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"Wir wussten nicht, wo man landen wird"

Altlastensanierung "Wir wussten nicht, wo man landen wird"

Im Juli 1993 kam Christian Weingran als Projektleiter für die Rüstungsaltlastensanierung nach Stadtallendorf. Er hat alle Phasen des Mammutprojekts miterlebt. Jetzt ist er in den Ruhestand gegangen.

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Das Archivfoto zeigt die Tri-Haldenbaustelle vor Beginn der Sanierung 2003.

Quelle: Archivfoto

Stadtallendorf. Einmal in der Woche ist Christian Weingran noch im Büro, die Projektleitung hat er allerdings vor einigen Wochen abgegeben. Er hat seinen Ruhestand bei der Him GmbH angetreten. Zeit, nach 22 Jahren Altlastensanierung in Stadtallendorf, vor allem im DAG-Gebiet, eine persönliche Projektbilanz zu ziehen.

Er selbst will sich dabei aber nicht im Vordergrund sehen. „Denn es hat alles nur funktioniert, weil es ein Team gab, ein Team aus ganz verschiedenen Institutionen“, betont er im Gespräch mit dieser Zeitung.

Christian Weingran nutzt die Gelegenheit, um zu sensibilisieren. Viele Bewohner des DAG-Gebietes nutzten seinerzeit die Gelegenheit und schlossen eine Sanierungsvereinbarung mit dem Land Hessen ab. Diese Vereinbarung sichert Grundstückseigentümern eine Sanierung ihrer Grundstücke zu und regelt beispielsweise auch, dass die Kosten für die Entsorgung belasteter Böden vom Land übernommen werden.

Vereinbarung ist kostenlose Versicherung

„Diese Vereinbarung ist eine kostenlose Versicherung“, macht Weingran klar. Das Land schließt keine neuen Vereinbarungen mehr ab. Aber alle vorhandenen sind uneingeschränkt gültig. Doch Grundstückseigentümer wechseln, mitunter kommt die Vereinbarung dabei „unter die Räder“. Und Bewohnern wie auch Behörden müsse klar sein, dass im DAG-Gebiet mit dem Boden besonders umgegangen werden müsse, mahnt Weingran. Ansonsten wären zwangsläufig neue Probleme in der Zukunft die Folge.

Der Marburger kam nach Stadtallendorf, als noch nicht klar war, in welchem Umfang überhaupt saniert werden sollte. Klar war eigentlich nur, dass eine Sanierung unumgänglich war. „Doch man wusste am Anfang nicht, wo man landen wird“, schränkt der Bauingenieur und Altlastenexperte ein.

Technisch gesehen war die reine Bodensanierung, auch wenn sie zu Teilen Neuland darstellte, nicht die zentrale Herausforderung. Wichtig war es aus seiner Sicht, die Menschen, die betroffen waren, einzubeziehen, also mit ihnen ihre bewohnten Grundstücke zu sanieren. „Stadtallendorf hat gezeigt, dass man in einem Stadtteil wohnen, arbeiten und gleichzeitig eine große Rüstungsaltlast sanieren kann“, so seine Bilanz.

Bodenmanagement bleibt unumgänglich

Möglich war das dank Bürgerbeteiligung, aber auch dank der Sanierungsvereinbarung und dem hohen Engagement der Stadt. Sie habe erkannt, dass sie sich mit der Sanierung aktiv beschäftigen müsse. Namentlich erwähnt Weingran im Gespräch dabei den Namen von Alt-Bürgermeister Manfred Vollmer. Aber auch den des mittlerweile verstorbenen Karl Lieb, der sich im Projektbeirat als Betroffener engagierte.

Ein „Meilenstein“ im Zuge der gesamten Sanierung war zweifellos neben den Planungsabschnitten im DAG-Gebiet die Beseitigung der mengenmäßig größten Altlast, die Tri-Halde, der „Giftberg“ unmittelbar neben dem Wasserwerk Stadtallendorf.

„Es gab natürlich manche Situation, wo man die Luft anhielt und sich fragte, ob alles so läuft, wie man es geplant hatte“, sagt Weingran rückblickend. Als Beispiel nennt er den Probeschurf, als die Schutzfolie der Tri-Halde für Untersuchungen geöffnet werden musste. Oder die Sanierung eines früheren Waschhauses des Sprengstoffwerkes der DAG.

Grundwasser muss weiter überwacht werden

Weingrans letztes großes Projekt war die Sanierung der Kleinaue. Wie geht es jetzt weiter am Rüstungs-Altstandort Stadtallendorf, was ist noch notwendig? Bis auf wenige einzelne, kleinere Projekte ist die Bodensanierung beendet. Aber die Nachsorge muss aus Weingrans Sicht weitergehen. So ist es unumgänglich, dass das Grundwasser weiter überwacht und hydraulisch gesichert wird.

Bei dieser Gelegenheit weist Weingran darauf hin, wie wichtig die Altlastensanierung für die Sicherung der Wasserversorgung Mittelhessens war. 10 Millionen Kubikmeter Trinkwasser frei von Giftstoffen seien jährlich auch während der Arbeiten gefördert worden. „Und wir brauchen ein vernünftiges Bodenmanagement“, unterstreicht er bei der Gelegenheit ein weiteres Mal.

von Michael Rinde

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