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„Wir müssen globaler denken lernen“

Das wäre mal eine „Wir müssen globaler denken lernen“

Eigentlich ist Franziska Weigand selbstständige Grafikerin. Die meiste Zeit verbringt sie aber mittlerweile damit, ­Menschen im Bereich der nachhaltigen Entwicklung zu bilden und Netzwerke zu knüpfen.

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Für Franziska Weigand ist Nachhaltigkeit wichtig. In diesem Bereich bildet sie andere Menschen – und sie lebt Nachhaltigkeit und Naturschutz. Daher hält sie auch eigene Hühner.

Quelle: Patricia Grähling

Schwabendorf. Die Beziehung zwischen Mensch und Natur fasziniert Franziska Weigand „irgendwie schon immer“. Die Umwelt liegt ihr sehr am Herzen und auch die Wechselwirkungen, die Menschen mit ihrem Handeln verursachen.

Vor allem die Liebe zur Natur spürt man bei Weigand deutlich: Sie lebt in Schwabendorf in einem wahren Idyll, das sie sich mit ihrer Familie geschaffen hat. Die Kinder und die Nachbarsjungen toben über den Hof, im Garten picken die Hühner an den heruntergefallenen Früchten der überladenen Apfelbäume. Eine große Ecke Garten ist für den eigenen Anbau von Gemüse abgezweigt. Und rundherum: Nur Stille, durchbrochen von Vogelgezwitscher und dem sanften Rascheln, das eine Katze im Gras verursacht.

Weigand ist eigentlich Grafikerin

„Eigentlich arbeite ich als Grafikerin“, erzählt Weigand. „Aber die meiste Zeit im Monat verbringe ich doch mit Bildung für nachhaltige Entwicklung.“ In dem Bereich ist sie sehr breit aufgestellt: Weigand arbeitet seit mehr als zehn Jahren eng mit dem Weltladen zusammen und ist Referentin für das Kaffeeprojekt im Botanischen Garten. Im Roßdorfer Jugendwaldheim arbeitet sie zudem als externe Referentin. „Dabei ist es seit einigen Jahren zusätzlich meine Aufgabe, die außerschulischen Bildungsakteure für nachhaltige Entwicklung zusammenzubringen und zu vernetzen.“

Dabei habe sie schnell festgestellt, dass Marburg eine tolle Bildungslandschaft habe, in der viele engagierte Leute zahllose Projekte anstoßen. „Häufig sind es ehrenamtliche Akteure, die diese Projekte nebenbei in ihr Leben integrieren“, erklärt Weigand. So wirkten diese Menschen im Kleinen, blieben oft ungesehen - auch weil sie wenig Zeit für Öffentlichkeitsarbeit hätten. „Ich helfe beim Zusammenschluss und einem gemeinsamen öffentlichen Auftritt aller Akteure - denn so werden alle gemeinsam auch sichtbar.“

Land Hessen fördert Netzwerkarbeit

Ihre Netzwerkarbeit werde vom Land Hessen gefördert. Marburg sei dabei eine von fünf Modellregionen. „Ich treffe mich auch mit den Referenten anderer Regionen, um Erfahrungen auszutauschen“, erklärt die Schwabendorferin.

Sie setzt sich mit Leib und Seele für die Bildung der Menschen ein, um Verständnis für nachhaltige Entwicklung zu fördern. „Das ist unglaublich wichtig“, betont sie. „Den meisten Menschen dürfte mittlerweile klar sein, dass unser aktueller Lebensstil nicht dauerhaft funktionieren kann.“ Durch ihre Arbeit und die Arbeit der zahllosen Akteure sollen die Menschen daher zum Umdenken bewegt werden, indem sie neue Blickwinkel einnehmen und dadurch neues Verständnis für die Welt und die Zusammenhänge entwickeln.

Dabei gehe es nicht nur um das Zusammenspiel von Mensch und Natur in der Theorie. Vielmehr gehe es in der Bildung für nachhaltige Entwicklung darum, die Dinge mit Herz und Kopf zu begreifen und zu verinnerlichen. „Und das macht auch mir als Erwachsener Spaß, denn wir lernen unser Leben lang“, sagt Weigand.

Ihre Arbeit soll zum Umdenken bewegen

Viel gelernt habe sie selbst auf ihren Reisen durch die Kontinente der Welt. „Dabei habe ich gelernt, wie der Blick aus der Welt auf Deutschland und mich als Deutsche ist“, erinnert sie sich. „Das hat mir auch gezeigt, dass ich mit meinem kleinen Dorf nicht alleine auf der Welt bin.“ Sie selbst sei oft als privilegiert, reich, naiv und vom wahren Leben verschont wahrgenommen worden. „Ich mochte das nicht. Aber es war eine wichtige Erkenntnis, dass es stimmt.“ Sie als Studentin habe sich nie als reich empfunden - in Afrika aber erst begriffen, wie gut sie es eigentlich habe. Allein schon, weil sie in Friedenszeiten aufgewachsen sei. „Dort gehören Angst und Gewalt zum Alltag. Mich hat das gelähmt, weil ich es nicht kannte“, beschreibt sie.

„Wir müssen globaler denken lernen und begreifen, dass unser Handeln hier auch einen Einfluss auf die Menschen anderswo hat - und auf die Zukunft.“ Daher wolle sie mit ihrer Arbeit Menschen zum Umdenken bewegen und den Anstoß zu einem fairen Handel und zu einem verantwortungsbewussten Handeln geben. Das fange beim Kaffee an. In dem Projekt im Botanischen Garten vermittele sie Besuchergruppen, wie Kaffee gewonnen wird, wie wertvoll er eigentlich ist - und wie andere Menschen hart dafür arbeiten müssen.

Weigand selbst hat Landwirtschaft studiert und war dann „viel im Ökolandbau und auf Schulbauernhöfen unterwegs“. Naturschutz und Umweltbildung seien ihr eben schon immer wichtig gewesen. „Und die Landwirtschaft ist die archaische Form des Zusammentreffens von Mensch und Natur.“

Hintergrund
Mit einer Arbeitsgruppe von Vertretern der Zivilgesellschaft, des Landkreises und der Stadt Marburg plant Franziska Weigand derzeit die erste Marburger Regionalkonferenz „Nachhaltig Handeln“. Das Thema ist „Auswege aus der Konsumfalle“. Die Konferenz findet statt am 29. und 30. Oktober und soll alle Menschen ansprechen, die sich für Konsum und Nachhaltigkeit interessieren, etwa Bürger, Firmenvertreter, Vereinsvertreter oder Lehrer. Geplant sind verschiedene Workshops, ein „Markt der Initiativen“, bei dem sich lokale Akteure vorstellen, sowie unterschiedliche Vorträge, etwa zu den Themen „Konsum & Glück“ oder „Verträglich konsumieren“.

von Patricia Grähling

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