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Witwe bleibt nur noch die Sozialhilfe

Brandunglück Witwe bleibt nur noch die Sozialhilfe

Nach dem Verlust des geliebten Mannes und Vaters durch den Brand in einem Stadtallendorfer Wohnhaus im März droht der Familie der wirtschaftliche Ruin.

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Polizisten stehen am 17. März vor der verrußten Fassade des Brandhauses in der Straße In der Spaltanlage.

Quelle: Archivfoto

Stadtallendorf. Starker Rauch quoll am frühen Morgen des 17. März aus dem Wohnhaus in der Straße In der Spaltanlage. Ein 58-jähriger Mann versuchte, aus seiner Wohnung im Obergeschoss ins Freie zu gelangen. Das gelang ihm nicht mehr. Die Feuerwehr rettete den Bewusstlosen. Notarzt und Rettungskräfte behandelten ihn fast 40 Minuten lang, bevor er wiederbelebt werden konnte. Er war nicht zu retten. Der Mann starb Stunden später an den Folgen der schweren Rauchgasvergiftungen. Seit zehn Jahren lebte und arbeitete der gebürtige Pole, der auch die deutsche Staatsangehörigkeit besaß, in Stadtallendorf. Als der Brand ausbrach, war er alleine in der Wohnung, seine Frau war verreist.

Unter den Folgen der Ereignisse leidet die 56 Jahre alte Frau des Brandopfers ebenso wie die Tochter und der Sohn, alle drei trauern. Der Sohn des Ehepaares hatte seine Mutter seinerzeit nach dem Brand nach Stadtallendorf zurückbegleitet. Er studiert, wurde in der Vergangenheit auch von den Eltern unterstützt.

Witwe wird medizinisch und therapeutisch behandelt

Der Stadtallendorfer Rechtsanwalt Winand Koch vertritt die Frau des Brandopfers bei der juristischen Aufarbeitung dieser persönlichen Katastrophe und ihren Folgen. Koch äußert sich gegenüber der OP über die Situation der Witwe, sie selbst kann das im Augenblick nicht. Zurzeit wohnt die 56-Jährige vorübergehend bei Verwandten in Polen, weil sie nicht alleine sein kann.

Die Witwe des Brandopfers muss medizinisch und therapeutisch behandelt werden, so sehr hat sie dieser schwere Schicksalsschlag samt der Folgen gesundheitlich aus der Bahn geworfen, wie Winand Koch berichtet. Die Diagnose der Ärzte liegt nahe: Depression. Arbeiten kann sie auf unabsehbare Zeit nicht. Das rührt sicherlich auch aus der Sorge um die eigene Zukunft. Im Augenblick bleibt der Frau nur eine Witwenrente von wenigen Hundert Euro im Monat; Überführungs- und Beerdigungskosten sind deshalb teilweise noch nicht bezahlt.

Zumindest die Rentenversicherung hat schnell reagiert. Der Frau, so sieht ihre momentane Situation nach Darstellung ihres Anwaltes aus, bleibt nur, an ihrem Wohnsitz Stadtallendorf Sozialhilfe zu beantragen. Koch muss versuchen, Unterhaltsansprüche und Altersversorgung, den Ausgleich von Sachschäden und die Übernahme der Beerdigungskosten wie auch Schmerzensgeldansprüche durchzusetzen. Das gilt zunächst gegenüber mutmaßlichen Verursachern des Brandes.

Ermittlungen wegen fahrlässiger Tötung

Für Anwalt Winand Koch ist nach Studium der Akten klar, dass das Feuer durch brennende Kerzen in der Wohnung eines Paares ausbrach. Darum ist für ihn auch die Haftungsfrage beantwortet. Ute Sehlbach-Schellenberg, Sprecherin der Marburger Staatsanwaltschaft, erwartet derzeit „ein zügiges Ende des Verfahren“. Die Staatsanwalt geht davon aus, dass das Feuer seinerzeit durch „brennbares Material“ entstand, wie die Sprecherin erläutert.

Ein von der Staatsanwaltschaft in Auftrag gegebenes Brandgutachten liegt seit einigen Wochen vor. Staatsanwaltschaft und Polizei ermitteln unter anderem wegen des Verdachts der fahrlässigen Tötung gegen jenes Paar. In ihrer Wohnung im Erdgeschoss des Hauses brach der Brand aus. Schon wenige Tage nach dem Feuer stand fest, dass entgegen gesetzlicher Bauvorschriften keine Rauchmelder im Gebäude vorhanden waren. Wie das strafrechtlich zu bewerten sein wird, prüft die Staatsanwaltschaft. Zum derzeitigen Stand der Prüfungen kann Oberstaatsanwältin Ute Sehlbach-Schellenberg zurzeit keine Angaben machen. Sie ist Sprecherin der Staatsanwaltschaft Marburg.

Hätte ein Rauchmelder Schlimmeres verhindert?

Koch sieht neben den mutmaßlichen Verursachern des Brandes auch den Hauseigentümer und die von ihm beauftragte Hausverwaltung zumindest zivilrechtlich in der Verantwortung. Grund sind nicht nur die fehlenden Rauchmelder. Der Anwalt wirft auch die Frage auf, ob Brandschutztüren vorhanden und Fluchtwege ausreichend gekennzeichnet waren. Entscheidend wird dabei sein, zu klären, ob der Mann bei vorhandenem Rauchmelder noch eine Chance zur rechtzeitigen Flucht aus dem Haus gehabt hätte. Das werden möglicherweise erst Gutachten beantworten können.

Welche Bedeutung hat die strafrechtliche Klärung für die drohenden zivilrechtlichen Auseinandersetzungen? „Beides ist unabhängig voneinander zu sehen, aber natürlich wäre es hilfreich, wenn die Tatbestände und die Schuldfragen schon einmal juristisch geklärt sind“, sagt Koch.

2000 Euro durch Spendenaktion

Mit einer Versicherung steht der Rechtsanwalt in Kontakt. Sie hat aber schon signalisiert, dass sie nicht freiwillig zahlen will, weder Unterhalt noch Schmerzensgeld. Überrascht ist Koch davon nicht. Etwas zynisch formuliert der erfahrene Anwalt: „Es ist selten, dass Versicherungen in solchen Fällen außergerichtlich zahlen, da bleiben nur Klagen“. Und solche Verfahren ziehen sich über Jahre, möglicherweise durch mehrere Instanzen.

Nach dem Brand gab es eine privat organisierte und von der Stadtverwaltung begleitete Hilfsaktion. Seinerzeit erhielt die Familie des Toten 2000 Euro aus dem zusammengekommenen Spendentopf - angesichts der Situation der Familie war das eine willkommene und wertvolle erste Hilfe. Doch dieses Geld war angesichts der vielen Verpflichtungen, die sich ergaben, schnell verbraucht. Schnelle Hilfe ist nach Stand der Dinge nicht in Sicht.

von Michael Rinde

Unterhalt und Schmerzensgeld
Schmerzensgeldansprüche für Angehörige von Opfern sind in Deutschland auch bei einer gerichtlich geklärten Schuldfrage generell schwer durchzusetzen. Im Falle der Witwe des Brandopfers müsste berechnet werden, welcher Teil des gemeinsamen Eheeinkommens der Frau zur Verfügung steht. Die Differenz zwischen Einkommen und Witwenrente müsste auf absehbare Zeit geleistet werden. Außerdem wäre zu berechnen, wie viel höher die Rente des Ehemanns ausgefallen wäre, hätte er noch weitere sieben Jahre in die Rentenversicherung einbezahlt. Bei alledem spielt das bisherige Einkommen des Opfers die zentrale Rolle. Bei Schmerzensgeldforderungen muss der Nachweis geführt werden, dass Erkrankungen und Folgeschäden auf das Unglück zurückgehen.
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