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Wer ist der Fromme, wer der Böse?

Vom Nachbarn angeschwärzt Wer ist der Fromme, wer der Böse?

Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt. Schillers Aphorismus bewahrheitete sich bei einem Strafprozess vor dem Kirchhainer Amtsgericht.

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Kirchhain. Am Ende des Verfahrens blieb offen, wer von den beiden Protagonisten der Fromme und wer der Böse ist. Auf jeden Fall erwies sich die vorausgegangene Beweisaufnahme als warnendes Plädoyer gegen Mietwohnungen und für freistehende Einfamilienhäuser. Denn ohne einen veritablen Streit unter Kirchhainer Wohnungsnachbarn hätte es das Verfahren nicht gegeben.

Die Anklage warf einem 53-jährigen Kirchhainer vor, am 1. und am 8. August jeweils in den Morgenstunden mit seinem Auto durch die Stadt gefahren zu sein, obwohl ihm eine Woche zuvor der Führerschein entzogen worden war. Der Angeklagte bestritt die Tatvorwürfe. Er habe nur den Motor seines auf der Straße stehenden Autos gestartet, um die Batterie aufzuladen. Zweck der Übung: Das Auto sollte verkauft werden.

Der 67-jährige Wohnungsnachbar des Angeklagten hatte den Mann angezeigt. Und er schilderte dem unter Vorsitz von Strafrichter Joachim Filmer tagenden Gericht präzise und detailreich die von ihm protokollierten Vorgänge um beide Fahrten. Samstag, 1. August, 8.30 Uhr: Der Zeuge zieht das Rollo des ehelichen Schlafzimmers hoch. Dabei sieht er, wie sein Nachbar mit dem Auto stadteinwärts fährt. 8.50 Uhr die nächste Protokollnotiz. Der Nachbar kehrt zurück. Das ist dem Zeugen nicht entgangen.

Keine Erklärung für zeitliche Abweichung

Der Angeklagte holt aus dem Kofferraum eine Kiste Bier und trägt diese ins Haus. Samstag, 8. August, früher Nachmittag. Der Zeuge bricht mit seiner Frau zu einem Stadtbummel auf. Auf dem Rückweg begegnet er seinem Nachbarn am Steuer des Autos. „Er hielt an einer Kreuzung an. Wir standen uns aus zwei Metern Entfernung gegenüber“, sagt er. Protokollierte Uhrzeit der Begegnung: 17.30 Uhr.

Richter Joachim Filmer hält dem Zeugen vor, dass sich diese zweite Fahrt laut Polizei-Protokoll morgens um 10.30 Uhr ereignet hat. Das irritiert den 67-Jährigen sichtlich. Er hat doch seine Aufzeichnungen. Und er weiß doch genau, welcher Anlass zu der Begegnung führte. Die zeitliche Abweichung kann sich der Protokollant nicht erklären.

Dafür bekennt er sich zu seiner tiefen Abneigung gegenüber seinem Nachbarn. „Wir haben immer mit ihm Probleme im Haus. Diese haben wir protokolliert“, gibt er an. Dieser sei Fußballfan, gucke an Mittwochabenden Fußball. Dabei schreie der Mann. Und er lasse geleerte Bierflaschen geräuschvoll in den Bierkasten plumpsen. Damit störe er die frühe Bettruhe der unter ihm wohnenden Eheleute.

Angeklagter zu Geldstrafe verurteilt

Wie er denn vom Führerscheinverlust des Angeklagten erfahren habe, will Joachim Filmer wissen. Die Protokolle des Zeugen geben auch darauf Antworten: Am Mittwoch, 19. August, ist das Auto weg. Offenbar verkauft. Die Polizei ist im Haus und will den Angeklagten sprechen. Das Haus ist, so der Zeuge, derart hellhörig, dass er die Dialoge hören kann. Dabei soll von dem Führerscheinentzug die Rede gewesen sein, so die Aussage des 67-Jährigen.

Der die Anklage vertretende Rechtsreferendar beantragte,die Schwarzfahrten mit einer Geldstrafe von je 30 Tagessätzen à 12 Euro zu ahnden. Außerdem beantragte er eine Führerschein-Sperrfrist von einem Jahr.

„Er will mich aus dem Haus haben. Allein darum geht‘s“, äußerte sich der Angeklagte in seinem Schlusswort über die Motive seines Denunzianten. „Er hat mit jedem Stress, er hat das mit jedem versucht“, sagte er und ergänzte: „Es muss doch abends um halb zehn erlaubt sein, kurz Tor zu rufen.“

Joachim Filmer verurteilte den Mann nur wegen der ersten so präzise beschriebenen Fahrt zu einer Geldstrafe von 20 Tagessätzen à 15 Euro. Schon das Starten des Motors im öffentlichen Verkehrsraum sei ohne den Besitz eines Führerscheins verboten, klärte Filmer auf. Die zweite Fahrt könne wegen der unterschiedlichen Angaben zu den Uhrzeiten nicht verurteilt werden, sagte der Richter, der auf eine zusätzliche Führerschein-Sperrfrist verzichtete. Das Urteil ist rechtskräftig.

von Matthias Mayer

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