Volltextsuche über das Angebot:

15 ° / 13 ° Regen

Navigation:
"Wir mussten einfach raus"

Gedenktag "Wir mussten einfach raus"

Die Stadt hatte erstmals eine Gedenkveranstaltung für die Opfer von Flucht und Vertreibung initiert. Zeitzeugen und Flüchtlinge aus Bürgerkriegsländern schlugen die Brücke zwischen Gegenwart und Vergangenheit.

Voriger Artikel
Rauschenberg zeigt nachhaltige Seite
Nächster Artikel
"Panja" bringt ihrem Besitzer Ruhm

Ein syrisches Flüchtlingskind sintzt im Zentrum von Istanbul. In der türkischen Hauptstadt leben Hunderte syrische Flüchtlinge auf der Straße.

Quelle: Thomas Strothjohann

Stadtallendorf. Wie kaum eine andere Stadt oder Gemeinde Hessens ist Stadtallendorf nach dem Zweiten Weltkrieg von Flucht und Vertreibung geprägt worden. Bis 1949 kamen 1644 Heimatvertriebene aus allen Teilen der verlorenen deutschen Ostgebiete in das alte Allendorf, weitere 800 lebten in der damals selbstständigen Gemeinde Niederklein.

Bereits im Vorfeld der Veranstaltung war das Stadtgebiet, vor allem im Bereich zwischen den Aufbaugebäude und der Stadthalle, mit vielen „Leitpfosten“ dekoriert worden, die auch äußerlich symbolisch an die Vertreibungen der Vergangenheit und der Gegenwart erinnern sollen. Heimat- und Geschichtsverein, die Egerländer Gmoi als Vertreter von Heimatvertriebenen, rund 40 Schülerinnen und Schüler der 8. und 9. Klassen der Georg-Büchner-Schule sowie das Dokumentations- und Informationszentrum hatten sich bei der Planung eingebracht. Bürgermeister Christian Somogyi erinnerte an alle Menschen, die durch kriegerische Auseinandersetzungen der Neuzeit gezwungen worden sind, ihre Heimat zu verlassen. „Allein in Deutschland waren zum Kriegsende und danach rund 14 Millionen Menschen davon betroffen. Trotzdem hat die Menschheit nichts dazu gelernt, denn allein in 2013 waren weltweit wiederum rund 50 Millionen Menschen auf der Flucht“, stellte Somogyi fest.

In einer beeindruckenden Präsentation berichtete Helmar „Willi“ Weitzel von seiner Hilfsaktion, die ihn zusammen mit seinem Bruder Manuel und dem OP-Redakteur Thomas Strothjohann in einem LKW, der bis unter die Decke mit Hilfsgütern für Flüchtlingskinder beladen war, bis nach Syrien geführt hatte. In 17 Tagen hatten die Drei rund 8000 Kilometer quer durch halb Europa bis nach Kleinasien zurückgelegt.

Andrea begrüßt jedes der Kinder mit Küsschen. Wie sie sich kleidet, wie sie mit Männern umgeht ist für konservativere Syrer - wie die Eltern der meisten Kinder aus dem Projekt - ungewöhnlich. Aber sie akzeptieren die Psychologin, die ihren Kindern das Leben leichter macht. Die Wort hält und auch den Familien hilft.

Zur Bildergalerie

Wichtige Hilfe und Aktion gegen das Vergessen

Mit der Ungarndeutschen Wilma Pieler (von links) und Helmut Rohm azs dem Sudentenland sprach Moderator Herbert Köller über ihre Vertreibung. Foto: Alfons Wieber

Quelle:

Viele Verwandte, Bekannte, Freunde und Menschen, die einfach nur helfen wollten, hatten bereits im Vorfeld das Projekt in überwältigender Weise unterstützt. „Wichtig war vor allem den Menschen das Gefühl zu geben nicht vergessen zu sein“, betonte Weitzel. Gemeinsam mit Zeitzeugen beleuchtete Moderator Herbert Köller in einer Gesprächsrunde die persönlichen Erlebnisse rund um Flucht und Vertreibung. Wilma Pieler ist Ungarndeutsche. Sie stammt vom Neusiedler See und hatte 1945 ihre Heimat Hals über Kopf verlassen müssen. Erst 1980 hatte sie es gewagt noch einmal zurückzukehren. „Es war nicht einfach, aber man wollte doch die Heimat noch einmal wiedersehen“, erzählte sie. Helmut Rohm wurde 1938 in Neusattl bei Karlsbad im Sudetenland geboren. Nach dem Zweiten Weltkrieg musste er als 8-Jähriger zusammen mit seiner Mutter seine Heimat verlassen. „Wir sind nicht geflüchtet. „Wir mussten einfach raus“, erzählte Rohm. Mittlerweile ist er bereits mehrfach wieder in der alten Heimat gewesen. „Es ist ganz wichtig, dass man Versöhnung sucht und miteinander spricht“, sagte Rohm.

Ganz andere Erfahrungen mit Flucht und Vertreibung hatten die beiden jugendlichen Teilnehmer an der Gesprächsrunde gemacht. Krestoufer Toumas stammt aus Syrien und musste zusammen mit seinen Eltern seine Heimat verlassen, um nicht in den Mühlsteinen der dortigen Kriegswirren zermahlen zu werden. Er berichtete von einer guten Aufnahme in Deutschland und fühlt sich nach eineinhalb Jahren wohl in seiner neuen Heimat. Hossein Atais Eltern mussten vor bereits 30 Jahren aus Afghanistan in den Iran fliehen. Er selbst wurde dort geboren, musste aber auch den Iran verlassen. Bei einer ökumenischen Andacht erinnerten Pfarrer Thomas Peters und Diakon Thomas Hielscher ebenfalls an die Vertreibungen. Musikalisch wurde die Gedenkveranstaltung von Andreas Diehlman am Klavier und der Musikkapelle aus Niederklein mitgestaltet.

„Wir haben ein Experiment gewagt und es erfolgreich bestanden“, freute sich Herbert Köller am Ende der Veranstaltung. Sie soll im nächsten Jahr in etwas anderer Form wiederholt werden, kündigte Bürgermeister Somogyi an.

von Alfons Wieber

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr