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Wo 140 Jahre als "relativ jung" gelten

Letzte Ruhe Wo 140 Jahre als "relativ jung" gelten

Die Stadt Amöneburg möchte der veränderten Bestattungskultur Rechnung tragen und einen Ruheforst einrichten. Eine zehn Hektar große Fläche im Brücker Wald scheint dafür geeignet zu sein.

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Die Stadt denkt darüber nach, an dieser Stelle im Brücker Wald einen Ruheforst einzurichten.Foto: Florian Lerchbacher

Amöneburg. Amöneburg. Ein paar junge Buchen fällen, etwas Totholz entfernen und den Eichen somit Platz verschaffen: Mit wenig Aufwand lässt sich auf einer etwa zehn Hektar großen Fläche im Brücker Wald ein gewisser „Hallencharakter“ erzeugen, der für Ruheforste beliebt ist. „Menschen haben zumeist den Wunsch, den Baum, unter dem ein Angehöriger liegt, bereits aus etwas Entfernung zu erkennen“, sagt Andreas Sommer. Der stellvertretende Leiter des Forstamtes Kirchhain hat bereits konkrete Vorstellungen, wie der geplante Amöneburger Friedwald aussehen könnte - dabei haben die Stadtverordneten erst während ihrer Sitzung im Dezember beschlossen, dass sie das Projekt auf den Weg bringen wollen. Bürgermeister Michael Plettenberg hatte es mit dem Hinweis, dass sich die Bestattungskultur verändert habe, auf den Weg gebracht. Die Stadtverordneten fanden die Initiative gut, versahen sie aber mit Hinweis auf die Prägung der Region noch mit dem Passus, dass auch die Möglichkeit einer christlichen Bestattung eingeräumt werden müsse.

Um die angedachte Stelle im Brücker Wald zu erreichen geht‘s an der Ziegelhütte rein. Vom Waldrand sind es noch einmal ein paar hundert Meter, dann führt ein kleiner Erdweg vom Hauptweg ab. Dort ließe sich eine kleine Parkfläche für die nächsten Angehörigen einrichten, andere Besucher der Bestattung müssten am Rand des Hauptweges parken, erklärt Sommer. Dafür sei es nur notwendig, die Stellen mit etwas Schotter zu befestigen.

Oft sei auch ein gesonderter Platz für Andachten gewünscht, der sich ebenfalls problemlos einrichten lasse, berichtete der stellvertretende Forstamtsleiter und betonte, dass es für eine Erweiterung des Friedwaldes auch noch „Flächenreserven“ gebe: „Das ist ein Pfund, mit dem die Stadt wuchern könnte.“

In dem Gebiet stehen nach Schätzung Sommers etwa 600 Eichen, die als Platz für Urnenbestattungen geeignet wären (die endgültige Zahl steht aber erst nach einer gründlichen „Durchforstung“ fest). Sinnvoll sei, Bäume zu nutzen, die mindestens rund 20 Meter vom Weg entfernt stehen.

Ruhezeit von 99 Jahren?

Die Bäume sind um die 140 Jahre alt und somit relativ jung. Damit dürften sie der Bezeichnung als „letzte Ruhestätte“ problemlos gerecht werden, kommentierte Sommer und erklärte auf Rückfrage des Rathauschefs, dass die endgültige Länge der Ruhezeit im Amöneburger Friedwald im Ermessen der Stadt liege. „Wir wissen ja noch nicht, wie es sich entwickelt“, sagte Plettenberg und kündigte an, sich über die Ruhezeit noch Gedanken machen zu wollen. Üblich seien bis zu 99 Jahre.

Ohnehin steht noch lange nichts fest: Bevor die Stadt einen notwendigen Bebauungsplan auf den Weg bringt, muss sie erst noch die Frage der Wege­nutzung klären. Schließlich ist auf dem Weg zum möglichen Friedwald Privatwald zu durchqueren. Zudem müsste sie das Gebiet für „gesonderte Nutzung“ kennzeichnen und unter Umständen abgrenzen. Für die Zukunft gilt es dann auch, sich um eine besondere Verkehrssicherung zu kümmern. Will heißen: Die Stadt wäre in der Pflicht, die Bäume und ihre Kronen im Blick zu behalten, damit Besucher nicht gefährdet werden. HessenForst könnte die Überwachung übernehmen, so Sommer. Um ein eventuelles Entfernen von Gefahrenstellen müsste sich indes ein gesondert zu beauftragendes Unternehmen kümmern. Noch dazu gilt es, eine Regelung zu finden, was passiert, wenn ein Baum, der als letzte Ruhestätte fungiert, trotz aller Überprüfungen und Vorkehrungen umkippt. Dies sei im Regelwerk festzulegen, resümierte Sommer und regte an, dann einfach mit Ersatzbäumen zu arbeiten.

von Florian Lerchbacher

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