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Wenn die Wahrheit ein Gerücht sein soll

Gericht Wenn die Wahrheit ein Gerücht sein soll

Als skurril erwies sich ein Fall um Bedrohung und Körperverletzung, der vor dem Kirchhainer Amtsgericht verhandelt wurde. Denn die Beweisaufnahme ergab, dass der Angeklagte für seine Tat kein sachliches Motiv hatte.

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Hinter den Mauern des Kirchhainer Amtsgericht gestaltete sich die Suche nach dem Tatmotiv eines Angeklagten als sehr schwierig. Archivfoto: Manfred Schubert

Kirchhain.  Laut Anklagesatz hatte ein 38-Jähriger Hartz-IV-Bezieher am 14. November 2013 bei einer zufälligen Begegnung im Park einem heute 17-Jährigen eine Ohrfeige versetzt, dem Jungen mit der stumpfen Seite eines Klappmessers durchs Gesicht gefahren und dessen Vater mit den Worten „ich esse Deinen Vater wie ein Hähnchen“ bedroht. Der Angeklagte gab an, dass der junge über seine Familie Gerüchte verbreitet habe. Deshalb hat er das Gespräch gesucht und sein gegenüber freundschaftlich umarmt.

"Ich esse deinen Vater wie ein Hähnchen"

„Der hat sofort angefangen, zu schreien. Ich habe ihn mit den Vorwürfen konfrontiert, ihm aber keine geknallt. Ich habe ihm mit der Hand durchs Gesicht gestriffen und ein Messer habe ich nicht gehabt. Erwachsene Zeugen haben dem Jungen gesagt, er soll sich bei mir entschuldigen. Das hat er auch getan“, sprudelte es aus dem Angeklagten heraus.Und das Motiv? Dies brachte auch ein kurzer Dialog zwischen Oberstaatsanwalt Holger Willanzheimer und dem Angeklagten nicht ans Tageslicht. Willanzheimer: „Was hat der Junge verbreitet?“ Angeklagter: „Dass ich vier Kinder habe und verheiratet bin.“ Willanzheimer: „Das entspricht der Wahrheit.“ Angeklagter: Schweigen. Der Geschädigte ließ im Zeugenstand keinen Zweifel daran aufkommen, dass ihm Unrecht widerfahren ist. „Er hat sich inzwischen bei mir entschuldigt, ich aber nicht bei ihm. Ich habe dazu keinen Grund, denn ich habe nichts getan“, sagte der Zeuge. „Er kam zu mir, hat mich festgehalten und wollte mit mir reden. ,Was hast Du dem Mädchen erzählt?‘, hat er gefragt. Ich wusste nicht, was er wollte, denn ich habe der jungen Frau nur die Wahrheit gesagt. Er hat mir eine Backpfeife gegeben und das Messer herausgeholt“, schilderte er den Vorfall. Der fragliche Satz, „ich esse Deinen Vater wie ein Hähnchen“, sei auch gefallen.

Erniedrigung durch Schlag ins Gesicht

„Das hört sich auf türkisch aber besser an als auf deutsch“, beeilte sich der Zeuge zu sagen. Mit vereinte Kräften versuchten die Türkisch-Kundigen im Saal, diesen Satz zu dechiffrieren. Den entscheidenden Hinweis gab schließlich der Vater des Opfers: Der Satz bedeute so viel wie „ich bin mehr als dein Vater.“ Damit entfiel der Anklagepunkt Bedrohung, so Holger Willanzheimer in seinem Plädoyer. Es bleibe eine Körperverletzung am unteren Rand, die wegen fehlender einschlägiger Vorbelastungen mit einer Geldstraße in Höhe von 30 Tagessätzen à 10 Euro geahndet werden könne. Der Verteidiger sprach von einem angemessenen Strafrahmen und stellte keinen eigenen Antrag. Das unter Vorsitz von Jochim Filmer tagende Gericht folgte im Urteil dem Antrag der Staatsanwaltschaft. „Der Sinn hat sich mir nicht erschlossen“, bekannte der Richter und mutmaßte, dass der jungen Frau durch die wahrheitsgemäße Aufklärung durch den Zeugen der jungen Frau signalisiert werden sollte: „Der Mann ist verheiratet und hat vier Kinder. Lass die Finger von ihm.“ Joachim Filmer sprach von einer zielgerichteten und bewussten Tat, die das Opfer vor Gericht genau so wie bei seiner polizeilichen Vernehmung geschildert habe. Ein Schlag ins Gesicht sei nicht nur schmerzhaft, sondern auch eine Erniedrigung. Das Urteil erlangte sofort Rechtskraft.

von Matthias Mayer

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