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Wer ist der „Marburger Boy“?

Aus dem Amtsgericht Wer ist der „Marburger Boy“?

Mit der Einstellung des Verfahrens endete am Freitag ein Prozess gegen einen 30-jährigen Familienvater aus Stadtallendorf.

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Das Foto zeigt die Startseite von knuddels.de auf einem PC-Monitor. Dieses Chatforum für junge Leute, dessen Betreiber nach eigenen Angaben großen Wert auf Jugendschutz legen, war Ausgangspunkt eines Strafverfahrens wegen sexueller Handlungen vor einem Kind.

Quelle: Matthias Mayer

Kirchhain. Oberamtsanwalt Reinhard Hormel hatte den Angestellten angeklagt, weil er am 12. Oktober 2012 vor einem Kind onaniert haben soll, mit dem er über den Video-Telefondienst Skype verbunden war. Zugleich soll er das Kind aufgefordert haben, sich teilweise auszuziehen und sexuelle Handlungen an sich vorzunehmen. Das lehnte das Kind jedoch ab.

Das Opfer war ein zur Tatzeit 12-jähriger Junge aus Norddeutschland. Der Internet-Kontakt zwischen dem Kind, das im Netz mit seinem nur um einen Buchstaben veränderten Klarnamen agierte, und einem erwachsenen Mann, der sich „Marburger Boy“ nannte, war über die Chat-Plattform knuddels.de zustande gekommen. Knuddels.de will eine Community für Jugendliche und junge Erwachsene sein.

Die 41-jährige Mutter des Opfers gab im Zeugenstand an, dass sich ihr Sohn mit ihrer Erlaubnis auf dieser Seite angemeldet hatte. Ob ihr Kind die richtige Altersgruppe für das Forum gewählt hatte, wusste sie nicht zu sagen. Auch dass sich ihr Kind als Mädchen angemeldet hatte, wusste sie nicht. Aus allen Wolken fiel die Mutter, als sie auf dem Familien-PC ein minimalisiertes Skype-Fenster öffnete und dabei auf ein Chat-Protokoll zwischen ihrem Sohn und dem „Marburger Boy“ stieß. Dieses Protokoll fanden die Ermittler auch auf dem Laptop des Angeklagten.

Der stark sexualisierte Inhalt des Protokolls, der Grundlage des Verfahrens ist, schockierte die Mutter. Sie druckte das Protokoll aus und ging damit zur Polizei. Ihr Sohn habe ihr erzählt, dass er auf knuddels.de von einem Unbekannten angeschrieben und dann aufSkype gelotst worden sei.„Skype war nicht vereinbart, da hat mein Sohn sich nicht an eine Vereinbarung gehalten“, erklärte die Zeugin. Ihr Sohn habe unter der Geschichte sehr gelitten, könne sich selbst nicht erklären, warum er sich auf die Sache eingelassen hatte.

Das Opfer bestätigte den Anklage vorwurf

Seine eigene Aussage fiel dem heute 14-Jährigen, der wesentlich jünger aussieht, sichtlich schwer. Mehrfach verbarg er sein Gesicht unter dem Pullover. Er berichtete von dem ersten Kontakt mit dem „Marburger Boy“ auf knuddels.de und von dessen Vorschlag, auf Skype zu wechseln. Dazu habe er den Unbekannten auf Skype angeschrieben.

Die ungleichen Gesprächspartner nutzten für die Kommunikation nicht die Telefon-, sondern die Video-Chatfunktion. Anfangs, so der junge Zeuge, seien normale Fragen gestellt worden. Als sich diese um das Thema Sexualität drehten, sei er unsicher geworden und habe ausweichend geantwortet. Auf die entscheidenden Fragen, ob er denn seinen Chatpartner auf der Anklagebank wiedererkenne und dieser sich selbst befriedigt habe, antwortete der Zeuge mit einem vorsichtigem und einem eindeutigen Ja.

Der Angeklagte äußerte sich nicht zur Sache. Seine Anwältin verfolgte eine dreigleisige Strategie. Sie verwies darauf, dass ihr Mandant, sollte er die Tat begangen haben, wegen einer falschen Altersangabe des Opfers bei knuddels.de nicht habe wissen können, dass er es mit einem Kind zu tun hat. Für die Unschuld des Angeklagten sprächen, dass das Kind auf Nachfrage besondere Merkmale im Intimbereich ihres Mandanten nicht erwähnt habe. Schließlich könne nicht ausgeschlossen werden, dass der Skype-Account ihres Mandanten geknackt und ein unbekannter als „Marburger Boy“ die Tat begangen habe.

Nicht ganz wasserdichte Beweisführung

Die ersten beiden Punkte wies das Gericht entschieden zurück, dem dritten konnte es sich nicht völlig verschließen. Ein IT-Sachverständiger aus München berichtete, dass Skype die Protokollierung der Nutzungsdaten synchronisiert habe. Das bedeutet: Jeder Skype-Kontakt eines Nutzers wird auf allen Rechnern gespeichert, auf denen der Nutzer bisher geskypet hat. Bei der Durchsuchung der Datenträger des Angeklagten sei das fragliche Protokoll auch in gelöschten Dateien gefunden worden. Das könne ein Indiz dafür sein, dass von dem Rechner aus gechattet worden sei. Ganz sicher lasse sich das aber nicht sagen.

Auf Anregung der Staatsanwaltschaft und mit Billigung des Angeklagten und seiner Verteidigerin stellte Richter Joachim Filmer das Verfahren nach Paragraf 153.2 der Strafprozessordnung auf Kosten der Staatskasse ein. Der Richter begründete dies nicht allein mit der nicht ganz wasserdichten Beweisführung, sondern auch mit der Tatsache, dass sich auf den sichergestellten Datenträgern des Angeklagten keine Hinweise auf pädophile Neigungen fanden.

von Matthias Mayer

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