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„Wir zeigen, was möglich ist“

Bundeswehr „Wir zeigen, was möglich ist“

Der scheidende Inspekteur des Heeres, Generalleutnant Bruno Kasdorf, sieht die deutsch-niederländische Zusammenarbeit in Stadtallendorf als Baustein auf dem Weg zur europäischen Armee.

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Generalleutnant Bruno Kasdorf bei seinem Besuch im Stadtallendorfer Rathaus. Der Inspekteur des Heeres wirbt für die Vision der europäischen Armee.

Quelle: Michael Rinde

Stadtallendorf. Am Rande seines Besuches im Stadtallendorfer Rathaus äußerte sich Generalleutnant Bruno Kasdorf, der Inspekteur des Heeres, einer der höchsten Offiziere der Bundeswehr, im OP-Gespräch zur Situation der Truppe, zu Ausrüstungsmängeln und der Perspektive für den Standort Stadtallendorf.

OP: Mit welchem Gefühl verlassen Sie die Truppe?
Bruno Kasdorf: Mit einem Gefühl der Dankbarkeit.

OP: Und in welchem Zustand sehen Sie die Truppe wenige Wochen vor Ihrem Abschied?
Kasdorf: In einem sehr guten, wir haben in den vergangenen Jahren viel erreicht. Wir sind bei der Neuausrichtung des Heeres weit vorangekommen. Mit der jetzigen Struktur sind wir auch für alle Eventualitäten richtig aufgestellt. Das gilt nicht nur für Auslandseinsätze, sondern auch für die Bündnis- und Landesverteidigung. Jetzt gilt es, alles zu Ende zu bringen, um Ruhe in die Truppe, für die Soldaten und ihre Familien zu bekommen.

OP:  Sie zeichnen da ein sehr rosiges Bild. Doch wie sehr kratzen die jüngsten Negativ-Schlagzeilen rund um das Material der Bundeswehr am Image, insbesondere bei der Nachwuchswerbung nach Aussetzen der Wehrpflicht?
Kasdorf: Unser Image bei den jungen Menschen ist überhaupt nicht angekratzt. Unser Offizierkorps ist komplett, auf eine Stelle gibt es durchschnittlich sechs Bewerbungen. Ähnlich gut ist die Situation bei den Feldwebeln. Wir haben einige Schwierigkeiten beim Fachpersonal für die Informationstechnologie. Das ist aber normal, dies sind hochbezahlte Spezialisten, um die wir werben. Und bei den Mannschaften haben wir deutlich mehr Bewerber, als wir einstellen können.  Spätestens 2017 werden wir bei den Mannschaften die Struktur haben, die wir angestrebt haben. Das sieht gut aus.

OP:  Und wo sieht es nun nicht so gut aus? Bei der Ausrüstung gibt es ganz offensichtliche Defizite, als Beispiele seien der Transporthubschrauber NH 90 wie auch die Probleme mit dem Standardgewehr G 36 genannt.
Kasdorf: Man muss zunächst etwas trennen: das eine ist die Truppe, das Heer. Auf der anderen Seite haben wir Probleme mit der Beschaffung, für die andere zuständig sind. Natürlich ist das alles eine Bundeswehr, natürlich gab es in der Vergangenheit Probleme. An denen wird jetzt gearbeitet. Je länger etwas existiert, wie etwa die Bundeswehr, um so komplizierter werden Strukturen, etwa bei der Bürokratie. Da muss man jetzt genauer hinschauen und Änderungen vornehmen. Es liegt aber nicht alles, was an Problemen beim Material vorhanden ist, bei der Bundeswehr. Das liegt auch an Rüstungsbetrieben, die nicht pünktlich geliefert haben. Der Hubschrauber NH 90 ist ein gutes Beispiel. Wir hätten diese  Hubschrauber in Afghanistan dringend gebraucht, bekamen sie aber nicht wie erwartet.

OP: Wie steht es um die Probleme mit dem G 36, das ja schon lange bei der Truppe im Einsatz ist?
Kasdorf: Das G 36 oder auch die Schwierigkeiten mit einem Stahlhelm, bei dem eine Schraube nicht in Ordnung war, sind sicherlich meine geringsten Probleme. In der Truppe sagen die Soldaten, dass das G 36 ein gutes Gewehr ist. Man kann kaum danebenschießen. Wenn es warmgeschossen ist, gibt es Probleme mit dem Treffverhalten. Darauf haben wir uns aber schon lange eingestellt. In Einsätzen ergänzen sich verschiedene Waffen, um diese Schwäche auszugleichen. Bei dem Helm war es nur eine Serie, die wir ganz schnell aus dem Verkehr gezogen haben. Leider konzentrieren sich die Medien auf die negativen Dinge, weil sie Schlagzeilen liefern. Dabei gäbe es sehr viel Positives über die Bundeswehr zu berichten.

OP: Dann nennen Sie doch ein positives Beispiel.
Kasdorf: Nehmen Sie die Multinationalität, die grade auch beim Stab der Division in Stadtallendorf gelebt wird. Der Division Schnelle Kräfte ist im vergangenen Jahr die 11. Luchtmobiele Brigade der Niederlande unterstellt worden, und die Zusammenarbeit funktioniert sehr gut. Das ist ein Modell der Zukunft. Wir als einzelne Nation in Europa werden uns auf dem Feld der Sicherheit – und nicht nur dort –   nicht alleine behaupten können. Langfristig wird das nur über ein vereintes Europa und eine europäische Armee möglich werden. Die deutsch-niederländische Kooperation ist ein Baustein auf dem Weg dorthin. Wir zeigen damit auch anderen Nationen, was möglich ist und das es funktioniert.

OP: Gilt Letzteres vor allem vor dem Hintergrund des sich wieder verschärfenden Ost-West-Konfliktes?
Kasdorf: Es gilt dort ganz besonders. Wir haben den Wert von Zusammenarbeit in Zeiten des Kalten Krieges schon unter Beweis gestellt, als sich die Soldaten der Nato in unserem Land zusammenfanden. Wir werden jetzt in Europa noch einen wesentlich stärkeren Weg der Integration von Truppenverbänden einschlagen, als das seinerzeit schon der Fall war.

OP: Also braucht sich die Stadt Stadtallendorf vor diesem Hintergrund keine Sorgen um die Zukunft des Standorts mehr  machen?
Kasdorf: Garantien gibt natürlich niemand, auch ich nicht. Aber Stadtallendorf hat wirklich jeden Grund, zuversichtlich zu sein. Zumal ich mir nicht vorstellen kann, dass sich die Zahl von drei verbleibenden Divisionen im Heer noch einmal verringern wird.

von Michael Rinde

Hintergrund
In der Bundeswehr-Hierarchie ist der Inspekteur des Heeres unmittelbar dem Generalinspekteur unterstellt. Mit rund 60 000 Soldaten stellt das Heer den höchsten Anteil an den aktuell etwa 180 000 Soldaten der Bundeswehr. Generalleutnant Bruno Kasdorf wird in den nächsten Wochen in den Ruhestand gehen. Seit September 2012 ist er Inspekteur des Heeres. Kasdorf war unter anderem zweimal als Chef des Stabes des ISAF-Verbandes im Afghanistan-Einsatz.
Die Division Schnelle Kräfte ist der erste Verband der Bundeswehr, dem eine niederländische Einheit, die 11. Luchtmobiele Brigade, direkt unterstellt wurde. Derzeit läuft die Integration der 2 100 Soldaten in die Division.
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