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„Wir haben uns damalsnoch nicht richtig gekannt“

Freispruch „Wir haben uns damalsnoch nicht richtig gekannt“

Knapp 30 Studierende der Rechtswissenschaften verfolgten die Verhandlung vor dem Kirchhainer Amtsgericht. Für diese hatte Strafrichter Joachim Filmer vor Verhandlungsbeginn sein Ziel definiert.

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Stadtallendorf. von Matthias Mayer

Stadtallendorf / Kirchhain. Er wolle versuchen, dem Angeklagten zur Rücknahme seines Einspruchs gegen ein im Strafbefehlsverfahren ergangenes Urteil zurückzunehmen. Die Aussagen der Zeugen vor der Polizei erschienen eindeutig zu sein. Doch dann kam alles anders.

Der 40-jährige Angeklagte steht vor Gericht, weil er am 6. Februar dieses Jahres gegen 14.40 Uhr in einer Stadtallendorfer Arbeiterunterkunft während eines heftigen Streits einen Mitbewohner beleidigt, mit dem Tode bedroht und eine Tür beschädigt haben soll.

Warum er den Strafbefehl nicht akzeptiere, will das Gericht von dem bulligen Bauarbeiter wissen. „Er sagt, er hat das nicht getan“, antwortet der Verteidiger für seinen einschlägig vorbestraften Mandanten, der vor dem Kirchhainer Amtsgericht von seinem Recht Gebrauch macht, nicht zur Sache auszusagen. So bleiben dem Gericht zur Wahrheitsfindung nur die Aussagen des vermeintlichen Opfers und des Hausmeisters der Unterkunft.

Keine Aussagen zumeigentlichen Tathergang

Das „Opfer“, ein 46-jähriger Maurer, der wie der Angeklagte aus dem slawischen Sprachraum stammt, gibt an, dass sein Kontrahent von der Arbeit in die Unterkunft gekommen sei. „Wir haben uns damals noch nicht richtig gekannt“, sagt er, was nicht wirklich zur Sache gehört. Aber er wiederholt diesen Satz ostentativ noch dreimal, was das Gericht zu der Nachfrage bringt, ob die ehemaligen Streithähne inzwischen miteinander befreundet sind. Das verneint der Zeuge, um ein „heute kennen wir uns“ nachzuschieben.

Zum eigentlichen Tatvorwurf kommt von dem Zeugen so gut wie nichts. „Ich habe mich in meinem Zimmer eingeschlossen, damit der Streit nicht weiter eskaliert“, erzählt er die Geschichte von hinten. „Er hat geschrien. Aber was? Hat gerufen auf Russisch“, gibt der Mann an.

„Hat er Sie mit dem Tode bedroht“, möchte Joachim Filmer konkret wissen und konfrontiert den hageren Zeugen mit dessen eindeutigen Aussagen vor der Polizei. „Ich kann mich nicht genau erinnern. Er war betrunken, hat im Haus zwei Türen beschädigt“, kommt die Antwort.

„Sind die Worte, ,ich bringe Dich um‘ gefallen?, fasst Joachim Filmer noch ein weiteres mal nach. „So direkt nicht, aber er war böse. Weil er an meine Tür klopfte, dachte ich, es ist bedrohlich“, endet dieser Dia-log.

Der 58-jährige Hausmeister berichtet im Zeugenstand von einem lautstarken Tumult im Treppenhaus und einer zerbrochenen Tür. Er habe deshalb sofort die Polizei gerufen. Noch vor deren Eintreffen sei der Angeklagte in seinem Zimmer verschwunden, die Lage habe sich beruhigt, sagte der Mann, der vom eigentlichen Streit und der Bedrohung nichts gehört hat.

Da sich der Anklagepunkt nicht beweisen ließ, spricht das Gericht den Angeklagten frei und folgt den gleichlautenden Anträgen von Staatsanwaltschaft und Verteidigung.

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