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Wenn eine Arme eine Arme betrügt

Urkundenfälschung Wenn eine Arme eine Arme betrügt

Es war eine Straftat, die gestern vor dem Kirchhainer Amtsgericht zwei etwa gleichaltrige Frauen zusammenführte. Und diese Begegnung verlief ausgesprochen emotional.

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Mit gefälschten Überweisungen versuchte eine junge Arbeitslose offene Versandhaus-Rechnungen zu bezahlen – und stürzte eine Familie damit in Nöte. Symbolfoto: Matthias Mayer

Kirchhain. Die 25-jährige Angeklagte, die sich wegen Urkundenfälschung in fünf Fällen, vollendeten Betrugs in drei Fällen und versuchten Betrugs in zwei Fällen verantworten musste, machte schon vor Verhandlungsbeginn einen großen Bogen um ihr 26-jähriges Opfer aus Kirchhain und verdrückte sich in den äußersten Winkel des Gerichtsflures.

Auf der Anklagebank kauerte sie wie ein Häufchen Elend. Die Situation war der von ihrem Mann getrennt lebende Migrantin sichtlich peinlich. Laut des von Staatsanwältin Annemarie Petri verlesenen Anklagesatzes hatte die Angeklagte zwischen dem 12. und dem 20. März 2013 fünf Überweisungsträger mit den Kontodaten und der gefälschten Unterschrift ihres Opfers ausgefüllt und so offene Rechnungen bei Versandhäusern zu begleichen.

Überweisungsträger auf der Straße gefunden

Auf diese Weise flossen am 12. und am 14. März jeweils 155,91 Euro auf das Konto des Otto-Versandes. Am 20. März überwies die Angeklagte auf diese Weise 54,84 Euro an einen Online-Versand. Am gleichem Tage fälschte sie zwei weitere Überweisungsträger, die den Otto-Versand mit 151,43 Euro und mit 64,94 Euro begünstigen sollten. Diese Überweisungen schlugen fehl, weil sie vergessen hatte, den Empfänger einzutragen.

„Ja, das stimmt. Es tut mir leid“, zeigte sich die jungen Frau sofort geständig. Das Tatgeschehen schilderte sie so: Nach dem Einkauf in der Kirchhainer Tafel findet sie auf dem Bürgersteig der Straße Am Amöneburger Tor einen ausgefüllten Überweisungsträger, der neben einer Mülltonne liegt. Sie nimmt das Stück Papier mit in der Absicht, mit Hilfe der Daten eigene offene Rechnungen zu begleichen.

Wie das geht, hat sie in einem Fernsehbeitrag gesehen. Den ersten Überweisungsträger mit den Kontodaten und der gefälschten Unterschrift des ihr unbekannten Opfers gibt sie bei der Sparkasse in Kirchhain ab. Vier weitere folgen.

„Was ist mit der Schadenwiedergutmachung?“, wollte Amtsgerichtsdirektor Edgar Krug wissen. „Ich habe alles bezahlt - doppelt und dreifach, erklärte die Angeklagte. Das Geld auf das Konto der Geschädigten zurück überwiesen worden.

Plötzlich gibt der Automat kein Geld mehr

Der Auftritt im Zeugenstand zeigte die Folgen dieser Straftat: Zwei kleine Kinder, der Ehemann ist arbeitslos, das Geld ist knapp. Bei einem Besuch in Siegen will die junge Frau Lebensmittel einkaufen. Der Geldautomat gibt aber nichts her. Eine alarmierende Situation für die Familie Sie checkt ihre Kontoauszüge, findet ihr Konto belastet durch Überweisungen an den Otto-Versand. Sie ist dort Kundin, hat aber länger nichts bestellt.

Auf Anraten ihres Kundenberaters bei der Sparkasse lässt sie ihr Konto sperren. Sie bekommt eine neue Kontonummer. Nach mehreren Wochen bekommt sie ihr Geld vom Otto-Versand zurück - von dem Online-Händler nicht. Ein Fonds der Sparkasse hilft aus. Die Sparkasse sichert auch die Liquidität der Familie - die Kinder sollen nicht hungern müssen.

Angeklagte zeigt Reue

Wie belastend die Situation für die Geschädigte war, zeigte sich, als die Angeklagte sich bei dieser entschuldigen wollte. Die Angesprochene rastete aus, wollte wissen, woher ihr gegenüber ihre Bankdaten habe. Den auf der Straßen liegenden Überweisungsträger wollte sie ihr nicht glauben: „Denkst Du, ich schmeiße meinen Müll auf die Straße?“ Edgar Krug beruhigte die Situation mit dem Hinweis, dass ein Überweisungsdurchschlag auch beim Entleeren einer Mülltonne schnell wegfliegen könne.

Annemarie Petri sah nach der Beweisaufnahme die angeklagten Taten als erwiesen an. Für die nicht vorbestrafte Frau sprächen das Geständnis, die offenbar ehrlich gemeinte Reue und der relativ geringe Schaden. Gleichwohl sei die Angeklagte mit einer gewissen kriminellen Energie vorgegangen. „Und es hat jemanden getroffen, der das Geld bitter nötig hatte“, sagte die Staatsanwältin. Sie beantragte eine Verurteilung wegen Urkundenfälschung, Betrugs und versuchten Betrugs zu einer Gesamt-Geldstrafe in Höhe von 80 Tagessätzen à 10 Euro.

Amtsgerichtsdirektor Edgar Krug folgte im Urteil den Anträgen der Staatsanwaltschaft. Trotz des Schadenausgleichs, des frühen Geständnisses, der Entschuldigen und der schwierigen finanziellen Situation der Angeklagten seien die Anträge der Staatsanwaltschaft völlig angemessen. „Sie können die Geldstrafe auch durch gemeinnützige Arbeitsstunden abarbeiten. Darum müssen sie sich aber nach Eingang der Rechnung bei der Staatsanwaltschaft selbst kümmern“, gab Krug der Angeklagten mit auf den Weg.

von Matthias Mayer

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