. In der Gülen-Bewegung sieht er gar eine „Gefahr für Deutschland“, warnt vor deren Agenten, die agitieren könnten.

Stadtallendorfer beklagt mangelnde Solidarität

Otkan erlebte die tieffliegenden Kampfjets der Putschisten, die Massendemonstrationen in Ankara vor Ort. „Wäret ihr dabei gewesen, so könntet ihr uns jetzt besser verstehen“, so sein Kommentar. Der Stadtallendorfer beklagt mangelnde Solidarität Deutschlands wie auch Europas mit der Türkei nach dem Putsch, bei dem mehr als 200 Menschen ihr Leben verloren hatten. „Die Türkei zeigt sich immer solidarisch mit Opfern von Terrorismus. Doch wo ist die Solidarität mit uns“, formuliert es Otkan als Frage.

Welche Rolle spielt die Gülen-Bewegung für ihn oder auch für Serdar Özsoy? Letzterer ist in Deutschland geboren und aufgewachsen, sieht aber seine familiären Wurzeln in der Türkei. Er ist in seinem Urteil über die Gülen-Bewegung sehr zurückhaltend. „Einfach auch, weil mir dazu das Wissen fehlt, um mir ein Urteil bilden zu können“, betont er. Allerdings: Einige wenige Vertreter der Bewegung lebten auch in Stadtallendorf. Innerhalb der Moscheegemeinde spielten sie aber keinerlei Rolle. Das bestätigt auch Otkan, der sich bei dieser Gelegenheit sehr deutlich gegen politische Agitation oder politisches Werben gleichgültig von wem in der Moschee wendet. „Wenn wir das zulassen, dann spalten wir die Gemeinde und verlieren mit Sicherheit auch Menschen, die aus Glaubensgründen hierherkommen“, sagt Otkan.

Während des eigentlichen Freitagsgebetes hält Mahmut Sanal, der Vorbeter oder Imam der Gemeinde, die Predigt in türkischer Sprache. Gleich im Anschluss wird sie auch auf Deutsch verlesen. Es ist die wöchentliche Predigt, die der Dachverband Ditib herausgibt. Imam Sanal kann, aber muss sie nicht übernehmen. Er könne sie auch variieren, wie er im Gespräch mit der OP erläutert.

„Ich habe keine politischen Vorgaben“

Zur Diskussion, dass Ditib der „verlängerte Arm“ der türkischen Regierung in Deutschland sei, hat er eine klare Position: „Ich habe meine Freiheiten, ich habe keine politischen Vorgaben und aus meiner Sicht ist Ditib nicht staatlich aus der Türkei gelenkt“.

Doch wie steht es um Einflussnahme des Dachverbandes auf den muslimischen Religionsunterricht? Serdar Özsoy ist als muslimischer Religionslehrer an die Bärenbachschule abgeordnet. Er unterrichtet ansonsten an der Georg-Büchner-Schule. Auch er weist Einflussversuche über Ditib auf den Unterricht weit von sich, verweist darauf, dass er das als deutscher Beamter auch nicht zulassen dürfe. „Und was“, so fragt Özsoy, „soll ich sechs bis sieben Jahre alten Kindern dabei über Erdogan vermitteln?“ Es gebe wie in anderen Fächern in Hessen ein abgestimmtes „Kerncurriculum“, einen festen Lehrplan.

Demokratie sieht keiner in Gefahr

Seit Tagen wird über eine Einflussnahme der türkischen Regierung über die Religionsbehörde auf Ditib politisch in Deutschland diskutiert - auch darüber, ob Kooperationen beim Schulunterricht mit Ditib weiter möglich sind.

Die Demokratie in der Türkei sieht keiner der Gesprächspartner der OP vom vergangenen Freitag in Gefahr - oder noch nicht in Gefahr. Özsoy stehe einem Präsidialsystem, das die Macht Erdogans und seiner Nachfolger zementierte, sehr kritisch gegenüber. „Die Geschichte lehrt, wohin solche Systeme führen“, erklärt der 28-Jährige. Am Ende des langen Gesprächs in der Moschee erneuert Otkan eine Einladung: „Redet mit uns, unsere Moschee steht offen.“

In der Stadt Stadtallendorf leben aktuell rund 3500 Bürger mit türkischer Staatsangehörigkeit, wie die Stadtverwaltung unter Berufung auf aktuelle Zahlen von Ende Juni mitteilte.

von Michael Rinde

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